Kategorie: Editorial

Bericht vom Kongress der Kinder- und Jugendärzte in Leipzig

Foto: DGKJ 2018

Ende letzter Woche fand der Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig statt. Den Kongress haben vier Fachgesellschaften gemeinsam gestaltet. Federführend war die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die in Leipzig ihre 114. Jahrestagung durchführte. Das ist Tradition. Tradition ist auch, dass auch der Berufsverband der Kinderkrankenpflege wie schon seit 4 Jahrzehnten Partner der Veranstaltung war. Gut für alle Eltern zu wissen, dass Kinderärzte mit Kinderkrankenschwestern eng zusammenarbeiten.

Foto: DGKJ 2018

Standen früher Beiträge zu spezifischen Erkrankungen im Vordergrund, standen diesmal eher sozialpolitische Themen im Vordergrund. „Kein Kind wird zurückgelassen„. Obwohl in Deutschland alle Patienten Zugang zur Spitzenmedizin haben, wird diese von vielen aus verschiedenen Gründen nicht wahrgenommen. Der Kongress zeigte in mehreren Beiträgen praktische Wege auf, auch Kindern aus benachteiligten Milieus Angebote für eine gute Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Foto: DGKJ 2018

Auf den Gängen wurden viele weitere aktuellen Themen diskutiert, darunter auch die Telemedizin. Die meisten Ärzte sehen darin eine große Chance, auch wenn in vielen Bereichen der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt unerlässlich bleibt. Der Einzug der Digitalisierung in die Medizin hat längst begonnen, und alle Beteiligten des Gesundheitssystems sind aufgefordert, diesen kritisch zu begleiten und gestalten. Nur so kann sichergestellt werden, dass am Schluss nicht Algorithmen – deren Entstehung und Kontrolle oft im Dunkeln bleibt – über unsere Gesundheit entscheiden.

Foto: DGKJ 2018

Im praxisblättle werden wir in den kommenden Wochen einzelne relevante Themen aufgreifen, die beim Kongress in Leipzig diskutiert wurden.

Lärm – nicht nur laut!

Die Umwelt wird immer lauter. Im Sommer fallen da erstmal die Motorräder auf, die mit röhrenden Motoren Aufmerksamkeit erregen wollen. Und das meist dort, wo viele Menschen sind, die sich dann umdrehen. Auto-Poser haben vier Räder unter sich, aber die gleiche Intention. Lärm machen natürlich die üblichen Verdächtigen, über die alle Menschen im Chor sich beschweren: Flugzeuge, Industrie, Baustellen, Autos in der Masse. Der Rasenmäher (des Nachbarn), der Hund (des Nachbarn) und wiederum der Nachbar, wenn er grillt.

Lärm machen wir aber sehr oft selbst. Kaum ein Betrieb, in dem nicht eine Hintergrundmusik läuft, kaum ein Restaurant, das ohne Beschallung auskommt. Und wenn diese Musik mal nicht läuft, laufen viele Menschen durch die freie Natur – mit Ohrhörern. Ob in-ear oder on-ear.

Für Kinder kommen Spielzeuge in der Art Kinderpistolen und Trillerpfeifen als Lärmverursacher spezifisch hinzu. Später, als Jugendliche, ist Musik in Clubs ein enormer Faktor, abgesehen von der zusätzlichen Schallbelastung im Alltag mit lauter Musik über Ohrhörer.

Der Lärm in Städten verteilt sich nicht gleichmäßig. Eine Lärmkarte aus Berlin zeigt, welche Bedeutung der Luftverkehr hat (oranger Streifen im oberen Teil der Karte). Für die übrigen Bezirke ist die Nähe der jeweiligen Wohnung zur nächsten Straße von Bedeutung.

Das Gehör wird gerade im Kindesalter oft als gesund vorausgesetzt. Prävention wird praktisch nie betrieben, weil das Hören auch im Alltag von Erwachsenen wenig beachtet wird. Dabei zeigte schon der Kinder-Umwelt-Survey (KUS), dass bereits 12.8% der Kinder von 8-12 Jahren eine zumindest leichte Hörbeeinträchtigung haben.

