Kategorie: Editorial

Kinder mit Courage

Mal ein ganz anderes Thema. Wir Eltern ermuntern in der Regel unsere Kinder, sich eine eigene Meinung zu bilden. Zu dieser Überzeugung sollen sie auch stehen, selbst wenn widrige Umstände das nicht ganz einfach machen. Dafür gibt es das Wort Courage.

Da mutet eine Geschichte seltsam an, die von Lorenz Maroldt vom Checkpoint (Tagesspiegel) am 29. August 2019 aus Berlin berichtet wurde:

Eine echt krasse Geschichte hat Johanna Sprondel erlebt – ihr Sohn (12) meldete der Polizei, dass vor der Haustür fünf Jugendliche mehrere „Lidl“-Fahrräder demolierten und klauten. Zwischenergebnis: Kein Dank von niemandem, und „da er vor Angst, sie könnten ihn wiedererkennen, seit einer Woche kaum noch schläft, war‘s das mit Courage“. Und es kam noch schlimmer: Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihren Sohn wegen „falscher Verdächtigung“ – offenbar hatten sich die fünf anderen abgesprochen. Jetzt teilten ihr die Ermittler mit: Das Verfahren wird eingestellt – nicht etwa wegen erwiesener Unschuld, sondern wegen Strafunmündigkeit. Immerhin meldete sich die Polizei doch noch und fragte nach der Vorgangsnummer: „Wir würden uns das gerne mal anschauen.“ Wir auch – der Checkpoint bleibt dran. 

Die Mutter des Jungen, Frau Sprondel, hat ebenfalls Courage und stellt sich in den sozialen Medien hinter ihren Sohn. Wenn schon staatliche Behörden keinen Mumm haben, so beruhigt es, dass Eltern ihn haben. Der 12-Jährige wird aus der Geschichte einiges lernen. Vermutlich wird er sich beim nächsten Mal aber gut überlegen, ob er zur erlebten Wahrheit steht. Keine gute Lernerfahrung. Hoffen wir, dass die Mutter den Ausgang der Geschichte noch wenden kann.

Vegetarische Ernährung: Was muss im Kindesalter beachtet werden?

Für die Großelterngeneration war das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller Ausdruck von Luxus. Später wurde es zur Gewohnheit. In den letzten Jahren wird es zunehmend in Frage gestellt, nachdem verschiedene Studien den Einfluss von Nahrung auf die Gesundheit beschrieben haben.

Spezielle Ernährungsformen sind zuletzt immer bedeutender geworden. Das hat nicht nur Auswirkungen für die Menschen, die das für sich selbst umsetzen. Davon betroffen sind auch Menschen im näheren Umkreis, wie der Familie. Ob ein Erwachsener entscheidet sich vegan zu ernähren oder ob ein Kind vegan ernährt wird sind zwei komplett unterschiedliche Themen. Gut also, dass sich Fachgesellschaften der Kinder- und Jugendmedizin gemeldet haben und sich wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man geht davon aus, dass sich in Deutschland zur Zeit etwa 10% rein vegetarisch und etwa 1% der Menschen vegan ernähren.

Kritische Nährstoffe nach Kersting et al, 2018. Foto: Monatsschrift Kinderheilkunde

In der neuesten Ausgabe der Monatsschrift für Kinderheilkunde setzen sich Hermann Kalhoff, Thomas Lücke und Prof. Dr. Mathilde Kersting aus dem Forschungsdepartment Kinderernährung in Bochum mit dieser Frage auseinander. Sie weisen darauf hin, welche „kritischen Nährstoffe“ bei bestimmten Diäten in verminderter Form auftreten können. Das hat für einen Organismus im Wachstum enorme Bedeutung. Im Detail können Sie sich hier schlau machen.

Insgesamt kommen die Autoren zum Schluss, dass „überzeugende Argumente für gesundheitliche Vorteile vegetarischer Kostformen gegenüber den bewährten Standards der Ernährung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen…. bisher fehlen“. Sie empfehlen „je nach Strenge der Diät, entsprechende Sicherheitsvorkehrungen“ und Beratung, um keine Risiken für die Entwicklung der Säuglinge, Kinder und Jugendlichen einzugehen.

