Kategorie: Editorial

Migration: Im Gesundheitswesen schon lange Alltag

Abbildung 1. Weltweite Migrationsströme im Jahre 2017. Quelle: Steingarts Morning Briefing

Das Thema Migration hat Deutschland im September 2015 auf einen Schlag erreicht. Zuvor wurden Berichte über die Migration in den Nachrichten meist  kaum beachtet. Dabei gab es zu allen Zeiten Menschen auf der Erde, die ihre Heimat aus unterschiedlichsten Gründen verlassen haben und an andere Orte gezogen sind. In den letzten Jahren stand Europa mehr im Zentrum als zuvor. Und dennoch: Die größten Migrationen finden noch immer innerhalb Asiens statt, wie die nebenstehende Graphik verdeutlicht.

Das gilt ebenso für Ärzte. Und nicht erst seit heute. In früheren Jahrzehnten waren die Bewegungen oftmals politisch geprägt. So sind vor vielen Jahrzehnten aus „Bruderländern“ viele Ärzte nach Kuba geschickt worden, um dort die Revolution zu unterstützen. Inzwischen hat sich das geändert. Nun sendet Kuba Ärzte in die Welt. Nach Angaben der Regierung sollen momentan 15.000 Ärzte in Venezuela tätig sein, in Afrika seien es 2166 Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Politisch ist dort wenig zu gewinnen. Heute regiert in vielen Fällen das Geld. In Afrika errichtet China häufig Kliniken, um einen guten Ruf in der Bevölkerung zu bekommen. Dieser wird genutzt, um günstig an Bodenschätze und Land zu kommen. Ein komplexes Thema.

Abbildung 2. Migrationsbewegungen im europäischen Gesundheitswesen im Jahre 2012. ROT Patientenbewegungen, BLAU Ärzte und Pflegekräfte, die nach Deutschland kamen GRÜN Ärzte und Pflegekräfte, die Deutschland verlassen haben. Foto: Deutsches Ärzteblatt

Für Europa fasst die nebenstehende Abbildung die Migrationsströme im Gesundheitssektor der letzten Jahre gut zusammen. Dabei wird klar, dass die Migration nicht nur Ärzte und Ärztinnen, sondern auch Mitarbeiter aus dem Pflegebereich und Patienten umfasst. Aus verschiedenen Gründen – meist ist es Geld – sind Menschen bereit lange Wege auf sich zu nehmen. Patienten suchen günstigere Behandlungen im Ausland (Zahnersatz, Hüftoperationen). Pflegepersonal und Ärzte zieht es in Länder mit besser geregelten Arbeitszeiten (z.B. Schweiz) und/ oder besserer Bezahlung. Ärzte aus anderen europäischen Ländern besetzen die freigewordenen Stellen. Nicht vermerkt ist, dass eine hohe Zahl von europäischen Ärzten aus Ländern wie den USA nach einigen Jahren auch wieder zurückkommen.

Abbildung 3. Anteil der Ärzte eines Landes, die im Ausland ausgebildet wurden bezogen auf das Jahr 2015 oder früher. Quelle: Statista

Der Anteil von „ausländischen Ärzten“ – also Ärzten, die nicht im Land ihrer Tätigkeit geboren wurden, ist in Europa sehr unterschiedlich. Das zeigt die nebenstehende Abbildung 3. So sind in der Türkei und Italien gerade mal 0.2% bzw. 0.8% im Ausland ausgebildete Ärzte. Ganz anders in Großbritannien und der Schweiz mit 27%. Spitzenreiter aber sind Norwegen (38.1%) und Irland (39%).

Es zeigt sich also, dass viele Länder Europas in Bezug auf Mitarbeiter im Gesundheitswesen eng verflochten sind. Das macht Trennungen – wie die Verhandlungen beim Brexit zeigen –  so kompliziert.

Sylvester ….. echte Freunde oder Facebook

Heute ist Sylvester. Den Abend verbringe ich mit echten Freunden. Wir treffen uns und haben viel Spaß bei gemeinsamen Spielen. Monopoly natürlich nicht, es geht ja nicht um Macht und Überlegenheit oder gar Streit. Es gibt inzwischen so viele Spiele wie Wizzard oder Qwirkle, die allen gemeinsam Spaß machen, alle zum Lachen bringen und bei denen es manchmal sogar witziger ist zu verlieren. Zumindest ist es keine Schande.