Lärm hat aber noch wesentlich gravierendere Langzeitfolgen in Bezug auf Blutdruck, Schlaf und seelische Gesundheit.

Der Wasser-Wahn

Nach einem Regentag ist ein Waldspaziergang am Morgen eine intensive sinnliche Erfahrung. Noch gibt es leichte Bodennebel, die den Duft der Erde, des Getreides oder des modrigen Holzes zu einem Fest für die Nase machen. Beste Luftqualität, in feine Duftnoten verpackt und – kaum zu glauben – kostenlos.

Warum sollte ich auch für Luft bezahlen? Sie gibt’s in rauen Mengen allüberall auf der Erde. Und manchmal haben von der sauberen Luft sehr arme Menschen mehr als reiche, die in den Metropolen in einem Loft wohnen. Wird sich das mal ändern? Werden uns Unternehmen in wenigen Jahren Luft verkaufen? Abwegiger Gedanke?

Abbildung 1. Verbrauch an Mineralwasser aus Flaschen von 1970 bis 2017. Foto: de.statista.com

Beim Wasser haben sie es geschafft. In den letzten Jahrzehnten wurde uns mit geschickter Werbung nahegelegt, für Wasser zu bezahlen. Im Jahre 1970 lag der Verbrauch an Mineralwasser noch bei 12,5 Liter/ Einwohner in Deutschland. Wie die nebenstehende Graphik (Abbildung 1) zeigt, stieg dieser bis 2015 auf 149 Liter, um danach wieder leicht abzufallen. Die Werbung hat sich also gelohnt. Hinzu kam, dass wir in den letzten Jahrzehnten das amerikanische Verhalten kopierten: In allen Lebenslagen ein Getränk mit sich führen. Um die Ecke könnte ja die Wüste beginnen.

Aber brauchen wir Wasser von der Mineralquelle? In Deutschland und einigen anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich ist die Qualität aus dem Wasserhahn hervorragend. Das hat zuletzt die Stiftung Warentest im August 2016 an 28 verschiedenen Orten in Deutschland nochmals eindrücklich belegt.

Eine genaue Betrachtung zeigt, dass es für Getränke aus der Flasche kaum vernünftige Argument gibt.

Das fängt bei den Kosten an. Ein Liter Leitungswasser kosten uns maximal 0,2 Cent. Ein Liter Mineralwasser aus der Flasche kostet im günstigsten Fall das 65-fache: 13 Cent. Das erscheint erstmal nicht viel zu sein. Wenn man den Wasserkonsum – manche trinken ja auch Kaffee, Säfte oder Bier – sehr konservativ mit 1 Liter pro Tag ansetzt kommen doch fast 50 € pro Jahr zusammen.

Die Kisten von Mineralwasser müssen irgendwie nach Hause kommen. Der Transport kostet erstmal Zeit, Kraft (meist einseitig und nicht günstig für die Wirbelsäule) und Aufwand (Pfandflaschen zurückbringen, Pfandbon nicht verlieren). Frisches Wasser aus der Leitung – der pure Luxus. Und fast kostenlos.

Nicht zu vergessen die Umweltbelastung. Heute trinken feine Leute in Hongkong Perrier aus dem Rhônetal. Für Amerikaner ist es hingegen hipper Fiji-Water (ein Wasser aus einem artesischen Brunnen in Fidschi) zu trinken. Da mutet der Transport von Flaschen in Deutschland recht harmlos an. Dazu kommt weiterer Energie- und Wasserverbrauch durch Reinigung der Flaschen und der Abfüllanlagen. Der Energieverbrauch soll das 500-fache gegenüber dem Leitungswasser betragen. Nicht zu vergessen die Müllbelastung für die PET-Flaschen, die nur zu etwa 20% wieder dem Kreislauf zugeführt werden. Und der Müll landet am Ende oft im Meer – widersinnig, in der grössten Wasserquelle dieser Erde.