Tuberkolose an einer Schule in Karlsruhe: Grund zur Sorge im Ländle?

Um die Antwort gleich vorab zu geben: NEIN, es besteht für die Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg kein Grund zur Sorge. Tuberkulose ist eine schlimme Erkrankung und es bleibt wichtig, sie genau im Auge zu behalten. Leider wurde sie nun von vielen Gruppen politisch genutzt um gegen Migranten Stimmung zu machen. Das geben aber die Zahlen überhaupt nicht her.

Bereits im Dezember 2018 konnten Sie im praxisblättle einen Artikel zur Tuberkulose finden, der sich mit den aktuellen Erkrankungszahlen befasst. Neuere Zahlen liegen von Seiten des Robert Koch-Instituts bislang nicht vor.

Die Unterscheidung von Erkrankten und Infizierten ist für viele Nicht-Mediziner verwirrend. Aber für die Betroffenen entscheidend. Wenn Tuberkelbakterien mit einem gesunden Organismus in Kontakt kommen, wird dieser Erreger dort erkannt und der Körper leitet Gegenmaßnahmen ein. Das ganze findet bei völligem Wohlbefinden des Betroffenen statt. Erst eine Laboruntersuchung (IGRA-Test) oder eine Hautreaktion (GT 10) zeigen an, dass eine Infektion stattgefunden haben muss: es handelt sich also um einen Infizierten. Er oder sie ist offensichtlich gesund, aber die Medizin kann nachweisen, dass ein Kontakt zur Tb stattgefunden hat.

Der Erkrankte hat Zeichen einer aktiven Erkrankung. Das kann ein Befall der Lunge sein, der über ein Röntgenbild erfasst wird. Oder, gerade bei Kleinkindern, kann es auch ein Befall von Lymphknoten sein. In diesem Fall bestehen Krankheitszeichen wie Husten, Gewichtsverlust oder Leistungsabfall.

Beide, der Erkrankte wie der Infizierte, benötigen eine Therapie. Sie wird den erkrankten Menschen wieder gesund machen und dem infizierten hilft sie, die Erkrankung nicht zu bekommen. Es ist klar, dass Zahl der Medikamente (bei Tuberkulose sind es zumeist 3 Medikamente parallel) und Dauer der Medikamentengabe sehr unterschiedlich sind.

In Karlsruhe sind laut Pressemitteilung „in der betroffenen Jahrgangsstufe….88 % der Mitschüler infiziert“. Diese sind also nicht erkrankt und brauchen in aller Regel eine medikamentöse Therapie von „nur“ 3-6 Monaten, damit das auch so bleibt. Durch die Untersuchungen an Schülern und Lehrern wurden vier Erkrankte identifiziert. Das ist für die Betroffenen gut, weil sie nun behandelt werden können. Und es ist für sie unangenehm, weil sie ggf. für längere Zeit Medikamente nehmen, isoliert werden müssen und die sozialen Kontakte begrenzt werden.

Kurzes Zungenbändchen: Ursache für Stillprobleme und mehr

Als ich vor fast 30 Jahren in einer Belegabteilung meine erste Vorsorgeuntersuchung U2 durchführte, wurde ich von der Säuglingsschwester auf das Problem des verkürzten Zungenbändchens hingewiesen. In den Jahren zuvor in der Klinik, hatten wir das nie beachtet. Ich lernte, die Kappung des zarten und kaum durchbluteten Bändchens ist sehr einfach und scheint auch fürs Baby schmerzlos zu sein: geübt ausgeführt, schreit kein Säugling.

Beim Schreien ist das kurze Zungenbändchen einfach zu sehen. Das Zungenbändchen selbst ist nicht schmerzhaft. Foto: unbekannt

Aber sollte man das straffe Zungenbändchen wirklich durchtrennen? Die meisten Kinderärzte, die ich kenne, haben das damals genauso abgelehnt wie heute. Vermutlich, weil ein Kinderarzt ungern zur Schere greift und man das Problem für drittrangig hält.

