Monat: Oktober 2019

Lichen sclerosus

Der Name Lichen sclerosus ist etwas schwerfällig. So nennt sich eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die ganz überwiegend die Genitalregion betrifft. Übersetzt aus dem griechischen heißt der Begriff harte Flechte, was die Hauterkrankung ganz gut beschreibt.

Nicht-genitaler Lichen sclerosus bei einem älteren Menschen. Foto: www.diseaseshows.com

Der Lichen sclerosus kommt im Kindesalter deutlich häufiger vor als gedacht. Er zeigt sich im Genitalbereich durch eine weitgehend scharf begrenzte Entzündung der Haut, die leicht perlmuttartig glänzt, sich trocken anfühlt und diskret gerötet ist. Bei Mädchen kommt sie häufiger vor und betrifft meist die Dammregion (Perinaeum), von wo sich der Ausschlag sowohl zum After hin aber noch mehr zu den Schamlippen bis hin zur Klitoris ausbreiten kann. Die betroffene Haut schrumpft etwas, was im weiteren Verlauf zu Narben führen kann. Das kommt bei Kindern sehr selten vor. Das bedeutendste Symptom ist hier der Juckreiz, wodurch Kinder immer wieder in die Genitalregion fassen oder auf dem Hintern herumrutschen. Für einen erfahrenen Kinder- und Jugendarzt ist die Diagnose nicht schwierig, wenn er auf dieses Symptom hingewiesen wird.

Auch Jungen sind davon betroffen. Bei ist meist die Vorhaut des Penis (Präputium) und die Eichel betroffen. Dadurch, dass sich die entzündete Haut des Lichen sclerosus zusammenzieht, entsteht bei Jungen häufig eine Phimose, also eine Vorhautverengung.

Die Ursache des Lichen sclerosus ist unbekannt. Das verstärkte familiäre Vorkommen weist auf eine genetische Mitverursachung hin. Die immunologischen Veränderungen wiederum zeigen, dass der Erkrankung vermutlich ein Autoimmun-Mechanismus zugrunde liegt. Inwieweit falsche Hautpflege ein weiterer Faktor ist, ist unbekannt. Da die Genitalregion mit großer Scham belegt ist, ist es oftmals üblich, viel Seife dort anzuwenden. Davon kann in jedem Fall nur abgeraten werden. Auch die massenhafte Anwendung von Salben aller Art sind sicherlich nicht als günstig anzusehen.

Die Therapie erfolgt mit im Kindesalter zumeist mit einer Cortison-haltigen Creme. Dabei ist Erfahrung notwendig, um unter den Hunderten von Cortison-Präparaten das passende auszuwählen. Auch die Art der Anwendung und insbesondere die Dauer muss individuell angepasst werden.

Der Verlauf des Lichen sclerosus kann durchaus über viele Monate gehen und mühsam sein. Im Kindesalter – gerade zur Pubertät hin – heilt die Hauterkrankung glücklicherweise meistens aus.

Was geht rum? 12. Oktober 2019

Noch werden Kinder und Jugendliche von wenigen Infekten geplagt. Die häufigsten sind Racheninfekte mit trockenem Husten, manchmal begleitet von leichtem Fieber.

Aber es zeigen sich auch die ersten Herbstboten: Erkrankungen an Krupphusten. Diese Infektion betrifft eine Entzündung etwas unterhalb der Stimmbänder. Dadurch kommt es zu einer mehr oder weniger deutlichen Behinderung der Einatmung sowie einer Heiserkeit. Weitere Details zum Krupphusten, der vorwiegend im Herbst und Frühling auftritt, können Sie hier finden.

Was geht in der Welt rum? In Europa werden immer mehr Infektionen am WestNilFieber bekannt. Vor zwei Wochen kam es zur ersten Erkrankung überhaupt in Deutschland. Länder im Mittelmeerraum sind seit Jahren betroffen. Griechenland hat inzwischen bereits 10 Jahre mit dem Virus zu kämpfen. In diesem Jahr sind bislang 215 Menschen erkrankt, von denen 27 verstarben. Mückenschutz ist die einzige vorbeugende Maßnahme.