Heute um Mitternacht werden vermutlich die Computer der sozialen Medien wie Facebook auf Hochtouren laufen. Da senden dann Menschen weltweit ihre aber(?)-witzigen Bilder aus dem wahren Leben an Tausende von Freunden, die sie oftmals gar nicht richtig kennen.

Abbildung 1. Werbeumsätze von Facebook. Quelle: Handelsblatt

Facebook hat ja auch mal angefangen als Plattform für Freunde –  junge Freunde. Seit Jahren wollen nun auch die Alten jung sein: Sie tragen Kopfhörer, machen einen auf cool und sind auf Facebook. Obwohl: Facebook wird immer älter. Die Jungen springen zunehmend ab und haben andere Kommunikations-Plattformen.

Und eines sollte klar sein. Facebook ist nicht für uns. Sondern für den Profit bestimmter Leute. Dafür müssen wir User halt Werbung ertragen. So wird ein amerikanischer Nutzer im Jahre 2018 nach neuen Berechnungen 102,30 US Dollar eingespielt haben. Unsere Adressen und unsere Daten sind viel wert. Nur bekommen andere den Ertrag, indem sie uns ein paar Häppchen vorsetzen und wir überglücklich hineinbeißen.

Experten haben herausgefunden, dass jeder Mensch – gemäß neuesten Untersuchungen – 3,7 echte Freunde im Durchschnitt hat (brandeins 12/18). Die stehen wahrscheinlich mit ihm auf dem Balkon und genießen gemeinsam den Beginn des neuen Jahres. Auf Facebook kann ich verzichten. Solange die Freunde um mich herum sind.

Tuberkulose bei Kindern in Deutschland: Hatte die Migration einen Einfluss?

Tuberkulose ist eine der bedeutsamsten Infektionskrankheiten. Weltweit erkranken daran 10 Millionen Menschen jedes Jahr. Von diesen versterben an dieser Erkrankung 1.8 Millionen. Damit ist die Tuberkulose die tödlichste Infektionskrankheit des Planeten. Die größte Verbreitung hat die Tuberkulose in Asien (besonders Indien und Indonesien), Afrika und Osteuropa.

Kinder unter 5 Jahren sind besonders empfänglich für eine Ansteckung mit Tuberkulose, da ihre Immunität noch nicht ausgereift ist. Dennoch sind Lungenentzündungen anderer Ursache (andere Bakterien wie Pneumokokken und Viren) weltweit gesehen für Kinder und Jugendliche die häufigste Todesursache.

Abbildung 1. Tuberkulose-Bakterium auf einem Makrophagen (weiße Blutzelle). Foto: aerzteblatt.de

Ausgelöst durch sog. säurefesten Stäbchen (Bakterien – siehe Abbildung 1) kann die Tuberkulose viele Organe betreffen. Ganz im Vordergrund steht die Lunge (82.5% bei den Kindern), gefolgt von den Lymphknoten. Damit steht auch das Symptom Husten an erster Stelle. Bedingt durch den langsam schleichenden Verlauf dauert es aber häufig recht lange bis die Erkrankung als solche entdeckt und dann behandelt wird. Langwierige stationäre Behandlungen für Kinder sind inzwischen in Deutschland eher selten.

Abbildung 2. Häufigkeit der Neuerkrankungen an Tuberkulose bei Kindern (graue Kurve unten) und Erwachsenen (hellblaue Kurve oben) in Deutschland für die Jahre 2002 bis 2017. Die dunkelblaue Kurve zeigt die Gesamthäufigkeit an. Foto: RKI