Jetzt ist eine Arbeit aus der Universitäts-Kinderklinik in Freiburg zu diesem Alltagsthema erschienen. Darin beschreiben die Autoren um Sara-Maria Schlatter eine vergleichende Untersuchung, die vor wenigen Jahren in der Klinik stattfand. Sie beobachteten 776 Mutter-Kind-Paare und stellten 345 Kinder mit Stillproblemen den anderen ohne solche gegenüber. Insgesamt wiesen 116 Kinder ein kurzes Zungenbändchen auf, bei 30 von ihnen wurde das Bändchen durchtrennt.

Es zeigte sich, dass 55% der Kinder mit straffem Zungenbändchen Stillprobleme zeigten gegenüber 42% bei den Kindern ohne Zungenbändchen. Für alle Babys mit Stillproblemen war auffällig, dass die Stillzeiten kürzer waren und häufiger das Fläschchen gegeben wurde. Das bedeutet auch, dass deren Mütter deutlich mehr Aufwand hatten. Deswegen verwundert es nicht, dass bei einer Nachbeobachtung zweieinhalb Wochen später 20% der Kinder mit Stillproblemen komplett aufs Fläschchen umgestellt waren. Bei den Kindern ohne Stillprobleme waren es nur 2%.

In der genauen Analyse zeigte sich, dass das Risiko für schwere Stillprobleme bei Kindern mit kurzem Zungenbändchen 2,6 Mal höher war. Die Autoren sehen dies als Beleg dafür, dass das kurze Zungenbändchen ein bedeutsames Stillproblem auslösen kann und schlagen vor, gezielt bei der Vorsorgeuntersuchung U2 alle Säuglinge daraufhin zu untersuchen und das Bändchen ggf. zu durchtrennen.

Damit besteht nun wissenschaftlich fundiert eine klare Begründung für die Durchtrennung des verkürzten Zungenbändchens. Meines Erachtens gibt es jedoch weitere Gründe, die dafür sprechen. Zum einen ist bekannt, dass in der weiteren Entwicklung das Zungenbändchen besser durchblutet und dicker wird. Dadurch kommt es in der Folge häufig zu einen Zahnlücke in der Mitte des Unterkiefers, die nicht dem Schönheitsideal entspricht. Unwichtig? Wohl kaum, wenn man die enormen Behandlungszahlen der Kieferorthopäden betrachtet.

Ein kurzes Zungenbändchen schränkt auch die Beweglichkeit der Zunge mehr oder weniger ein. Das hat nach den vorliegenden Informationen keinen Einfluss auf die Sprache. Wohl aber auf das Zungenspiel beim Küssen. Unwichtig? Das möge jeder selbst für sich beantworten.

Haben wir zu viele Krankenhäuser?

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung fordert, die Zahl der Kliniken in Deutschland von momentan 1400 auf unter 600 zu senken. Durch die Bündelung der Fachkompetenz an weniger Standorten ließen sich, so die Autoren, viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden. Letztlich würde durch die Schließung der zumeist kleinen Kliniken die Qualität der Patientenversorgung insgesamt verbessert.

Zahl der Krankenhausbetten pro 1000 Einwohnern in OECD-Ländern. Foto: Handelsblatt

Zu diesem Thema haben sich inzwischen viele Ökonomen und Patientenverbände geäußert, das zuständige Bundesministerium für Gesundheit hält sich bislang zurück. Manche Stimmen vermuten, dort sei man froh, dass diese Diskussion angekurbelt würde. Denn die hoch gepriesenen Fallpauschalen der Kliniken, hätten nicht gehalten was sie versprachen: Das Gesundheitssystem wird immer teurer. Preistreiber Nummer 1 sind die Kliniken.

In der Tat gibt es in Deutschland pro 1000 Patienten mehr Krankenhausbetten als in den meisten Ländern anderer OECD-Staaten.

