Wenn Lehrer in Stress kommen: Chronisch kranke Kinder

Zyklon über dem Indischen Ozean. Mit seiner Kraft bringt er alles auf den Punkt. Im Lebensalltag sind die Kräfte schwächer. Aber das Ziel ist das Gleiche. Wir haben eine Idee und versuchen sie auf den Punkt zu bringen. Foto: NYT

In der Schule arbeiten nicht nur Lehrer. Schon immer gibt es Hausmeister, Reinigungspersonal und seit einigen Jahren auch Sozialarbeiter und Psychologen. Was es in aller Regel noch nicht gibt: Schulgesundheitsfachkräfte. Also spezialisierte Fachkräfte, die Kindern und Jugendlichen in Sachen Gesundheit zur Seite stehen.

„Ich habe Bauchweh“. Diese Aussage führt Kinder meist ins sog. Krankenzimmer. Dort werden sie nach kurzer Betreuung von den Eltern abgeholt oder – wenn es ganz dringend ist – auch mal vom Lehrer zum Kinder- und Jugendarzt gebracht. Politisch gut geregelt ist das nicht unbedingt.

Praktisch keine Hilfe steht bereit, wenn chronisch kranke Kinder und Jugendliche Unterstützung brauchen. So vertritt das Kultusministerium in Baden-Württemberg den Standpunkt, dass für eine medizinische Assistenz die Krankenkassen in der Pflicht seien. Diese wiederum zeigen sich in aller Regel zugeknöpft, wenn es um die Erstattung von Extrakosten geht, die durch ausgebildete Kräfte vor Ort in der Schule erbracht werden müssen.

Aber das Gesundheitswesen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Heute wird eine einfache Lungenentzündung (Bronchopneumonie) mit Unterstützung des niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes zuhause behandelt. Das dauert meist um die drei Tage. Die gleiche Krankheit führte vor 50 Jahren noch zu einem Krankenhausaufenthalt mit Isolation für mehrere Wochen. Eltern durften vom Balkon des Krankenhauses durch die Fenster ihre Kinder sehen, sie konnten an die Scheiben klopfen, aber sie nicht in den Arm nehmen.

Das ist heute anders, weil Eltern Assistenzaufgaben übernommen haben. Heute haben alle Eltern gute Grundkenntnisse in der Medizin und der Arzt kann sich darauf verlassen, dass sie die Therapie – grosso modo – zuhause entsprechend gut durchführen.

Hinzu kommt, dass die medizinische Therapie erheblich komplexer wurde. Das erleichtert das Leben von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus, Epilepsie oder Asthma bronchiale erheblich. Andererseits verlangt es aber auch eine exakte und oftmals aufwendige Mitarbeit Dritter, weil ansonsten schwere Krankheit mit Krankenhausaufenthalt drohen.

Und jetzt haben wir die Ganztagsschule mit dem Anspruch, dass die Schule für ein Drittel des Tages der Lebensmittelpunkt für Kinder ist. In dieser Situation muss die Schule auch die Aufgaben übernehmen, die Eltern sonst zu Hause erfüllen. Eine Rückstufung der Schüler in spezielle Förderschulen wäre hier eine Diskriminierung und würde die Laufbahn des Kindes oder Jugendlichen gefährden. Trotz allem kommt so etwas auch heute noch vor. Die Lehrer sehen diesen Widerspruch klar und lösen die Problematik, indem sie kurzerhand auch medizinische Aufgaben übernehmen. Damit kommen sie aber in juristische Grauzonen und fühlen sich darüber hinaus überfordert, weil ihnen für diese medizinische Aufgabe die Ausbildung fehlt. Dabei geht es oft nicht nur um eine Tablette (die regelmäßig verabreicht werden muss), sondern auch um eine Notfallspritze, die beispielsweise ein Kind mit einer schweren Nussallergie im allergischen Notfall schnell braucht.

Im Moment ist gerade in Baden-Württemberg noch keine umfassende Regelung gefunden. Für Eltern bleibt damit die Aufgabe, bei den verschiedenen chronischen Erkrankungen mit dem jeweiligen Lehrer Kontakt aufzunehmen und um Unterstützung zu bitten:

  • Bei Kindern mit Diabetes mellitus: Dass man ihnen einen Rückzugsort für die Durchführung der Blutzuckermessung und der Injektion der Insulindosis gewährt.
  • Bei Asthma bronchiale: Dass der Lehrer kurz nachfragt, ob vor akuter Belastung im Sport das Notfallspray inhaliert wurde.
  • Bei schweren Allergien: Dass der Lehrer bereit ist, an einer Kurzschulung beim Kinder- und Jugendarzt teilzunehmen, um im Notfall im Umgang mit dem Adrenalin-Injektor sicher zu sein.
  • Bei Epilepsie: Dass das Notfallmedikament sicher (im Lehrerzimmer?) gelagert werden kann und alle Fachlehrer damit umzugehen wissen. 
  • Bei den vielen weiteren Erkrankungen wie Mukoviszidose werden die Anforderungen an die Schule nochmals höher und komplizierter.

Eine gute Zusammenarbeit von Eltern, Kinder- und Jugendarzt und Schule ist möglich. Sie erfordert aber einen erheblichen Aufwand aller Beteiligter und eine gute schriftliche Dokumentation der medizinischen Hilfsmaßnahmen.

Mit einer spezialisierten Schulgesundheitsfachkraft wären die differenzierten Aufgaben in guten Händen. Eltern und Lehrer sollten ihre Möglichkeiten nutzen, diese beim Kultusministerium einzufordern. „Wir sind ein reiches Land …..“ heißt es an dieser Stelle immer. Wichtiger ist aber, dass wir ethische Ansprüche an uns selbst haben müssten, damit unsere Kinder mit den speziellen Bedürfnissen ein weitgehend normales Leben führen können. Das wäre dann echte Inklusion – leider auch wieder so ein überstrapaziertes Wort.

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