Monat: März 2019

👓 Plupp – eine neue Serie

Beim Regen fallen Millionen einzelner Tropfen vom Himmel: Plupp. In jedem von ihnen verdichten sich Informationen. So auch in unserer neuen Serie, die wir im praxisblättle starten wollen.

Dort werden wir ab April monatlich – wie in einem Tropfen verdichtet – Informationen über jeweils ein spezifisches Thema präsentieren. Dies wird in Form prägnanter Daten geschehen, die ein spezielles Feld beleuchten. Keine langen Texte. Halt ein Informationstropfen: „Plupp“.

Wir freuen uns über Anregungen, Ideen und Kritik jeder Art.

Giftpflanzen: Goldregen

Seine Blüte ist vollmundig und erfreut ab April über viele Wochen die Menschen durch ihr intensives Gelb, das durch die keimenden Blätter schön zur Geltung kommt: der Goldregen (Laburnum anagryoides).

Goldregen ist hochgiftig durch das darin enthaltende Cytisin. Dies kommt in allen Bestandteilen des Goldregens vor, besonders aber in seinen Früchten und Samen. Selbst das Lutschen an den Blüten bedeutet für Kinder eine Gefahr!

Symptome

Etwa 30 min nach Verzehr: Speichelfluss, Schweißausbruch und Brennen im Mundraum. Danach tritt Erbrechen auf, das bis zu 2 Tagen anhalten kann sowie kolikartige Bauchschmerzen. Das Erbrechen als zentrales Vergiftungssymptom verhindert
in aller Regel eine tödliche Vergiftung.

Therapie

Anruf in der Vergiftungszentrale sowie rasches Aufsuchen einer Klinik. Zuhause sollten keine Versuche unternommen werden, das Kind zum Erbrechen zu bringen.

Prävention

Kinder bitte nicht auf diese giftige Pflanze hinweisen, solange sie sich ihr nicht aktiv nähern. Denn: „Was verboten ist, das macht uns grade scharf“ (Wolf Biermann)

Was geht rum? 16. März 2019

Die Atemwegsinfekte scheinen sich immer mehr auf dem Rückzug zu befinden. Da hat die Fastnacht glücklicherweise nichts dran geändert. Wie bei manch anderem Erreger, hat sich auch die Häufigkeit bei den Influenza-Erkrankungen abgeschwächt. Nunmehr stehen einfache Racheninfekte, öfter auch mit Mittelohrentzündung, im Vordergrund. Daneben treten auch Erkrankungen mit Streptokokken auf. MagenDarmInfektionen sind inzwischen vorwiegend auf Rotaviren zurückzuführen. Diese sind im Vergleich zum letzten Jahr um 50% häufiger seit Beginn dieses Jahres.

Im Gegenzug zum Rückgang der Infekte erreichten die Pollenbelastungen bis Mitte der Woche neue Höhenflüge. Erstmals in diesem Jahr wurden Birkenpollen – in noch schwacher Konzentration – im Bodenseegebiet gemessen.

Was geht in der Welt rum? In vielen tropischen Regionen der Welt gewinnt das Gelbfieber an Bedeutung. So wird bei der Einreise in die Dominikanische Republik aus Brasilien kommend neuerdings eine Gelbfieberimpfung verlangt. Hintergrund sind die vermehrten Erkrankungen der letzten Monate im Land am Amazonas. Von den 50 gemeldeten Erkrankten seien inzwischen 12 Menschen verstorben. Gelbfieber trat zuletzt auch in der Region Cochabamba in Bolivien auf. In dieser Gegend zwischen Altiplano und dem Amazonas auf immerhin 2500 Metern ü. M. würde man diese Krankheit weniger vermuten.

MMR-Impfung – gegen Masern, Mumps und Röteln

Diese Impfung wird im Praxisalltag häufig kontrovers diskutiert. Solange, bis die ersten Kinder regional an Masern erkranken. Dann ist der Impfstoff plötzlich schnell gefragt. Das ist ein menschliches Phänomen, dem wir oft unterliegen. Wie im Autoverkehr, wenn Lastwagen an Kreuzungen häufig Fahrradfahrer oder Fußgänger überfahren, wie schon mehrfach in diesem Jahr in Berlin. Erst wenn etwas passiert ist, reagieren wir.