Das Gesundheitswesen in Deutschland ist sehr komplex aufgebaut und unterscheidet sich in vielen Details von dem anderer Länder in Europa. Um die Frage nach der richtigen Anzahl von Kliniken zu beurteilen sind einige Faktoren zu beachten:

  • Die Krankenhäuser in Deutschland sind dual finanziert: die Investitionskosten tragen die Bundesländer, die Behandlungskosten werden über die Fallpauschalen mit den Krankenkassen finanziert.
  • Untersuchungen zeigen, dass die Bundesländer die Investitionskosten seit 1991 um 0.5 Milliarden Euro zurückgefahren haben. In den vergangenen 28 Jahren trat damit faktisch ein Wertverlust von 50% ein.
  • In der Folge sind viele kleinere Krankenhäuser sowohl apparativ wie personell nicht ausreichend ausgestattet, weil sie quer-finanzieren müssen: Geld, das aus Behandlungen eingenommen wird, fließt teilweise in Investitionen (z.B. den Kauf eines MRT), die eigentlich von den Ländern getragen werden müssten.
  • Krankenhäuser versuchen, über lukrative Behandlungen die Einnahmen aus den Behandlungen zu steigern. In Chefarztverträgen werden z.B. Orthopäden gezwungen, Mindestmengen für gewisse Untersuchungen (wie Gelenkspiegelungen) zu erbringen.
  • Diesen Investitionsstau in Kliniken gleichen in vielen Fällen die Kommunen aus, wodurch Geld in anderen Bereichen der regionalen Infrastruktur (z.B. Bäder, Fahrradwege) fehlt.

Aus Sicht des Patienten ist die schnelle Erreichbarkeit des Gesundheitssystems wünschenswert. In einem Flächenstaat wie Deutschland ist das in vielen ländlichen Regionen schon heute nur begrenzt gegeben.

  • Das Gesundheitssystem als solches ist ebenfalls dual aufgebaut. Einerseits die ambulante Versorgung: Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und Praxen für Physiotherapie, Logotherapie und Ergotherapie. Zum anderen die stationäre Behandlung in den Krankenhäusern. 
  • Die politische Forderung ist: jeder Patient muss in 30 Minuten die nächste Klinik der Grundversorgung erreichen können. Das ist bis heute – selbst bei 1400 Krankenhäusern – nicht gegeben. 
  • Der Wunsch des Patienten ist eine medizinisch optimale Behandlung rund um die Uhr.
  • Für die Krankenhäuser und die ambulante Versorgung stehen nur begrenzt Mitarbeiter zur Verfügung. Dadurch ist gerade auf dem Land die Versorgung auch mit Hausärzten schon heute teilweise schwierig. Und auch Krankenhäuser tun sich schwer, alle Stellen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. 

In der Gesamtsicht wird klar: Durch Drehen an einer einzigen Schraube werden sich enorme Veränderungen für das gesamte System ergeben. Wirtschaftlich betrachtet ist die Schließung mancher Krankenhäuser sicher sinnvoll. Wenn deren Personal dann an die anderen Krankenhäuser geht, würde auch deren Qualität gesteigert werden. Für Städte erscheint das auf den ersten Blick halbwegs umsetzbar. Der Patient muss einfach in eine andere Richtung fahren, aber die Erreichbarkeit der Klinik ist die gleiche. Auf dem Land wird das bedeutend schwieriger. Dort fehlen neben Hausärzten insbesondere Fachärzte. Wenn das regionale Krankenhaus verschwindet, fühlt der Patient auf dem Land sich sozial abgehängt. Er hat schon keinen Autobahnanschluss, keinen Bahnhof – oder gar einen Stundentakt per ÖPNV zur nächsten Stadt – und ein Opernhaus schon gar nicht. Da hängt also viel Emotion am regionalen Krankenhaus. Die Schließung von Krankenhäusern kann also nur gelingen, wenn im gleichen Zuge die ambulante Behandlung vor Ort verbessert wird.

Bleibt am Schluss die Frage: Wie können Politik oder Fachverbände (z.B. Kassenärztliche Vereinigung) Ärzte und medizinische Fachkräfte motivieren, die Versorgung von Einwohnern wunderschöner Schwarzwaldtäler zu übernehmen?. Was kann die medizinischen Fachkräfte bewegen, dort zu leben und zu arbeiten und nicht im lieblichen Freiburg?