Auch die mikrobiologische Qualität ist letztlich beim Leitungswasser meist am besten. Es wird permanent untersucht. Im Bedarfsfall darf in Spuren eine Behandlung mit Chlor erfolgen, wobei die Wasserwerke zunehmend auf Desinfektion mit UV-Strahlen umstellen. Je nach Region können weitere unerwünschte Belastung auftreten durch Chrom, Pestizide, Nitrate und Medikamente. Diese Belastungen treffen jedoch auch die Mineralwässer (siehe Stiftung Warentest Juli 2017). Und je nach Wartezeit im Regal des Supermarktes, nimmt die Belastung mit Mikroorganismen zu.

Das ist alles reichlich seltsam. Und vielleicht ein Anstoß, dass wir selber unser Verhalten etwas ändern:

Wir können Kindern vorleben, dass Leitungswasser gut ist. Das gilt für alle Kinder ab 1 Jahr. Denn in landwirtschaftlichen Gegenden findet bis heute noch Überdüngung statt und die führt zu einem hohen Nitratgehalt, der für Kinder im Säuglingsalter problematisch sein kann. Immerhin nimmt sich die Politik langsam dieses Problems an.

Wer’s sprudelig mag, der kann sich seinen eigenen Sprudel aus Leitungswasser machen. Erste Hinweis hierfür gibt das Ministerium für Ernährung.

Als Trinkwasser wird Wasser mit hohem Mineralgehalt oft geschmacklich besser eingeschätzt. Das kommt in einigen Regionen direkt aus der Leitung – im Schwarzwald jedoch wegen des Granitgesteins weniger. Das Wort „Mineralwasser“ suggeriert, dass Flaschenwasser viele Mineralien enthält. Das ist heute nicht mehr so. Saskia von LIDL enthält beispielsweise je nach Quelle nur 140 mg/Liter (Löningen), das Leitungswasser von Bad Dürrheim enthält immerhin 700 mg/Liter.

Ein wachsendes Problem für Leitungs- und Mineralwässer sind die Medikamentenrückstände. Diese gelangen auf verschiedenen Wegen vom Patienten ins Abwasser. Vermutlich noch belastender als eingenommene Medikamente sind Cremes (Sonnencreme oder „Schmerzsalben“ wie Voltaren® Emulgel), deren Verbrauch riesig ist. Daten über die Umweltfolgen liegen jedoch nur spärlich vor. So ist bekannt, dass Diclofenac (Wirkstoff in Voltaren®) nachweislich die Nieren von Fischen schädigt. Zu diesem Thema gibt es eine aktuelle Publikation im Deutschen Ärzteblatt. Als Verbraucher können wir im Umgang mit Medikamenten vorsichtiger sein.

Abbildung 2. Wie viel Wasser wird in Europa aus Flaschen getrunken. Riesige Unterschiede. Klappt die Werbung in einigen Ländern besser? Oder trinken Schweden aus den zahlreichen Seen? Foto: www.reddit.com

„Trinken Sie viel“ – sagt so mancher Arzt. Außer in besonderen Lebenssituationen (mit eingeschränktem Bewusstsein) kann das kein vernünftiger Ratschlag für gesunde Menschen sein. Es sagt ja auch keiner, „atmen Sie genug“. Das sind Prozesse, die unser Körper selber regelt. Wer Durst hat trinkt. Wer nicht: nicht. Die nebenstehende Graphik (Abb. 2) zeigt, dass nicht alle Länder von diesem Wasser-Trink-Wahn befallen sind. Gerade die Schweden greifen wenig auf Flaschen-Wasser zurück.

Vergessen wir also selbsternannte „Experten“ mit halb gegorenen Studien. Und vertrauen wir  auf den Durst, der die Menschheit bis heute gut geleitet hat. Sorgen wir lieber mit unserem Verhalten dafür, dass auch unsere Kinder weiterhin vom guten Wasser trinken können.