Tödliches Risiko für Erkrankungen mit Meningokokken

Besonders im ersten Lebensjahr finden viele Impfungen statt. Das geht darauf zurück, dass wir KinderärztInnen dem kindlichen Organismus Informationen geben wollen, die er noch nicht hat bzw. haben kann.

Das gesund geborene Kind hat beispielsweise noch nie Kontakt zu Meningokokken gehabt. Diese Bakterien können zu schwersten Erkrankungen führen. Mit einer Impfung lässt sich ein großer Teil verhindern. Die Information, die eine Impfung vermittelt regt den kindlichen Körper an, Abwehrstoffe (Antikörper) zu bilden, um bei Kontakt mit dieser Erkrankung gewappnet zu sein.

Aber wie hoch ist das Risiko einer Meningokokkeninfektion?

Kürzlich sind die neuesten Daten für das Jahr 2018 im Infektionsepidemiologischen Jahrbuch veröffentlicht worden. Daraus geht hervor, dass 295 Menschen – vorwiegend Kinder und Jugendliche – im letzten Jahr mit Meningokokken erkrankt sind. Von diesen starben 34 Kinder, also knapp 12% (im Vorjahr 23 Kinder). Bei 237 Kinder und Jugendlichen konnte der Erreger ermittelt werden. In 139 Fällen (59%) waren es Meningokokken der Serogruppe B.

Über die letzten Jahrzehnte sind die Erkrankungen durch Meningokokken insgesamt spürbar zurückgegangen. Für die Kinder bis 11 Jahre beispielsweise trat im Jahr 2018 noch eine einzige Infektion mit Meningokokken C auf – im Jahr 2006 waren es noch 48 Erkrankungen gewesen. Das geht vermutlich im Wesentlichen auf die Impfung gegen Meningokokken C zurück, die bereits seit 13 Jahren von der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut, Berlin) empfohlen wird.

Bei den Meningokokken der Gruppe B waren es im letzten Jahr noch 36 Erkrankungen gegenüber 109 Erkrankungen im Jahr 2006. Dieser Typ B der Meningokokken kommt in unseren Breiten schon immer häufiger vor als die anderen und betrifft in vielen Fällen bereits junge Säuglinge.

Wer sich durch weitere Datenberge über die Impfungen durcharbeiten möchte, kann hier den Link zum Infektionsepidemiologischen Jahrbuch 2018 öffnen.

Sicher mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs – ein Traum?

Ich habe den Eindruck, dass in den skandinavischen Ländern freier geforscht wird, wenn es darum geht den Alltag angenehmer zu machen. Das fing für mich vor Jahrzehnten bei der Sicherheit von Autos an (Volvo, Saab) und zieht sich bis heute durch.

Rad-„Autobahn“ in Kopenhagen. Foto: www.radzeit.de

Ich schaue nach Kopenhagen. Dort wird seit Jahren daran getüftelt, die Stadtwelt für alle Menschen sicherer und enspannter zu machen. So bekommen beispielsweise Fahrräder einen Freiraum, den sie sonst nicht haben. Fahrradtouren in der Stadt sind entspannt zu machen. Und für die Menschen im Alltag gibt es eine Art „Autobahn“ für Fahrräder und viele weitere  Erleichterungen. Dadurch ist das Rad übers ganze Jahr attraktiv und inzwischen für die Mobilität der Bewohner Kopenhagens wichtiger als das Auto geworden.

Der Berliner Tagesspiegel kam zum Schluss, etwas ähnliches auch in Berlin anzuregen. Er hat sich dieser Frage genähert und erstmal einen interaktiven Radmesser für Berlin erstellt. Diese Seite ist sehr spannend, weil sie das komplexe Problem von Unfällen sehr pfiffig angeht. Denn im Regelfall werden Radfahrer bedrängt und damit gefährdet, ohne sich zur Wehr setzen zu können. Und genau hier will der Radmesser Informationen sammeln und sichert mit ausgetüftelter Technik die exakten Daten.