Es braucht vermutlich mehr als einen starken Fachminister, um die verschiedenen Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Jugendliche fühlen sich wenig ernst genommen

Jeder Erwachsene war einmal jugendlich. Manche vergessen diese Zeit rasch und tun sich später schwer, sich in die Welt der jungen Menschen hinein zu versetzen. Jugendliche von heute haben eine andere Umwelt als ihre Eltern- oder Großelterngeneration. Das Internet und in der Folge die sozialen Medien haben den Alltag Jugendlicher gegenüber der Generation Y entscheidend umgekrempelt. So gesehen ist es auch wenig verwunderlich, dass es für Erwachsene gelegentlich herausfordernd ist, sich vorzustellen, wie Jugendliche heute empfinden.

Diesen Versuch unternimmt die Children’s Worlds+ – Studie, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung unter Leitung der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Sabine Andresen von der Universität Frankfurt am Main in Deutschland durchgeführt wurde. Eingebettet ist die Studie in das internationale Projekt Children’s World, das von einer Schweizer Stiftung unterstützt wird. Dieses Projekt wiederum beschäftigt sich mit dem Wohlbefinden von Kindern zwischen acht und zwölf Jahren in über 30 Ländern.

Children’s Worlds+. Einstellungen gegenüber den Lehrern Foto: Children’s Worlds+

In dieser sehr ausführlichen und lesenswerten Studie werden viele Aspekte beleuchtet. In Bezug auf die Schule zeigt sich, dass sich Jugendliche nicht ausreichend ernst genommen fühlen und sich mehr aktive Beteiligung wünschen. Dies zeigt sich auch in der Fridays-for-Future-Bewegung, wo Jugendliche das Thema Klima und eigene Zukunftsperspektiven selbstbewusst und erfolgreich aufgegriffen haben.

Childrens Worlds+-Studie. Wie sehen deutsche Jugendliche ihre Eltern Foto: Childrens Worlds

Das Elternhaus wird deutlich besser beurteilt. Natürlich nimmt der Anteil der Jugendlichen bei der Frage „Meine Eltern erlauben mir genug“ bis zu den 14-Jährigen stetig ab. Für Menschen in der Pubertät, die ihre Umgebung in Frage stellen, ist der Wert aber doch erstaunlich hoch.

Familienministerin Franziska Giffey will sich im Wissen dieser Studie für eine neue Jugendstrategie einsetzen: „Wir wollen, dass sich das gesamte Kabinett verbindlich zur Verantwortung für die Jugend bekennt. Die ganze Bundesregierung muss ihren Teil dazu beitragen, Jugend zu beteiligen, Politik mit und für Jugendliche zu machen.“

Gut so!

Ist die Homöopathie noch zeitgemäß?

Die Homöopathie genießt seit jeher im Südwesten Deutschlands eine hohe Popularität. Diese Behandlungsmethode geht auf Samuel Hahnemann (1755 – 1843) zurück, der als Arzt, Chemiker und Schriftsteller aktiv war. In einer Zeit, als noch der Aderlass eine gängige Therapie bei schweren Erkrankungen war, hat er auf eine sanfte Medizin gesetzt. Damit war er auch ein Vertreter der romantischen Medizin, die die Einheit von Natur und Geist beschwor.

Das Todesjahr von Hahnemann ist auch das Geburtsjahr von Robert Koch. Dieser Arzt, Mikrobiologe und Hygieniker hat das Verständnis von Infektionskrankheiten parallel mit anderen zeitgenössischen Ärzten wie Louis Pasteur komplett revolutioniert. Erst mit deren Erkenntnissen war die Entwicklung von Antibiotika denkbar, die wiederum eine erfolgreiche Therapie von Krankheiten wie Scharlach oder Diphtherie ermöglichten.

Nach über 150 Jahren naturwissenschaftlicher Medizin stellt sich heute die Frage, ob eine  Homöopathie, die wie vor 225 Jahren denkt, in unserer Zeit noch eine ausreichende Begründung hat. Erst vor wenigen Wochen hat sich Jan Böhmermann unverwechselbar ironisch und sarkastisch dazu verbreitet. Auch aus der Politik kommen vermehrt Kommentare, dass die Homöopathie nicht mehr zeitgemäß sei.