Zucker……nur süß?

Zuckersüß. Zucker ist süß. Aber ist er so nett, wie er oft verstanden wird?

Zucker wird in einigen Ländern zunehmend kritischer gesehen. Um Schäden durch Zucker zu vermeiden, haben manche Staaten Regelungen – „Zuckersteuer“ – getroffen, um den Konsum von Zucker insbesondere für Kinder einzuschränken. Die skandinavischen Länder, Frankreich, Ungarn, Mexiko und zuletzt Großbritannien waren in dieser Hinsicht aktiv. Neue Daten, vor 2 Wochen im angesehenen Fachjournal Lancet von Robert Marten et al. veröffentlicht belegen, dass die Maßnahmen in Mexiko gegriffen haben. Im ersten Jahr sank der Verkauf an zuckergesüßten Getränken um 5%, im zweiten Jahr bereits um nahezu 10 Prozent. Dennoch weist in Deutschland die zuständige Ministerin Julia Klöckner die Aufforderung nach einer Steuer auf zuckerhaltige Produkte zurück.

Die medizinischen Grundlagen sind komplex. Tatsächlich sind vereinfacht gesagt Kalorien nicht gleich Kalorien. Das hängt unter anderem mit dem glykämischen Index (GI) zusammen. Dieser wird aus dem Vergleich des Blutzuckeranstiegs nach einer Mahlzeit ermittelt (in Relation zu Traubenzucker). Je höher der Wert liegt, um so eher wird das Hormon Glucose-abhängiges Insulinotropes Peptid (GIP) freigesetzt. Dieses führt zur Fettleber und Insulinresistenz, wonach der Körper weniger auf das Hormon Insulin reagiert.

In der Summe führen nach verschiedenen Studien der Konsum von Kohlehydraten mit hohem glykämischem Index sowie der Zuckerkonsum zu Adipositas. Die Adipositas ihrerseits führt wiederum zu Diabetes mellitus Typ 2.

Tabelle 1. Verschiedene Nahrungsmittel und ihr Zusammenhang mit Glykämischem Index (GI) und Glykämischer Last (GL). Quelle: http://www.symptome.ch/blog/uebergewicht-metabolisches-syndrom/

Nahrungsmittel mit hohem GI sind beispielsweise Limonaden, Fruchtsäfte, Weißbrot, weißer Reis und Cornflakes. Dieser Wert alleine ist noch nicht die ganze Wahrheit. Die gylkämische Last beschriebt den Zusammenhang genauer, da bei dieser Zahl auch der prozentuale Anteil der Kohlenhydrate am Gesamtgewicht mit einfließt. Die nebenstehende Tabelle 1 gibt einen kleinen praktischen Einblick in die Konsequenzen.

HPV-Impfung – nun endlich auch für männliche Jugendliche

In diesem Monat kam die überraschende Vorabinformation der STIKO (Ständige Impfkommission) am RKI (Robert-Koch-Institut, Berlin): Sie „empfiehlt die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) für alle Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Eine Nachholimpfung wird bis zum Alter von 17 Jahren empfohlen. Die HPV-Impfempfehlung für Mädchen bleibt unverändert“. Diese Empfehlung war aus medizinischer Sicht seit Jahren überfällig.

Neue Erkenntnisse stehen nicht dahinter, wie SPIEGEL-online suggeriert. Eigentlich ist einfachste Logik ausreichend. Wenn heterosexuelle Mädchen an Gebärmutterkrebs erkranken, dann findet die Übertragung beim Sex statt. Bei dieser Gruppe von jungen Frauen sind also die männlichen Partner die Überträger. Das dürfte wohl bekannt sein. Im Übrigen ist auch bekannt, dass Analkrebs und Peniskrebs durch die HPV-Viren ausgelöst werden kann.