Besser ist natürlich, sich in Ruhe zu informieren, bevor unter einem äußeren Druck entschieden werden muss. Dazu einige Anmerkungen:

Masern sind doch nur eine Kinderkrankheit – ?

Masern werden manchmal im Internet eher harmlos dargestellt. Als Krankheit sind sie brutal. Zum Glück treten sie in Deutschland nur sporadisch auf, weil die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Im Jahre 2016 hatten immerhin 92.2% der Kinder bundesweit zwei  Masernimpfungen erhalten. Damit waren sie vollständig geimpft. Die geringste Quote wurde übrigens – wie schon früher – im Ländle registriert. In Baden-Württemberg lag sie mit 89.5% am niedrigsten.

Die Bezeichnung Kinderkrankheit kommt daher, dass in der Zeit vor den Impfungen weitgehend alle Kinder daran erkrankten, weil diese Erkrankungen eine enorme Ansteckungsfähigkeit (Kontagionsindex) haben. Das bedeutet, schon bei einem flüchtigen Kontakt erkranken fast 100% aller Menschen, die der Krankheit noch nie begegnet sind. Der Begriff sagt aber nichts über die Schwere der Erkrankung aus.

Abbildung 1. Impfquoten verschiedener Infektionserkrankungen im Vergleich über die Jahre 2006, 2011 und 2017 (Stand April 2018) Foto: RKI

Die Impfung ist gefährlich?

Eltern überzeugen sich vor jeder Impfung, dass der Nutzen der Impfung bedeutend höher liegt als die mit der Impfung verbundenen Risiken. Das machen sie aus Verantwortung für ihre Kinder, für die sie das beste wollen. Dennoch ist über Impfungen teilweise ein Streit entstanden, bei dem der Austauch von Argumenten mit den Fanatikern nicht mehr gelingt. So kam auch vor 20 Jahren der Verdacht auf, die Impfung würde Autismus hervorrufen. Der Brite Andrew Wakefield hatte dies in einer 1998 erschienen Arbeit behauptet. Nur, Veröffentlichung war in  wesentlichen Teilen manipuliert und später wurde deswegen später zurückgezogen. Die Gegenüberstellung von Risiken der Erkrankung Masern gegenüber der MMR-Impfung haben C. Meyer und S. Reiter vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gut zusammengefasst (die Tabelle ist dieser Publikation entnommen)

Abbildung 2. Gegenüberstellung von Komplikationen der Masern (als Erkrankungen) und der MMR-Impfung. Foto. Bundesgesundheitsblatt, 2004

Warum soll zweimal geimpft werden?

Jede Impfung versucht dem Immunsystem vorzutäuschen, ein echter Krankheitserreger wäre in den Körper eingedrungen. Der Masern-Impfstamm ist den Masern sehr ähnlich. Die krankmachende Wirkung ist aber deutlich abgeschwächt. Dennoch kommt es vereinzelt zu unerwünschten Wirkungen (siehe Abbildung 2), die aber deutlich seltener und schwächer als bei der Krankheit Masern auftreten.

Ebenso lässt sich das Immunsystem durch diesen abgeschwächten Keim nicht zu 100% täuschen. Die Impfung ist also nicht zu 100% wirksam. Die Studien zeigen, dass erst durch die zweite Impfung ein Schutz von 93% – 99% erreicht werden kann. Die erfolgreich Geimpften sind nach bisheriger Studienlage vollständig geschützt. Und wenn genug Menschen vollständig geschützt sind (um die 95%), dann sind auch die übrigen – rein statistisch – geschützt. Sollte von denen einmal einer erkranken, wird sich die Krankheit nicht im Schneeballsystem ausbreiten.  Somit können indirekt auch Menschen geschützt werden, die einen Immundefekt haben und für die eine MMR-Impfung sogar gefährlich sein kann. Wer sich zweimal mit MMR impft, schützt also sich selbst und auch seine Umgebung. Das ist die soziale Komponente.