Für Patienten bietet die Homöopathie den Charme, dass der Behandler im Erstgespräch sich über ein bis zwei Stunden intensiv mit den Symptomen des Patienten auseinandersetzt. Der Patient erfährt also eine enorme Zuwendung, die er bei keinem Hausarzt oder Orthopäden erleben wird. Aber reicht alleine Zuwendung und Sich-Zeit-Nehmen aus als Argument für eine gute Medizin? Und reicht es aus, dass eine Arznei selbst keine Nebenwirkungen hat? Muss eine Arznei nicht in erster Linie eine klar nachweisbare Wirkung belegen?

Es ist durchaus verwirrend, dass für alle Medikamente ein wissenschaftlich begründeter Wirkstoffnachweis verlangt wird, während für die Homöopathie Erfahrungsberichte ausreichend sind. Der Bremer Versorgungsforscher Prof. Dr. Norbert Schmacke hat diese verblüffenden Diskrepanzen in seinem Buch eingehend dargelegt.

So hat inzwischen der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Prof. Dr. Karl Lauterbach von den gesetzlichen Krankenkassen gefordert, die freiwillige Kostenerstattung von Homöopathie zu verbieten. „Er wolle zwar keinen Glaubenskrieg anzetteln, sagte er dem „Tagesspiegel“. Doch auch für freiwillige Leistungen der Versicherer müsse das Kriterium gelten, dass sie wirtschaftlich und medizinisch sinnvoll zu sein hätten.“ Die Behandlungsmethoden der Homöopathie bedeuteten eine Abkehr von der Wissenschaft. Immerhin lag der Umsatz für homöopathische Medikamente im Jahre 2018 bei 670 Millionen Euro. Der Linken-Politiker Harald Weinberg hält die Debatte für überzogen, weil die homöopathischen Arzneien ohnehin billig seien. Dabei geht es nicht um die Frage was ist günstig, sondern was wirkt.

Auch in Frankreich droht die Abschaffung der Erstattung von Homöopathie nach einer vernichtenden Expertise der Obersten Gesundheitsbehörde.

Homöopathie. Foto: Swiss Medical Weekly

Ärzte werden beim Ausstellen von Rezepten für Homöopathika von widersprüchlichen Gefühlen geleitet wie eine Veröffentlichung des Swiss Medical Weekly (früher: Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift) zeigt. Darin setzen sich Stephan Markun und Mitarbeiter mit den Einstellungen von Ärzten gegenüber homöopathischen Arzneien auseinander. Sie vergleichen darin die Antworten von Ärzten, die Homöopathika verschreiben („prescriber“) und solchen, die es nicht tun („non-prescriber“). Selbst überzeugte Homöopathie-Anhänger – im Kanton Zürich sollen es etwa 10% der Ärzte sein – vertreten darin die Ansicht, dass der Placebo-Effekt durch diese Arzneien unterstützt wird. In der Studie erwarten in der Gruppe der Verschreiber auch nur die Hälfte einen spezifischen Effekt.

Die Diskussion über die Homöopathie ist auf verschiedenen Ebenen eröffnet.

HPV Impf-Faktenblatt des RKI – Informationen nicht nur zum Gebärmutterhalskrebs

Impfmüdigkeit ist ein Thema, das seit Monaten die Gemüter bewegt. Dabei werden manchmal Gräben – Impfpflicht oder lieber doch nicht – aufgeworfen, die so nicht unbedingt hilfreich sind. Meine Erfahrung war immer, dass echte Impfgegner sehr selten sind. Viel häufiger bin ich Eltern begegnet, die einfach viele Fragen hatten und durch Informationen im Internet häufig mehr verwirrt wurden, als dass sie Hilfe gefunden hätten.

Es fällt auf, dass im Internet nahezu alle Graphiken zum Thema Impfen von Impf-Skeptikern erstellt wurden. Diese sind meist durch Verzerrung der Skalen so aufbereitet, dass sie dem Ziel der Verwirrung dienlich sind. So ist es bis heute fast nicht möglich, gut fundierte Zahlen interessierten Menschen zu zeigen. Bisher bleib also immer die Frage, warum gute Wissenschaftler ihre Informationen nicht so aufarbeiten, dass sie auch ein Laie schnell und bildlich angenehm verstehen kann? Wäre das nicht eine Aufgabe, die gut besetzte staatliche Behörden übernehmen könnten?