Es ging vermutlich mal wieder ums Geld. Die Impfung ist mit jeweils 150€ pro Dosis außerordentlich teuer. Und je nach Alter sind 2 oder 3 Dosen erforderlich, also pro Proband mindestens 300€ für eine wirksame Impfung. Schade, dass da nicht offen drüber gesprochen wird. Warum bei Geld immer die Scham so bedeutsam wird? In Australien wird die Impfung für die männlichen Jugendlichen schon seit 2013 angeboten. Die Impfung wird auf dem fünften Kontinent von den Jugendlichen gerne angenommen, die Erfolgsquoten sind entsprechend gut.

Ein ähnliches Thema war unter Kinderärzten früher die Rötelnimpfung. Bis in die 1990ger-Jahre wurden nur Mädchen geimpft, um deren Babies vor der Rötelnembryopathie zu schützen. Es dauerte lange, bis allen klar war, dass es in der Welt auch (ungeimpfte) Männer und Väter gibt. Die ein stellen ein gleich hohes Risiko für den Nachwuchs dar wie alle anderen Menschen auch.

In diesem Zusammenhang sollte vielleicht auch in der Medizin über einen Männerbeauftragten diskutiert werden. Seit zwei Jahren hat Matthias Becker diese Funktion in Nürnberg inne. Seine Aufgabenstellungen sind vermutlich andere. Aber das Thema Impfung scheint durchaus auch einen Stellenwert in der Gender-Forschung einnehmen.

Mein Kind läuft schon – und Dein’s?

„Mein Kind läuft schon“. Manche Eltern kommen zur Vorsorge U6 zum Kinderarzt und berichten, dass das gleichaltrige Kind von Freunden schon sicher und frei laufe. Sie sind betrübt, weil ihr eigenes Kind „noch nicht so weit sei“. Diese Eltern habe ich beruhigt, weil bis heute kein stichhaltiger Beweis für einen Zusammenhang von früher motorischer Entwicklung und – beispielsweise – höherer Intelligenz bekannt ist.

Vor wenigen Jahren hat sich eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Oskar G. Jenni von der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich dieser Frage angenommen. In ihrer Langzeitstudie untersuchten 119 Jungen und 103 Mädchen bis nach der Pubertät und fanden keinen Zusammenhang zwischen motorischer Geschicklichkeit oder Intelligenz und frühem freien Laufen. Sie bestätigten damit wissenschaftlich die bestens bekannte Erfahrung, dass Kinder zwischen 8 und 20 Monaten (im Durchschnitt 12 Monate) frei laufen lernen. Eine enorme Spanne für eine normale Entwicklung. Mit den motorischen Fähigkeiten und der Intelligenz bestand im Alter von 7 bis 18 Jahren keinerlei Zusammenhang.

«Ich rate deshalb Eltern zu mehr Gelassenheit, wenn ihr Kind erst mit 16 oder 18 Monaten zu gehen beginnt», bemerkte Prof. Dr. Jenni zu den Ergebnissen der Studie.

Mildere Entwicklungsprobleme sind in Ansätzen oft schon mit 12 Monaten für Kinderärzte erkennbar. In diesen fraglichen Situationen untersuchen wir die weitere Entwicklung nicht erst 12 Monate später anlässlich der Vorsorgeuntersuchung U7 (im Alter von 24 Monaten) sondern bereits im Alter von 15 bis 18 Monaten erneut. Dadurch lassen sich Kinder mit Entwicklungsverzögerungen von den  „Spätzündern“ recht bald unterscheiden.

Und „Spätzünder“ zeigen letztlich eine ganz normale Entwicklung. Es ist also irrig vom frühen Laufen eines Kindes auf seine allgemeine Begabung zu schließen. Oder umgekehrt.

Körperliche Aktivität von Kindern

Ernährung und Bewegung bleiben wichtige Themen, mit denen sich Eltern auseinandersetzen müssen. Nur bei wenigen Kindern stehen Nahrungszufuhr und körperliche Aktivität immer in einem guten Gleichgewicht. Das Angebot an Essen ist enorm und das zu günstigen Preisen. Und die Verführung wird von der Industrie hoch gehalten, in dem immer neue Produkte zum Verzehr einladen. Diese sind oft recht fett (Fett vermittelt besseren Geschmack) oder süß. Und meist beides zusammen.