Wann erfolgen die Impfungen?

Ideal ist, nicht zu früh zu impfen. Nahezu alle Neugeborenen haben einen Schutz gegen die Masern, der sicher 6 Monate anhält. Danach schwindet er langsam. Ab dem 11. Monat kann davon ausgegangen werden, dass der übrig gebliebene Schutz des Babies den Impfstoff nicht mehr angreifen kann. Erst ab diesem Alter ist sicher, dass der Säugling einen eigenen Impfschutz mit dem MMR-Impfstoff aufbauen kann. Die Empfehlung für die Impfung laut RKI ist:

  • 1. MMR-Impfung im Alter von 11-14 Monaten 
  • 2. MMR-Impfung im 2. Lebensjahr im Alter von 15-23 Monaten durchführen zu lassen

Die vielen Masernausbrüche in der Welt bestätigen es immer wieder. Dort, wo Masern aus Armut nur unzureichend geimpft sind (Beispiel Madagaskar) erkranken innerhalb weniger Monate um die 100.000 Menschen, von denen etwa 1000 – ja, die Nullen sind richtig gesetzt – sterben. Dort, wo ein neuer Impfstoff zu früh eingesetzt wird und neue Nebenwirkungen die Menschen verunsichern und zur Ablehnung aller Impfungen führen (Beispiel Philippinen nach der Dengue-Impfung), passiert das gleiche. Bei uns in Europa führt der Wohlstand manchmal zur Überheblichkeit. Da jedoch (siehe oben oder in diesem herrlichen Video von der technischen Universität in Wien) die meisten Menschen geimpft sind, schützen diese die Verweigerer.

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.

Was geht rum? 09. März 2018

In der letzten Woche haben die Pollen nochmals deutlich zugelegt. Im Südwesten blieb der Haselpollenflug bedeutsam, während die Erlenpollen einen fulminanten Start mit sehr hohen Pollenzahlen hinlegten. Manche Kinder und Jugendliche sind dadurch sofort vom Infekt in die Allergie gerutscht. Für die kommenden Tage gilt: Keine Sorge, das Wetter soll wechselhafter werden und die Pollenallergiker können sich vorerst mal entspannt zurücklegen.

Die Grippewelle belästigt noch immer viele Menschen. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Neuerkrankungen gegenüber der letzten Februarwoche um knapp 10% auf nunmehr 2474 Neuerkrankungen zurückgegangen. Damit sind bislang in diesem Jahr etwa halb so viele Menschen an Influenza erkrankt wie noch im letzten Jahr. Für die Noroviren liegen die Neuerkrankungen mit zuletzt 478 Meldungen pro Woche weiterhin hoch. Rotavirusausbrüche werden aus 12 Kindertagesstätten gemeldet.

Während manche Regionen noch von der Influenza beherrscht werden, ist es in anderen Regionen das RS-Virus, was den Kindern zusetzt. Betroffen sind hiervon meist Kinder unter 2 Jahren und ganz besonders Säuglinge, die durch eine Entzündung der kleinsten Bronchien – Bronchiolitis – in eine heftige Atemnot geraten. Gerade in den ersten Lebensmonaten sind für Kinder oft stationäre Behandlungen erforderlich.

Was geht in der Welt rum? Das Hauptthema des praxisblättle sind in dieser Woche die Masern. Laut einer Veröffentlichung der UNICEF sind aktuell nicht nur Madagaskar, sondern auch Brasilien und die Philippinen betroffen. Dort sind in diesem Jahr 12736 Menschen betroffen mit einer Tödlichkeit von 1,6% (203 Todesfälle). Noch schlimmer trifft es gerade die Ukraine, wo im letzten Jahr 35120 Menschen erkrankten. Sogar aus den USA, bislang immer Vorreiter beim Bemühen, die Masern auszumerzen, melden einen Ausbruch mit 70 Erkrankungen im Clark County im Staate Washington. Es zeigt, wie bedeutsam die Impfung gegen Masern bei Reisen in die Welt ist. Insbesondere auch deshalb, weil diese Erkrankung eine enorme Ansteckung hat. Bereits nach kürzestem Kontakt werden Masern ausgelöst.

