Kurzes Zungenbändchen: Ursache für Stillprobleme und mehr

In der Chirurgie bis heute nicht wegzudenken. Die Schere trennt um Neues zu ermöglichen. Dem Säugling mag sie beim Problem des kurzen Zungenbändchens deutlich mehr Freiheit der Zunge zu geben. Foto: pixabay, ulleo

Als ich vor fast 30 Jahren in einer Belegabteilung meine erste Vorsorgeuntersuchung U2 durchführte, wurde ich von der Säuglingsschwester auf das Problem des verkürzten Zungenbändchens hingewiesen. In den Jahren zuvor in der Klinik, hatten wir das nie beachtet. Ich lernte, die Kappung des zarten und kaum durchbluteten Bändchens ist sehr einfach und scheint auch fürs Baby schmerzlos zu sein: geübt ausgeführt, schreit kein Säugling.

Beim Schreien ist das kurze Zungenbändchen einfach zu sehen. Das Zungenbändchen selbst ist nicht schmerzhaft. Foto: unbekannt

Aber sollte man das straffe Zungenbändchen wirklich durchtrennen? Die meisten Kinderärzte, die ich kenne, haben das damals genauso abgelehnt wie heute. Vermutlich, weil ein Kinderarzt ungern zur Schere greift und man das Problem für drittrangig hält.

Jetzt ist eine Arbeit aus der Universitäts-Kinderklinik in Freiburg zu diesem Alltagsthema erschienen. Darin beschreiben die Autoren um Sara-Maria Schlatter eine vergleichende Untersuchung, die vor wenigen Jahren in der Klinik stattfand. Sie beobachteten 776 Mutter-Kind-Paare und stellten 345 Kinder mit Stillproblemen den anderen ohne solche gegenüber. Insgesamt wiesen 116 Kinder ein kurzes Zungenbändchen auf, bei 30 von ihnen wurde das Bändchen durchtrennt.

Es zeigte sich, dass 55% der Kinder mit straffem Zungenbändchen Stillprobleme zeigten gegenüber 42% bei den Kindern ohne Zungenbändchen. Für alle Babys mit Stillproblemen war auffällig, dass die Stillzeiten kürzer waren und häufiger das Fläschchen gegeben wurde. Das bedeutet auch, dass deren Mütter deutlich mehr Aufwand hatten. Deswegen verwundert es nicht, dass bei einer Nachbeobachtung zweieinhalb Wochen später 20% der Kinder mit Stillproblemen komplett aufs Fläschchen umgestellt waren. Bei den Kindern ohne Stillprobleme waren es nur 2%.

In der genauen Analyse zeigte sich, dass das Risiko für schwere Stillprobleme bei Kindern mit kurzem Zungenbändchen 2,6 Mal höher war. Die Autoren sehen dies als Beleg dafür, dass das kurze Zungenbändchen ein bedeutsames Stillproblem auslösen kann und schlagen vor, gezielt bei der Vorsorgeuntersuchung U2 alle Säuglinge daraufhin zu untersuchen und das Bändchen ggf. zu durchtrennen.

Damit besteht nun wissenschaftlich fundiert eine klare Begründung für die Durchtrennung des verkürzten Zungenbändchens. Meines Erachtens gibt es jedoch weitere Gründe, die dafür sprechen. Zum einen ist bekannt, dass in der weiteren Entwicklung das Zungenbändchen besser durchblutet und dicker wird. Dadurch kommt es in der Folge häufig zu einen Zahnlücke in der Mitte des Unterkiefers, die nicht dem Schönheitsideal entspricht. Unwichtig? Wohl kaum, wenn man die enormen Behandlungszahlen der Kieferorthopäden betrachtet.

Ein kurzes Zungenbändchen schränkt auch die Beweglichkeit der Zunge mehr oder weniger ein. Das hat nach den vorliegenden Informationen keinen Einfluss auf die Sprache. Wohl aber auf das Zungenspiel beim Küssen. Unwichtig? Das möge jeder selbst für sich beantworten.

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