Da ist es eine erfreuliche Überraschung, dass sich das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin der Aufgabe gestellt hat, ein knappes, aber informatives Faktenblatt zu einer Impfung zu erstellen. Das erste! Das Faktenblatt-HPV informiert schnörkellos und wissenschaftlich gut begründet über die Infektionen mit HPV, ihre Folgen (wie Gebärmutterhalskrebs und Analkarzinome) und die Impfung gegen die Erkrankung.

Ein guter Anfang!

Was geht rum? 18. Mai 2019

Verkehrssicherheit ist wieder ein Thema seit vermehrt E-Scooter und E-Bikes auf die Straßen und die Bürgersteige in Deutschland drängen. Die Frage, wer nun auf dem Bürgersteig fahren darf ohne die Fußgänger – und hier ganz besonders die Kinder – zu gefährden wird nun in aller Breite diskutiert. Gut so.

Abbildung 1. Verkehrstote auf den Straßen der USA. Seit 2010 ist das Risiko für Fußgänger sprunghaft gestiegen. Foto: Economist

Erschreckend ist eine Statistik, die der Economist in dieser Woche veröffentlichte. Diese befasst sich mit den getöteten Fußgängern im Straßenverkehr. Bezogen auf die gefahrenen Meilen amerikanischer Autos ist demnach das Risiko für Fußgänger im Verkehr getötet zu werden seit dem Jahr 2009 klar angestiegen. Dem Economist liegen Zahlen des Start-up-Unternehmens Zendrive vor, das die Nutzung des Smartphones im Auto im vergangenen Jahr nachvollziehen konnte. Demzufolge soll das Handy bei 60% aller Fahrten verbotenerweise zum Einsatz kommen. Das würde auch die Graphik erklären. Denn das erste iphone kam in den USA im Jahr 2007 heraus. Danach folgte ein Siegeszug der Smartphones. Heute gibt es in den USA fast so viele Smartphones (260 Millionen) wie Einwohner. Es sind vermutlich nicht nur die elektrisch betriebenen Roller und Räder die unsere Kinder bedrohen. Wir selber als Autofahrer sind ein nicht zu unterschätzendes Risiko, besonders, wenn wir so nebenbei das Handy nutzen sollten.

Eine ständige Belästigung – und ganz selten auch eine echte Gefahr – stellen Infektionen für Kinder dar. Im Moment sind das besonders die Enterokokken, wie letzte Woche auch: Hand-Fuß-Mund-Krankheit und Herpangina sind die wichtigsten Vertreter. Einer Ansteckung haben Kinder unter 10 Jahren wenig entgegenzusetzen, da sie diesen Erkrankungen noch nicht so oft begegnet sind. Eine Impfung gibt es nicht, eine direkt wirksame Therapie auch nicht. Es lohnt auch nicht, Kinder „davor zu schützen“, indem man sie nicht in die Kindertagesstätte oder zu Freunden gehen lässt. Ihr Körper soll durchaus lernen, mit diesen Enteroviren umzugehen. Das geht leider nur, wenn man die Krankheit – hoffentlich in schwacher Form – durchmacht.

Eine weitere Erkrankung mit Ausschlag macht noch die Runde: die Ringelröteln. Dies ist eine ansteckende Infektionskrankheit, die jedoch von den meisten Kindern ohne spürbare Probleme durchgemacht wird – bis auf den Ausschlag.

Abbildung 2. Krankheitshäufigkeit (Inzidenz) des Hantavirus in Bezug auf die gemeldeten Fälle der Landkreise mit Stand 6. Mai 2019. Foto: LGA Baden-Württemberg

Von den Hantaviren werden fürs Ländle enorm hohe Zahlen gemeldet: Allein 30 Neuerkrankungen in der letzten Woche gegenüber 11 Erkrankungen in den ersten 19 Wochen des letzten Jahres. Betroffen sind inbesondere die Landkreise auf der Schwäbischen Alb. Hier im praxisblättle finden Sie weitere Informationen, wie man das Risiko für eine Ansteckung mit dem Hantavirus deutlich verringern kann. Für Kinder durchaus wichtig!