Schrei-Baby: Wenn mein Baby mich zum Verweifeln bringt

Mit der Geburt eines Kindes ändert sich die Lebenssituation der grösser gewordenen Familie enorm. Informationen aus Büchern und Ratschläge der Umgebung werden oftmals wertlos. Schnell zeigt sich die eigene Persönlichkeit des neu geborenen Babys. Die gilt es anzunehmen und in die Familie zu integrieren.

Bei Kindern, die ruhig schlafen und problemlos trinken geht das recht leicht. Manche Kinder können aber durchaus eine Herausforderung sein: Schrei-Babies. Wenn zarte Babies anhaltend schreien bedeutet das für gutmütige und verständnisvolle Eltern eine extreme Belastung. Sie sind wie vor den Kopf gestoßen – was sie als liebevolle Eltern aushalten – und verzweifelt, weil sie ihr Kind nicht „erreichen“ und kaum beruhigen können, wenn es schreit.

Was sind denn Schrei-Babies? In den 1950er Jahren hat Morris A. Wessel zusammen mit Mitarbeitern in einer Studie versucht, die Besonderheiten des exzessiven Schreiens von Babies zu erklären. Damals kam der Begriff der „Kolik“ auf, der heute als überholt gilt. Heute sprechen wir Kinder- und Jugendärzte von Regulationsstörungen. Mit Bezug auf die Arbeit von Wessel wird noch heute exzessives Schreien diagnostiziert, wenn Babies 3 Stunden am Tag, mindestens 3 mal die Woche während mindestens 3 Wochen schreien – „Rule of the Threes“.

Abbildung 1. Häufigkeit von exzessivem Schreien in Minuten in Bezug auf das Lebensalter in Wochen. Foto: Wolke et al, 2017

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahre 2017 hat die aktuellen Bedeutung der Schrei-Babies beleuchtet. In der Übersichtsarbeit, die 33 Studien aus verschiedenen Ländern umfasst, haben Dieter Wolke und Mitarbeiter von der Universität in Warwick (Großbritannien) gezeigt, dass das Problem in allen Ländern vorkommt. Das Schreien beginnt in aller Regel im Alter von 1 bis 2 Wochen und erreicht im Alter von etwa 6 Wochen seinen Höhepunkt, um danach wieder abzuklingen. In der Abbildung 1 links stellt die untere Kurve die sog. 50. Perzentile dar. Das bedeutet, dass die Hälfte aller untersuchten Babies im Alter von 5-6 Wochen mindestens 120 Minuten pro Tag schrien. Die obere Kurve ist die 95.Perzentile. Sie zeigt, dass zum gleichen Zeitpunkt 5% aller Kinder bis über 4 Stunden (250 Minuten) am Tag schrien.

Die Arbeit konnte folgende Ergebnisse darstellen:

  • Schrei-Babies mit Koliken gibt es in allen untersuchten Ländern mit geringen Unterscheiden.
  • Die Koliken starten im Alter von 1-2 Wochen, haben ihren Höhepunkt mit 5-6 Wochen und verschwinden nahezu bis zum Alter von 10-12 Wochen
  • In allen Ländern ist jedes fünfte Kind ein Schrei-Baby (17% – 25%). In Japan und Dänemark ist die Rate geringer, in Großbritannien höher
  • Gestillte Kinder schreien etwas häufiger.

Diese Studie zeigt nochmals, das Schrei-Babies in allen Kulturen vorkommen. So schlimm das für die betroffenen Eltern auch ist, scheint das exzessive Schreien eine „normale“ Variante zu sein, die ursächlich schwer zu erklären ist. Das exzessive Schreien endet nach drei Monaten spontan.

Was können Eltern tun, wenn sie ihr Baby anhaltend schreit?

  • Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Durch die Schilderung der Schreiattacken und die körperliche Untersuchung werden andere mögliche Ursachen ausgeschlossen, die dem Baby Probleme bereiten könnten, z.B. Nahrungsmittelallergien
  • Reizabschirmung (kein Besuch großer Feste, bei denen der neue Erdenbürger „herumgereicht“ wird u.a.) ist häufig günstig. 
  • Keine Medien. Fernseher sollten ausgeschaltet sein, die flimmernden Bilder (auch indirekt) sind irritierend. 
  • Rituale sind günstig. Das Einschlafritual sollte immer gleich ablaufen. Das gibt dem Kind Sicherheit
  • Ruhe bewahren – so gut es geht und so schwierig es ist. Die eigene Unruhe und Sorge verstärkt das Schreien eher. 
  • Zusammenarbeit der Partner (und Großeltern). Im Regelfall betreut nur eine Person das Kind, die andere versucht die Pause zur Erholung zu nutzen.

Wenn Sie als Eltern spüren, dass sie zunehmend überfordert sind, wenden Sie sich an den Kinder- und Jugendarzt. Sie/ er wird ihr Kind nochmals untersuchen und mit ihnen Wege aus dem Stress finden. Sie müssen nicht alles ertragen können. Suchen Sie also bitte Hilfe!

Kinderkrankheit Masern

Erinnern Sie sich noch an den Bereicht im praxisblättle über Masern in Madagaskar? Ende Januar waren dort 39 366 Kinder und Jugendliche an dieser Kinderkrankheit erkrankt, wovon 266 nach offiziellen Angaben verstorben sind. Oder anders. Von 148 Masern-Erkrankten starb eine/r. Im Lotto ist die Wahrscheinlichkeit einen Dreier zu bekommen (1:57) nur unwesentlich geringer. Inzwischen ist die Zahl der Masernerkrankungen sogar auf 79.274 Fälle (Stand 01. März 2019) angestiegen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Konstanz am Bodensee. Mit nunmehr 581 Todesfällen liegt die Sterblichkeit mit jetzt 0.8% riesig hoch. Masern sind eine enorme Gefahr für Kinder, aber nicht nur in fernen Ländern.

Es gab sicher viele Gründe für die hohe Tödlichkeit auf Madagaskar, aber die nicht ausreichende Durchimpfung (Armut – diese Impfung muss in aller Regel von den Eltern bezahlt werden) war wohl der wichtigste. Die hohe Todesrate ist aber auch auf die chronische Unterernährung von 80% der Kinder und Jugendlichen in Madagaskar zurückzuführen. Bei mangelnder Ernährung leidet nicht nur die Körpergröße und das Körpergewicht, sondern auch das Immunsystem.

Kinderkrankheit hat immer das Flair von „Klein-Kinderkram“. Das Wort löst oft das Gefühl aus, als ob es sich nur um eine kleine Krankheit handele. Dabei drückt das Wort nur aus, dass die Krankheit allermeist im Kindesalter auftritt. Das wiederum kommt daher, dass Kinderkrankheiten sich dadurch auszeichnen, dass sie hoch ansteckend sind und daher schnell übertragen werden. Die meisten treten auch nur einmal im Leben auf (leider mit vielen Ausnahmen !). Deswegen denken viele, dass sie mit dem Erwerb des Führerscheins auch das Risiko an Kinderkrankheiten zu erkranken, verlieren würden. Dem ist nicht so.

Ursache der Erkrankung ist das Masernvirus. Dieses wird durch direkten Kontakt oder Tröpfcheninfektion übertragen und durchläuft danach einen typischen Weg:

  • Inkubationszeit von 8 – 10 Tagen.
  • Es folgt das Prodromalstadium von 3 – 7 Tagen mit Entzündung der Schleimhäute der Atemwege, wobei eine Bronchitis und eine deutliche Bindehautentzündung besonders auffallen. Fieber über 40 Grad ist häufig, Halsweh, deutliche Kopfschmerzen, schweres Krankheitsgefühl.
  • Am 12. oder 13. Tag nach Ansteckung tritt der typische Ausschlag im Mund (Enanthem) zusammen mit den Koplik’schen Flecken auf.
  • Am 14. oder 15. Tag folgt der typische Ausschlag am Körper (Masernexanthem).  Damit verbunden ist ein zweiter Fieberanstieg (typisch: 2-gipfliges Fieber)Damit ist die Diagnose klar. Der Ausschlag beginnt hinter den Ohren und steigt langsam ab. Der Ausschlag verbreitet sich in etwa 3 Tagen auf dem gesamten Körper aus.
  • Etwa einen Tag nach vollständigem Ausschlag sinkt auch das Fieber wieder, der Ausschlag wird blasser und die Erholung setzt langsam ein.

