Monat: Februar 2018

Zweiklassenmedizin – Version 3.0

Seit den letzten Bundestagswahlen steht das Thema „Zweiklassenmedizin“ wieder im medialen Fokus. Und es ist üblich, dass Politiker schnell Position beziehen. Hört sich auch gut an, wenn man gegen Zweiklassenmedizin ist. Wer würde schon dafür plädieren?

Zwei Klassen gibt es bei der Bundesbahn. Bei der Lufthansa sind es bereits vier. Und in der Medizin? Streng genommen haben wir wesentlich mehr Klassen, nur dass die Grenzen sehr unscharf sind. Zunächst einmal sind 86.2% der Bevölkerung in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert, hingegen sind 10.6% Privatversicherte. Die weiteren 3.2% sind entweder nicht versichert oder gehören zu eine speziellen Minderheit, die anderweitig versichert ist.

Wenn wir die zwei führenden Versicherungsgruppen (gesetzliche Krankenkasse (GKV) und Privatversicherung (PV)) betrachten, zeigen sich viele Unterschiede. Bei Privatpatienten wird jede einzelne Leistung beim Arztbesuch vergütet. Bei den gesetzlich Versicherten (AOK, Techniker u.a.) hat der EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab – kurz: die Gebührenordnung für Kassenpatienten) vereinfacht dargestellt eine Flat-Rate geschaffen. Mit dem ersten Arztbesuch im Quartal ist die meiste Vergütung dem Arzt bereits zugeflossen. In der Summe stellt sich ein Arzt bei Privatpatienten somit besser, weil jeder Arztbesuch mit einer Vergütung verbunden ist. Für den Privatpatienten kann in einzelnen Fällen aus dem gleichen Grund auch ein Zuviel an Diagnostik/ Therapie erfolgen – das ist die Kehrseite.

Das macht die Mehrheit der Ärzte nicht. Ihnen ist Geld – wie allen Berufsgruppen – auch wichtig. Aber vor allem die Gesundheit ihrer Patienten, die sich ihnen anvertraut haben. Vertrauen ist in der Medizin die zentrale Kategorie.

Schwieriger wird es bei reinen Privatärzten. Viele von ihnen sind als Ärzte gestartet, die Patienten aller Kassen behandelten. Nachdem sich ein gewisser Erfolg einstellte, haben sie die Türen für die „Kassenpatienten“ geschlossen. Das hinterlässt dann sehr Wohl ein „G’schmäckle“, wie man in unserem Ländle sagt.

Es kann letztlich auch nicht angehen, dass die Gemeinschaft aller Menschen in Deutschland für das Medizinstudium finanziell aufkommt, um dann eine grössere Zahl an Ärzten – die Privatärzte – nicht aufsuchen zu dürfen. Das geht gar nicht, würden Jugendliche heute sagen. Es wäre konsequent, von Ärzten mit Privatpraxis einen Großteil der Kosten des Studium (das sind insgesamt ca. 200.000 € pro Student) zurückzuverlangen, denn sie stehen der Allgemeinheit ja nicht zur Verfügung.

Es gibt aber noch weitere Aspekte. Alle Kassenpatienten zahlen abhängig vom Einkommen ihre Beträge. Dennoch haben Patienten in der Stadt oftmals 50% mehr Ärzte zur Verfügung als auf dem Lande (Stadt-Land-Gefälle). In Berlin gibt es massive Unterschiede innerhalb der Stadt. Wer prima versorgt werden möchte muss nach Zehlendorf, wer in Neukölln lebt muss sich bescheiden. Dort gibt es für zum Beispiel Patienten weniger als halb so viele Orthopäden (Reich-Arm-Gefälle). Bei den Kinderärzten sieht es ähnlich aus.

Arztdichte in OECD-Ländern im Jahre 2000 und 2015. Der Durchschnitt liegt in der OECD bei 6.9 Arztbesuchen pro Jahr. Das Maximum (links) in Südkorea bei 16.0, die Schweiz liegt bei 3.9. Foto: OECD

Immer wieder kommt im Zusammenhang mit dem Thema „Zweiklassenmedizin“ auf, dass ein Termin beim Arzt so schwer zu bekommen sei. An diesem Punkt verlässt viele Politiker – so sie wiedergewählt werden wollen – der Mut, auch den Patienten mal auf den Zahn zu fühlen. Wie oft geht ein Deutscher im Durchschnitt pro Jahr zum Arzt? Laut OECD war jeder Deutsche im Jahr 2015 10 Mal beim Arzt (andere Statistiken sagen sogar 18 Mal, wobei hier auch Rezeptausgaben und Telefonate als „Besuch“ gewertet werden). Wie die nebenstehende Graphik der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) zeigt, sind es in den nordischen Ländern nur 3 bis 4 Arztkontakte pro Jahr. In diesen Ländern ist die Lebenserwartung jedoch deutlich höher als in unserem Lande. Behandeln die Ärzte langfristig günstiger? Haben die Menschen bessere Lebensbedingungen? Sicher ist eines: Gezielte Arztbesuche führen zu besserer medizinischer Qualität. Davon profitieren chronisch Kranke, die auf den Arzt angewiesen sind und bei Verschlechterungen nicht wochenlang warten können. Kleinigkeiten können wir auch der Natur überlassen.