Die Saison der Magen-Darm-Infektionen mit dem Rotavirus geht in diesem Jahr recht lange. Nachdem in der letzten Woche 121 neue Erkrankungen gemeldet wurden, liegen die Erkrankungszahlen im Vergleich zum letzten Jahr fast beim doppelten.

Abbildung 3. Gräserpollenflug der Region Münsterlingen. Foto: pollenundallergie.ch

Ach so die Pollen! Für sie läuft’s zum Glück aller Allergiker nicht so gut. Nun wird es zwar etwas wärmer. Die Meteorologen sagen aber auch öfter Regen voraus, so dass die Belastung mit Gräserpollen weiterhin eher gering bleiben dürfte.

Was geht in der Welt rum? Das Dengue-Fieber setzt seinen Siegeszug weiter fort. Davon betroffen sind auch verschiedene Touristendestinationen. Allen voran Brasilien (mit  282.414 Neu-Infektionen alleine in diesem Jahr), die Dominikanische Republik (1.400 Erkrankungen in 2019), Französisch Polynesien (39 Erkrankungen), die Malediven (1.900 Erkrankungen), die Philippinen (59.140 Erkrankungen), Tansania (1.122 Erkrankungen) und Réunion mit 9.200 Infektionen in diesem Jahr. Einzige effektive Schutzmaßnahme ist der Mückenschutz. Für Einzelheiten schauen Sie gerne nochmals hier im praxisblättle nach.

Übergewicht: „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“

Dass immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland von Übergewicht betroffen sind, ist seit langem bekannt. Ebenso lange wird darüber debattiert und gestritten, ob und wie man das verhindern kann. Und, welchen Beitrag die Politik hierzu leisten kann.

Nun wurde vor wenigen Wochen vom Bundesministerium Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) der Ernährungsreport 2019 veröffentlicht. Zuvor hatte die verantwortliche Ministerin, Julia Klöckner, die konkreten Ziele benannt: Senkung des Zuckergehalts …

  • in Frühstücksflocken um durchschnittlich 20%
  • in Softdrinks um 15%
  • in Kinder-Joghurts um 10%

Weitere Schritte sind auf freiwilliger Basis angedacht. So sind bestimmte Verhaltensregeln der deutschen Werbewirtschaft betreffend die Werbung für Kinder angedacht.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat inzwischen hierzu Stellung genommen und kritisiert zum einen die zu geringe Reduktion des Zuckers in Nahrungsmitteln. So würde der durchschnittliche Zuckergehalt in Cornflakes von jetzt 43 Gramm auf 100 g –  trotz dieser Maßnahme – künftig weiterhin über 30 Gramm Zucker liegen. Auch der Austausch der Saccharose (Kristallzucker) durch billig hergestellten Maissirup sieht er kritisch. Dessen Isoglucose oder HFCS (High Fructose Corn Syrup genannt) hat einen besonders hohen Anteil an Fructose mit einer höheren Süßkraft. Dadurch bleibt der hohe Süßgeschmack für die konsumierenden Kinder und Jugendlichen unverändert. Sie lernten also nicht, sich mit weniger Süße zu begnügen. Die verwendete Fructose (Fruchtzucker) würde darüber hinaus die Leber schädigen.

Insgesamt ist diese Innovationsstrategie ein erster Ansatz in die richtige Richtung. Aber in Anbetracht der Bedeutung des Problems bei weitem nicht ausreichend. Zum einen ist die Reduktion von Zucker oder Fett ungenügend. Zum anderen ist die Zielsetzung erst für 2025 gesetzt. Erst für diesen Zeitpunkt hat sich „die Lebensmittelwirtschaft … verpflichtet …… (die) konkreten Reduktionsziele zu erreichen“. Bis dahin ist ein heute 2-jähriges Kind, das zunehmend eigene Vorstellungen von Ernährung entwickelt, bereits 8 Jahre alt. Und gerade in diesem Alter beginnt häufig die Karriere des Übergewichts.

Sehr viel schöne Worte werden in den Papieren zu diesem Thema verloren. Taten sind nur wenige geplant. Und es braucht zu lange Zeit bis diese dürftigen Maßnahmen greifen. Die politischen Rahmenbedingungen, Übergewicht zu verhindern, sind keine effektive Hilfe für die Kinder und Jugendliche.