Auf der anderen Seite werden Kinder und Jugendliche an Bildschirmen aller Art gehalten. Ob das nun Filme zur guten Unterhaltung sind, Chat-Räume um sich mit Freunden auszutauschen oder Spiele, die Geschicklichkeit verlangen – allesamt binden sie an ein Gerät und halten die jungen Menschen von der Lust an Bewegung ab. Hinzu kommt, dass viele Eltern den Kindern keinen Schulweg mehr „zumuten“ wollen. Zumindest nicht wenn es regnet, wenn es schneit oder heiß ist. Also fast immer.

Soviel Mathematik muss schon sein: Kalorienreiches Essen + weniger Bewegung = mehr Gewicht.

In Deutschland hat die KIGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) wichtige Daten zu diesem Themenbereich beigetragen.

Abbildung 1. KIGGS-Studie. Kinder und Jugendliche, die täglich mindestens 60 Minuten körperlich aktiv sind (Prozentanteile an der gleichaltrigen Bevölkerung). Daten von 2014-2015 . Foto: Robert-Koch-Institut, Studie KIGGS Welle 2

Besonders auffällig ist, wie wenig sich Kinder bewegen. Selbst bei Vorschulkindern ist gerade mal jeder zweite Junge mindestens 60 Minuten am Tag körperlich aktiv. Bei den Mädchen sind es 10% weniger. Wie die nebenstehende Abbildung 1 zeigt geht die körperliche Aktivität mit zunehmendem Alter weiter zurück – und dies besonders bei den Mädchen. Als Jugendliche bewegen sich weniger als 10% der Mädchen noch regelmäßig.

Es dürfte schwierig sein, einen Jugendlichen mit Argumenten zu körperlicher Aktivität anzuregen. Die Chance gibt es ganz früh. Eltern sollten ab Geburt körperliche Aktivität vorleben. Das kann zunächst der Sonntagsspaziergang mit den Großeltern sein (peinlich?) oder ein Waldspaziergang mit dem Kinderwagen. Später gehen die Eltern mit dem Kind zu Fuß in den Kindergarten und zeigen, dass der Regen einen besonderen Reiz hat. Auf diese Art übernehmen die Kinder irgendwann dieses Vorbild. Mag sein erst 20 Jahre später. Aber immerhin.

Dicke Luft

Der Dieselskandal ist seit einem Jahr ein Top-Thema. Der eigentliche Skandal ist aber, dass Dieselfahrzeuge über die letzten Jahrzehnte steuerlich gefördert wurden. Dabei war längst bekannt was der Dieselmotor anrichten kann.

Zum Beispiel Pollenallergie in Japan. Dort wurde bereits 1986 die erste wissenschaftliche Arbeit von M. Muranaka und Kollegen zum Thema Dieselpartikel und Allergie im angesehenen Journal of Allergy and Clinical Immunology (JACI) veröffentlicht. Diese bezog sich auf Untersuchungen an Mäusen. Eine zweite Publikation ein Jahr später von der gleichen Forschergruppe erhärtete nochmals im Tierversuch das Risiko. Sie folgerten, dass diese Daten wohl auch für Menschen bedeutsam seien.

Abbildung 1. Darstellung der IgE-Produktion von reinen B-Zellen in Anwesenheit von IL-4 plus CD40-Zellen Bezug auf Umgebungsbedingungen mit oder ohne PAH-DEP (DEP: Diesel exhaust particle). Foto: JACI, 1995

Takenaka und Mitarbeiter veröffentlichten schließlich 1995 die im Experiment nachgewiesenen Effekte am Menschen. Diese betreffen Dieselpartikel bzw. polyaromatische Hydrocarbone (PAHs = PAK: polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) aus den Dieselabgasen im Bereich der menschlichen Atemwege (siehe Abbildung 1).