Vermutlich bleibt das Thema „Zweiklassenmedizin“ uns erhalten. Leider in einer Kurzform, die dem Problem nicht gerecht wird. So wie es jetzt behandelt wird, geht es eher darum Neid zu pflegen. Sinnvoller wäre, die genannten Aspekte zu diskutieren um das Gesundheitssystem in Deutschland effektiver zu gestalten. Es sind einfach mehr als 2 Klassen betroffen. Nennen wir es besser Mehrklassenmedizin über die wir diskutieren sollten.

Erkältung – Ist die Kälte gefährlich?

Jetzt ist die Zeit der Erkältungen – alle erleben das immer wieder, auch wir Erwachsene: die Nase juckt zunächst und beginnt bald zu laufen, gefolgt von Kopf- oder Gliederschmerzen, Müdigkeit. Dazu noch leichtes bis mittleres Fieber und oft Husten und Halsschmerzen.

Anlass zu Sorge? Meistens nein. Kinder erkranken an solchen Infekten je nach Alter bis zu 10 mal im Jahr, wir Erwachsene deutlich weniger. Unser Immunsystem hat in den früheren Jahren die ursächlichen Viren bereits kennen gelernt und kann sich meist zu Wehr setzen, wenn die Eindringlinge sich zeigen. Bei Kindern ist das anders: Ihr Immunsystem muss erst trainiert werden. Das geht beim dem einen Kind sehr leicht, andere haben viele Infekte und hohes Fieber und müssen für ihre Immunantwort viele Nächte im Fieberwahn durch kämpfen. Und mit ihnen die Eltern, die mit leiden müssen.

Wie können Eltern helfen?

Abstellen kann man diese Infekte natürlich nicht, obwohl wir das alle wünschen. Viren sind für diese Erkrankungen verantwortlich und gegen sie gibt es keine gängige und harmlos wirksame Arznei. Also muss man die Arbeit dem Körper überlassen, der dafür meist sieben Tage – manchmal auch eine Woche 🙂 – braucht. In dieser Zeit können manche Arzneien und andere Maßnahmen die Beschwerden lindern:

  • „Fiebermittel“ (siehe Schmerzmittel): Paracetamol (ben-u-ron©, Captin©) oder Ibuprofen (Nurofen©, Dolormin©, Ibuflam©) vermögen oft das Fieber zu senken und auch zu besserem Wohlbefinden zu verhelfen.
  • Schmerzmittel: Alle diese Medikamente (Paracetamol, Ibuprofen) sind sowohl Schmerzmittel, und Fiebermittel. Und nebenbei verringern sie auch Entzündungsreaktionen. So ist der Halsschmerz nach 20 bis 30 min deutlich besser erträglich. Kopfschmerzen ebenso.
  • Abschwellende Nasentropfen: In der Nacht können sie ein Segen sein. Gerade für Kinder mit ihren kleinen Nasengängen ist eine verstopfte Nase besonders belästigend und wird bedrohlich empfunden.
  • Nasensauger. Effektive Anwendung bei eher zähem Sekret in der Nase. Siehe dazu auch den TIPP Nasensekret im praxisblättle 
  • Und wenn Sie Ihre Mutter fragen? Sie kennt sicher viele Hausmittel, die günstig sind: Zwiebelwickel bei Ohrschmerz, Schmalzwickel bei Bronchitis um zwei Beispiele zu nennen.
  • Und immer: je kühler die Raumluft, umso feuchter ist sie auch. Und das lindert den Reiz an den Schleimhäuten. Meist sind Temperaturen um 20 Grad in den Wohnräumen und 16 Grad im Schlafbereich günstig. Auch für Säuglinge. Man muss die Kinder dann halt etwas wärmer anziehen.

Kann ich diese Erkältungen vermeiden?