Und was kam raus? Über 100 Probanden waren während 2 Monaten in den verschiedenen  Bezirken unserer Hauptstadt unterwegs. Von ihren Rädern aus wurden 16.700 Überholvorgänge gemessen und verarbeitet.

  • 56% der Überholvorgänge waren dichter als der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,5 Meter
  • wären alle die Verstösse geahndet worden, wären 282.060 € fällig gewesen
  • War ein Kind auf dem Fahrrad, hielten die Autofahrer einen geringen Mehrabstand von 8,4 cm ein. Gesetzlich sind aber 2,0 Meter – also weitere 50 cm – vorgeschrieben.
  • wer weit rechts fährt, wird dichter überholt
  • Aufgemalte Fahrradwege (Schutzstreifen und Radfahrstreifen) haben einen kleinen Effekt. 59% der Überholvorgänge auf Straßen ohne Radinfrastruktur sind zu dicht, bei Schutzstreifen sind es 51%, bei Radfahrstreifen 48%, auf Busspuren 44%. Auf baulich getrennten Radwegen wird man nie zu dicht von Autos überholt.

Diese Zusammenfassung der Daten aus dem checkpoint zeigt, dass die Risiken für Radfahrer in Berlin momentan sehr hoch sind. Das wird auf der Homepage auch noch mit aktuellen Videos aus dem Straßenverkehr belegt. Ab jetzt wird daran gearbeitet das zu ändern, um Fahrrad-Fahren auch in Berlin so angenehm zu machen wie in Kopenhagen.

Auf dem Lande dürfte das Risiko kaum geringer sein. Eine Radinfrastruktur vermisst man häufig, so dass nur baulich getrennte Radwege zwischen einigen Ortschaften ein vergnügliches Radfahren ermöglichen.

Immerhin liegen nun erste Daten vor, die zeigen, dass in vielen Fällen die Autos zu dicht am Fahrrad vorbeiziehen. Damit das weniger passiert, sollten Fahrradfahren nicht zu weit rechts fahren. Das ist eine erste kleine Information, die unseren Kindern im Straßenverkehr ein bisschen mehr Sicherheit bringt.

Was geht rum? 05. Oktober 2019

Erstmal eine gute Nachricht. Die Pollenallergien sind weg. Auch vor Wespenstichen braucht man sich kaum zu sorgen. Die Zecken frieren und bewegen sich nicht mehr. Ganz einfach: es ist kalt und nass, die Natur legt eine Ruhepause ein. Und den Vögel wird’s auch zu einsam, die ziehen in Scharen in den Süden.

Für uns alle – besonders aber für die Kinder – ist das durchaus eine schöne Zeit. Bunte Blätter können sie sammeln, Bilder gestalten. Oder einen Drachen basteln und fliegen lassen. Aber eins muss schon sein: Anders als die meisten Erwachsenen und Hunde, muss man hinterm Ofen hervorkommen und sich rauswagen. Dann ist so viel zu erleben.

Die zweite gute Nachricht ist: Auch die Krankheiten sind noch im Ruhemodus. Es gibt weiterhin die Erkrankungen der letzten Wochen, allen voran: die Gastroenteritis – Magen-Darm-Grippe. Und wie immer gibt es auch einzelne Atemwegsinfektionen. Aber eben keine Welle. Leider können Eltern ihre Kinder vor beidem nicht effektiv schützen.

Was geht in der Welt rum? In der Stadt Dire Dawa, im Osten von Äthiopien kam es in den vergangenen zwei Monaten zu einem Ausbruch von Chikungunya, von dem bislang mehr als 46.000 Menschen betroffen sind. Diese Virusinfektion wird durch Mücken übertragen. Nur ein konsequenter Mückenschutz kann die sehr schmerzhafte Infektion verhindern.