Namhafte Allergologen und Immunologen haben also schon vor 23 Jahren schlüssig belegt, dass Dieselabgase negative Auswirkungen auf die Atemwege des Menschen haben. Über diese 23 Jahre lief die steuerliche Förderung der Dieselfahrzeuge in Deutschland munter weiter. Es bleibt der Eindruck, dass nichts unternommen wurde, um die Situation in über 2 Jahrzehnten zu verbessern.

Der Dieselmotor bleibt trotz allem eine gute Erfindung. Ein Vierteljahrhundert jedoch ungenutzt verstreichen zu lassen und nichts zu unternehmen, um den Abgasausstoß zu verringern ist erschreckend. Da beruhigt es auch nicht, dass heute alle alles besser wissen.

Abbildung 2. Luftqualität in Baden-Württemberg. Im Kästchen oben die aktuellen Daten von Reutlingen. Die weiteren Messstellen sind markiert, wobei die Farbe grün gute Werte anzeigt. Um Sigmaringen gibt es über weite Gebiete keine Messdaten. Foto: aqicn.org/map/stuttgart/de/

Immerhin. Die Gesellschaft ist etwas lernfähig. In Berlin gibt es eine Informationsseite, die den Menschen in der Hauptstadt zeigt, was so in der Luft liegt. Für Baden-Württemberg gibt es ebenfalls Daten (siehe Abbildung 2), die kontinuierlich gemessen und im Internet abrufbar sind. Ein erster  Anfang zur Transparenz ist also gemacht.

Antibiotikaverbrauch – mehr ärztliche Kompetenz ist gefragt

Antibiotika sind ein Segen. Eigentlich. Wie bekannt, können antibiotische Medikamente auf die eine oder andere Art die Vermehrung von Bakterien stoppen. Damit helfen sie einem betroffenen Kranken, seine Krankheit leichter oder überhaupt besiegen zu können.

Die entscheidende Frage ist also, handelt es sich beim Auslöser der Erkrankung die behandelt werden soll um Bakterien oder eben doch nicht. Leider gibt es hierfür in vielen Fällen keine klaren Hinweise. Manche Diagnosen wie der Scharlach – mit seinem typischen Ausschlag – sind ein klarer Beweis für eine Erkrankung durch Bakterien. Beim Scharlach ist nur nicht so ganz klar, ob Antibiotika immer sinnvoll und notwendig sind. Andere Erkrankungen wie die Influenza (Grippe) gehen mit sehr hohem Fieber über viele Tage. Menschen sind schwer krank und dennoch: die Ursache sind Viren, keine Bakterien. Es kann aber vorkommen, dass sich auf der Grundlage der Virusinfektion – in diesem Fall einer Influenza – eine Lungenentzündung durch Bakterien aufbaut. Genau an diesem Punkt wird es schwierig. Weder Laborwerte wie das oft beschworene CRP (C-reaktives Protein) , noch ein Röntgenbild und schon gar nicht die Höhe des Fiebers helfen hier in der Beurteilung weiter. Oft ist es so, dass die Gesamtheit vieler Faktoren die Wahrscheinlichkeit für oder gegen Bakterien als Ursache erhöht oder senkt.

Schon medizinische Überlegungen machen den gezielten Einsatz von Antibiotika nicht ganz leicht. Der Umgang mit diesen potenten Arzneimitteln unterliegt noch vielen Einflüssen. Einer ist auch, dass bei schweren Erkrankungen Patienten dieses Medikament oft einfordern und der Arzt dem Druck wider besseres Wissen nachgibt. Auch bei hohem Fieber im Rahmen einer Virusinfektion helfen Antibiotika nicht.