Kaum. „Erkältungen“ werden eigentlich nicht durch Kälte ausgelöst. Sonst müssten wir Erwachsene auch recht oft krank sein. Es sind Viren. Und die kommen in der Regel aus dem Rachenraum von Mitmenschen, die selbst nicht unbedingt krank sein müssen. Die Weitergabe der Viren findet immer bei engem Kontakt als Tröpfcheninfektion statt und ist umso leichter möglich, je kälter die Luft um uns herum ist. Denn ab 4° Celsius, stellt unsere Nase ihre Filter- und Abwehrfunktion fast ein. Dann können die Viren also ungehindert eindringen. Eine kühle Luft bei einem Spaziergang in herrlicher Natur ist kaum ein Problem. Die UV-Strahlung hilft, aber auch der kleinste Windhauch. Viren von anderen Menschen im Freien werden schwerlich übertragen. Wenn Sie aber in einem engen Raum wie in einer kalten Bahnhofshalle mit vielen Menschen zusammenstehen, dann ist das Risiko für eine „Erkältung“ sehr hoch. Da hilft keine warme Mütze – auch wenn sie sich noch so angenehm anfühlt. Vor einer warmen Mütze haben Viren keine Angst!

Was geht rum? 01. Februar 2018

In diesem Jahr haben wir einen sehr warmen Januar erlebt, den wärmten seit Aufzeichnung des Wetters wie uns Meteorologen bestätigen. Dadurch haben viele Pflanzen bereits Morgenluft gerochen und angefangen zu sprießen. Wer im Süden Deutschlands Büsche im Garten hat, wird bereits sein Wochen von zarten Düften umschmeichelt.

Abbildung 1: Haselpollenflug in Münsterlingen am Bodensee. Schwarze Balken: aktuelle Daten vom Januar 2018, grau: Mittelwerte der letzten Jahre. Foto: aha, Allergiezentrum Schweiz

Das Klima hat auch Folgen für die Gesundheit der Menschen. Das kann am Pollenflug abgelesen werden, der längst im Gange ist. In der nebenstehenden Grafik (Abbildung 1) des aha (aha! Allergiezentrum Schweiz) aus Bern wird klar, was dies in Bezug auf den Haselpollenflug bedeutet. Die Farben geben die Schwere des Pollenflugs wieder: gelb (unterste dünne Linie) bedeutet schwachen Pollenflug, orange bedeutet mässigen Pollenflug, rot bedeutet starken und lila sehr starken Pollenflug. Es zeigt sich also, dass bereits am 05. Januar 2018 ein erster Pollenflug für Haselpollen in Münsterlingen am Bodensee zu verzeichnen war. Der Anstieg ging am 09. Januar weiter in die orange Zone um am 31. Januar erstmal die lila Zone zu erreichen. Kurz gesagt: wir sind schon mitten in der Pollensaison. Zumindest in der Bodenseeregion. Und das einen Monat früher als im Durchschnitt der letzten Jahre. Für Pollenallergiker ist es also wichtig, jederzeit für akute Probleme gerüstet zu sein (Notfallmedikamente !). Ob alle anderen sich auf einen baldigen Frühling freuen können? Warten wir’s ab.

Abbildung 2. Respiratorische Erkrankungen in der 3. Januarwoche 2018. Im südlichen Baden-Württemberg zeigt sich eine erhöhte Aktivität (blau = wenig Aktivität; grüne = moderat erhöhte Aktivität; gelb – rot = deutlich bis stark erhöhte Aktivität). Foto: Arbeitsgemeinschaft Influenza

Denn, die Infekte schlummern zwar noch etwas. Aber, die Erkrankungen an Influenza („Grippe“) haben schon leicht zugenommen. Die nebenstehende Abbildung 2 zeigt, wie in der dritten Woche des Jahres aus dem tiefen Blau Inseln mit grünlich-gelber Färbung herausstechen. Die momentanen hot-spots der Influenza. Man muss kein Prophet sein um zu erahnen, dass sich das Bild im Südwesten mit der kommenden Fasnet bald deutlich weniger blau darstellen wird. Die Grippesaison dürfte für die Saison 2017/2018 eröffnet sein. Leider stellt die regelhaft von der kassenärztlichen Vereinigung empfohlene Impfung (3-fach) nahezu keinen Schutz dar.  Der vorherrschenden Influenza-B-Viren (68% aller nachgewiesenen Viren laut RKI) betreffen den Stamm Phuket, der leider nur im Vierfach-Impfstoff enthalten ist. Menschen, die sich effektiv schützen wollen, sollten eine erneute Impfung mit einem Vierfach-Impfstoff überlegen.

Und was geht in der Welt rum? Der Ausbruch von Gelbfieber in Brasilien nimmt weiter an Fahrt auf. Laut Gesundheitsministerium sind inzwischen 53 Menschen in den Bundesstaaten Minas Geraiss, Sao Paulo und Río de Janeiro an der Erkrankung verstorben (Stand: 29.01.2018). Reisende nach Brasilien sollten nach Absprache mit dem Arzt eine Gelbfieberimpfung überlegen.