Antibiotikaeinsatz in Deutschland

Wenn es um Krankheiten geht, ist ein Lieblingsthema bei den Gesunden der Einsatz von Antibiotika. Der sei viel zu hoch und man „wird vollgepumpt“, ist da zu hören. Gut gebrüllt. Und wenn die gleichen Leute mit ihrem fiebrigen Kind vor dem Kinderarzt stehen: Dann ist unbedingt und sofort ein Antibiotikum nötig.

Wichtig, das sei hier nur am Rande genannt, ist immer eine gut gesicherte Diagnose. Antibiotika sind wunderbare Medikamente, wenn der Körper den Angriff von Bakterien selbst nicht mehr meistern kann. Aber auch nur dann. In vielen Fällen kann sich der Körper auch bakteriellen Infektionen gut entgegenstellen.

Im Vergleich zu anderen Ländern setzen deutsche Ärzte schon seit vielen Jahren Antibiotika meistens sorgsam ein. Sparsamer unter den reichen Ländern sind nur die Schweiz, Japan, Schweden, Singapur und ganz besonders die Niederlande.

Verordnung von Antibiotika in Deutschland, bezogen auf 1000 Versicherte pro Jahr im Jahre 2018. Foto: modifiziert nach versorgungsatlas.de

Große Unterschiede gibt es allerdings innerhalb Deutschlands. Die nebenstehende Graphik zeigt die Häufigkeit von Verordnungen von Antibiotika. Je heller die KV-Bezirke umso weniger Antibiotika wurden verordnet. Am wenigsten in Sachsen, am meisten im Saarland. Insgesamt fällt eine Dreiteilung auf: geringer Verbrauch in den Ost-Ländern, mittlerer Verbrauch im Süden (Bayern und Baden-Württemberg), hoher Verbrauch im Westen.

 

 

 

Verordnung von Antibiotika nach Alter. Es fällt ein Rückgang der Versordnungen über alle Altersgruppen vom Jahr 2010 bis zum Jahre 2018 auf. Foto: modifiziert nach versorgungsatlas.de

Das erfreulichste Ergebnis ist, dass trotz verbesserter Gesundheitsversorgung, die Verordnungen an Antibiotika seit dem Jahr 2010 kontinuierlich zurückgehen. Die Grundlage für diese Zahlen stammen von den kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Dort wurden alle über Rezept (Verordnung) im ambulanten Sektor verschriebenen Antibiotika erfasst, die „systemisch“ einzunehmen waren. Dabei handelt es sich um Medikamente, die den gesamten Körper betreffen und die häufig als Saft (Kinder), Tabletten, Kapseln oder Dragée eingenommen werden.

Verordnung von Antibiotika nach Altersgruppen. Der höchste Verbrauch zeigt sich im Alter der vielen Infekte (2-5 Jahre). In allen Altersgruppen gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Foto: modifiziert nach versorgungsatlas.de

Die Verordnung von Antibiotika in Deutschland kann sicher noch weiter verbessert werden. Man darf davon ausgehen, dass die Unterschiede innerhalb des Landes nichts mit unterschiedlichen Krankheitshäufigkeiten zu tun haben. Für zu viele Menschen sind Antibiotika Medikament, die bei Infekten mit hohem Fieber eingesetzt werden sollten. Wichtiger als das Fieber ist jedoch die Frage, ob es sich um einen Infekte durch Bakterien handelt: dann helfen Antibiotika. Oder ob es sich um eine Virusinfektion handelt. Die kann manchmal auch extrem schlimm sein, aber das Antibiotikum ist nicht hilfreich. Manchmal sogar schädlich.

Also erstmal: gut abgesicherte Diagnose. Dann kann bei bakteriellen Infektionen das Antibiotikum hilfreich sein, sofern der Organismus des Kindes der Schwer der Infektion nicht gewachsen ist oder wenn Langzeitfolgen bei zu langsamer Genesung zu erwarten sind.