Das ist der normale, für jeden Betroffenen mühsame und leidensvolle Weg der Masern. Zu diesem treten bei fast jedem 5. Kind noch Komplikationen hinzu, die das grösste Problem bei dieser Kinderkrankheit darstellen.

  • Mittelohrentzündungen
  • Lungenentzündungen. Hiervon können verschiedene Formen auftreten. Dabei ist die primäre Masernpneumonie sehr gefürchtet. Hierbei greifen die Masernviren direkt das Atemwegssystem an. In der Folge können schwere Schäden wie Bronchiektasen (erweiterte Bronchien mit Eiterbildung) zurückbleiben. Damit verbunden sind ein lebenslang deutlich erhöhtes Infektionsrisiko und ein „Raucherhusten“ ohne Rauchen.
  • Meningoenzephalitis. Diese Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute tritt bei etwa jeder 1000. Erkrankung auf. Sie ist sehr schwerwiegend und oft tödlich.
  • In Deutschland muss auf etwa 1000 Masernerkrankungen mit einem Todesfall gerechnet werden (RKI – Daten für die Jahre 2000-2012). Dieser geht oft auf die Meningoenzephalitis zurück.
  • Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Hierbei kommt es zu einer schleichenden Entzündung des Gehirns, die innerhalb von 10 Jahren (!) spürbar wird und in 95% tödlich endet. Die Häufigkeit wird mit etwa 1:5000 Erkrankungen angenommen. 
  • Das Immunsystem wird bei der Masernerkrankung herunterreguliert. Dadurch sind betroffene Erkrankte anfälliger für jede andere virale und bakterielle Entzündungen. 

Eine spezifische Therapie um die Masern zu stoppen gibt es nicht. Lediglich bei manchen Komplikationen wie der Mittelohrentzündung sind Antibiotika hilfreich.

Abbildung 1. Häufigkeit der Masern und der Todesfälle an Masern in den USA. Foto: Von Dietzel65Eigenes Werk. Data source: „Reported Cases and Deaths from Vaccine Preventable Diseases, United States“ by the Centers of Disease Control. pdf file on this web site., CC0, Link

Die Masernimpfung stellt eine gute Vorbeugung dar. Während die Tödlichkeit im Nachkriegsdeutschland auch durch die schlechte Ernährung und Immunschwäche der chronisch unterernährten Kinder noch höher war, ist die Infektion und die Zahl der Todesfälle in den USA gezielt durch die Impfung massiv zurückgegangen. Vor Einführung der Impfung gab es etwa 500.000 Erkrankungen pro Jahr. Im Jahre 2007 waren es in den gesamten USA noch 43. Eine zweimalige Impfung erzeugt einen sehr guten Impfschutz.

Was geht rum? 02. März 2019

Das traumhafte Wetter im Südwesten war eine Labsal nicht nur für Kinder und Jugendliche. Inwieweit sich das im Immunsystem niederschlagen wird, zeigt vermutlich die kommende Woche.

Für Baden-Württemberg liegt die Zahl der Atemwegsinfekte seit 3 Wochen auf etwa einem Niveau, bei regionalen Unterschieden. Gegenüber den beiden Vorjahren treten die Erkrankungen in diesem Jahr bislang seltener auf (siehe rote Kurve in der Abbildung 1). Der in der Grafik dargestellte Praxisindex spiegelt die Zahl der Atemwegsinfekte wieder, wie sie in der ärztlichen Praxis wahrgenommen werden. Diese Zahl erreicht in der Grippewelle meist ihren Höhepunkt, wenn zu den „üblichen Infekten“ die vielen Erkrankungen durch Influenza hinzukommen.