Abbildung 1. DDD für Antibiotika in verschiedenen Ländern. (A -oberer Bildteil) zeigt die Veränderungen im Verbrauch über die Jahre 2000 – 2015 (B unterer Bildteil) zeigt die DDD nach Ländern. Foto: http://www.pnas.org/content/early/2018/03/20/1717295115

Letztlich erstaunt es also nicht, dass der Verbrauch von Antibiotika auch in unterschiedlichen Ländern großen Schwankungen unterliegt. Da hat sich in den vergangenen 15 Jahren viel getan. Die umfangreiche Studie von Eili Y Klein und Mitarbeitern ging diesen Fragen nach. Sie untersuchten den Verbrauch anhand der sog DDD: defined daily dose. Das ist die durchschnittliche Dosis eines Medikaments, die für einen Patienten pro Tag benötigt wird. In der Abbildung 1 rechts ist im unteren Teil B die DDD für 1000 Patienten in verschiedenen Ländern aufgeführt. Die Farbe markiert den Wohlstand der Länder. Dabei zeigt sich, dass der Wohlstand nur bedingt mit dem Verbrauch an Antibiotika zu tun hat. Lediglich in den sehr armen Ländern werden aus Armut sehr wenig Antibiotika eingesetzt. Den höchsten Verbrauch an Antibiotika haben die Türkei, Spanien, Griechenland und Frankreich (DDD über 35). Deutschland liegt mit etwa 20 im Mittelfeld. Am besten liegt seit Jahrzehnten schon die Niederlande mit dem gleich hohen Verbrauch wie das Entwicklungsland Bangladesh. Dieser dürfte in den Niederlanden der medizinischen Einsicht, im Bangladesh eher der Armut geschuldet sein.

Antibiotika können lebensrettend sein. Oder komplett überflüssig. Und manchmal auch schädlich. Was für den Patienten in seiner persönlichen Situation günstig ist, muss also immer mit gutem medizinischem Wissen und kritischer Beurteilung abgewogen werden.

Madagaskar: Kinder sterben durch Tränengas

In Madagaskar sind gestern bei einem Polizeieinsatz zwei Kinder ums Leben gekommen. Im Zentrum der Hauptstadt Antananarivo hatte die Polizei mit überzogenen Mitteln eine friedliche Demonstration aufgelöst. In diesem Zusammenhang warfen sie Tränengasbomben, die auch das Kinderkrankenhaus in der Parallelstrasse von Madagaskars Prachtstrasse trafen.

Nach verschiedenen Presseberichten erstickten hierbei zwei Kinder an der hohen Konzentration des Reizgases. Zeugen berichteten, dass in der Umgebung der ohnehin durch Umweltgase belasteten Innenstadt die Sicht meist unter 20 Metern lag. Zwei erwachsene Personen wurden vermutlich durch Schüsse tödlich getroffen. Die Zahlen der Verletzten sind noch unsicher.

Hintergrund für die extremen Auseinandersetzungen ist der Versuch des aktuellen Präsidenten Hery Rajaonarimampianina seine politischen Gegner durch ein neues Wahlgesetz auszuschalten. Dagegen richtete sich der friedliche Protest der 73 Abgeordneten, die das Gesetz – erfolglos, aber mutig  – abgelehnt hatten. Der Präsident selbst hatte sich tags zuvor heimlich abgesetzt, vermutlich nach Paris, das er wegen der netten Einkaufsmeilen sehr schätzt.

Das Hôpital Mère Enfant Tsaralalana (HMET) im Zentrum von Antananarivo , Madagaskar. Foto. Sobikamada

Die betroffene Kinderklinik HMET pflegt seit Jahren eine enge Zusammenarbeit mit dem Pfullendorfer Verein credimus e.V., der dort vor vier Jahren mit dem Aufbau einer Abteilung für Lungenerkrankungen bei Kindern begonnen hatte. Bereits seit neun Jahren besteht darüber hinaus eine enge und erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit (MAKI-Studie) zwischen der Klinik unter Leitung von Prof. Dr. Annick Robinson und einem deutschen Ärzteteam mit Dr. Peter Th. Wolff aus Pfullendorf.