Abbildung 1. Praxisindex für Baden-Württemberg. Dieser spiegelt die Häufigkeit der Atemwegsinfekte wieder. Als Normalwert wird 115 angesehen. Alle Werte darüber zeigen eine Häufung an Infektionen an. Foto: AG Influenza

Diese „üblichen“ Infektionen der Atemwege waren auch in der letzten Woche vorherrschend: vom einfachen Infekt des Rachens (Pharyngitis) bis hin zu den Lungenentzündungen (Bronchopneumonien). Die RSViren spielten eine geringere Rolle als in den ersten Wochen des Februars. Neu hinzu kam eine Häufung an Streptokokkenerkrankungen, teilweise mit Ausschlag: Scharlach. Regional, besonders im Rhein-Neckar-Kreis traten gehäuft Windpocken auf.

Die Magen-Darm-Infektionen mit Noroviren halten sich noch immer auf sehr hohem Niveau.

Die Pollen haben erstmals in diesem Jahr gezeigt, welche Macht sie haben. Gerade im Bodenseeraum wurde die Belastung mit Haselpollen als stark eingestuft. Sie verursachten Schupfen und Bindehautentzündungen (Rhinoconjunctivitis), in einigen Fällen auch allergische Ausschläge. Die Erlenpollen waren ebenso vorhanden, spielten aber eine untergeordnete Rolle. Mit der sich ändernden Wetterlage werden die Allergiker nun zumindest eine Verschnaufspause von einer Woche haben.

Was geht in der Welt rum? Wieder einmal steht das DengueFieber ganz im Vordergrund für  Reisende aus Deutschland. Besonders betroffen sind die asiatischen Staaten Indonesien (seit Januar 2019: 16.690 Neuerkrankungen), Malaysia (24.200 Neuerkrankungen in diesem Jahr) und Thailand (seit Januar 6500 Neurerkrankungen in Bangkok und den südlichen Regionen). Deutlich geringere Zahlen werden aus Réunion (723) und der Karibik (z.B. Dominikanische Republik: 191) gemeldet. Mückenschutz ist die wichtigste Maßnahme, besonders tagsüber.

Kindernamen und Tiernamen: die Unterschiede schwinden

In der kinderärztlichen Praxis lassen sich die Trends bei der Namensgebung sehr leicht feststellen. Gelegentlich kann es dann vorkommen, dass in den Patientendaten ein Name für sieben verschiedene Kinder herhalten muss. Das ist tatsächlich meistens Müller in Kombination mit dem aktuell beliebtesten Vornamen. Das Lieschen hat aber als Vorname schon längst ausgedient.

Im letzten Jahr waren Emma (mit 2.04%) bei den Mädchen und Ben (mit 2.01%) bei den Jungen die beliebtesten Namen.

Auf dem Spielplatz kann’s aber kompliziert werden. Da können den Eltern schon mal sabbernde Vierbeiner statt ihrer Kinder entgegenkommen, wenn sie „Emma, komm her!“ rufen. Denn Emma ist bei den Mädchennamen zwar auf Platz eins, bei den Hündinnen aber immerhin auch auf Platz 5. Bei Mia (Platz 2 bei Mädchen) könnte eine Katze angeschlichen kommen, für die liegt dieser Name an fünfter Stelle.

Bei den Jungens ist’s ähnlich. Hier führen Felix (bei Katzen Platz 3) und Max (bei Hunden Platz 10) zu Verwechselungen.

Früher mussten andere Namen wie Muschi, Mausi, Mohrle, Pussy für die Tiere herhalten. Deren Inhalt hat sich geändert, keiner würde solch ein Wort ohne Gesichtsröte in der Öffentlichkeit rufen. Die Tiernamen haben sich also den Namen der Kinder in dem Maße angenähert, wie sie auch von den Menschen eingeschätzt werden. Immerhin bezeichnen 90% der Familien das Haustier als „vollwertiges Familienmitglied„.

Wie sagen Tierärzte so treffend: „Das letzte Kind hat Fell“