Für die industrialisierten Länder wie Deutschland, stellt sich die Situation in Bezug auf Tuberkulose komplett anders als in vielen Ländern der Erde dar. Bedingt durch eine gute Ernährung der Bevölkerung, gesunde Wohnverhältnisse und eine für alle Menschen gute medizinische Versorgung ist die Tuberkulose in Deutschland seit Jahrzehnten auf dem Rückmarsch. Die Tuberkulose kommt in den Städten häufiger vor (Hamburg 13.1 Neuerkrankungen auf 100.00 Einwohner) als im ländlichen Raum (Niedersachsen 4.4, Schleswig-Holstein 4.8). Auch die Migrationsbewegungen seit dem Jahr 2015 haben daran wenig geändert (siehe Abbildung 2). Die Häufigkeit bei Kindern ist gegenüber den Erwachsenen nochmals niedriger. Die neusten Daten des Robert-Koch-Instituts in Berlin (RKI) geben für das Jahr 2017 für Kinder und Jugendliche 238 Neuerkrankungen an. Damit liegt die Erkrankungsrate bei Kindern bei 2.2 Erkrankungen auf 100.000 Kinder. Das entspricht der Rate des Jahres 2004. Den niedrigsten Wert konnte das RKI für Kinder im Jahre 2008 ermitteln (1.1).

Die Tuberkulose ist eine meist schwerwiegende Erkrankung. Die Erkrankungshäufigkeit bei Kindern in Deutschland liegt auf sehr niedrigem Niveau. Daran haben die Migrationswellen der letzten Jahre nur wenig geändert.

Hunde + Halter + Hygiene

Die Zahl der Haustiere in Deutschland nimmt seit Jahren zu. Dabei erhalten sich die Katzen in vielen Fällen noch Freiräume, indem sie nächstens draußen herumstromern. Hunde hingegen sind mehr an den Menschen gebunden – sie werden Gassi geführt.

Ziel dieser Spaziergänge ist in den meisten Fällen, dass der Hund sich seiner Notdurft entledigt. Und die findet sich dann auch zunehmend in den Städten, Stadtrandgebieten und inzwischen auch auf dem Lande an Orten aller Art. Abgesehen davon, dass soviel Kot nicht ansehnlich ist, stellt sich auch die Frage der Hygiene.

Dem hat sich nun eine Studie einer Arbeitsgruppe um Barbara Hinney vom Parasitologischen Institut der Universität Wien angenommen. Was die acht Forscher herausfanden ist spannend und entlockt einem auch ein leichtes Schmunzeln. Sie untersuchten die Hinterlassenschaft der Vierbeiner in allen Bezirken der Stadt Wien, in Mödling (16 km südlich von Wien) und in Wolkersdorf, einer ländlichen Gemeinde 24 km nördlich von Wien.

Dass im Kot viele Erreger zu finden sein würden, überrascht nicht weiter. Auch das Vorkommen von Toxacara cani – einem für Hunde typischen Parasit – verwundert nicht. In den etwa tausend Hundehaufen fanden die Forscher aber auch Trichuren mit einer Häufigkeit von 1.8%-7.5% sowie Giardia als die häufigsten Protozoen in 4.0%-10.8%. Die beiden letztgenannten Erreger sind auch für Menschen – und ganz besonders für Kinder – bedeutsam und krankmachend.

Es gab große Unterschiede in der Belastung mit diesen Parasiten. Es zeigte sich, dass Hundehaufen in Parkanlagen und auf Trottoirs mehr Erreger enthielten als solche, die ordentlich im Mülleimer entsorgt waren. Ob die Wohnbezirke dicht bewohnt waren oder nicht hatte jedoch keinen Einfluss auf die Belastung mit Parasiten. Auf dem Land war der Befall übrigens deutlich höher als in der Stadt.

Das bestätigten mir auch die Männer meiner Stadtreinigung auf ihrer Tour, die Kanalisation zu reinigen. Gerade im Stadtzentrum sei die Belastung durch offen-liegenden Kot und in Müllsäcken verpacktem Kot enorm. Auch andere Reinigungskräfte können uns direkte Berichte über die wahre „Ordnungsliebe“ unserer oft sittsam daherkommenden Zeitgenossen geben.

Die Forscher vermuten ein „unterschiedliches Hygienebewusstsein der Hundehalter“. Denn die ordentlich entsorgten Hinterlassenschaften der Hunde waren deutlich weniger von Parasiten befallen. Sie weisen nochmals klar darauf hin, dass Hundebesitzer den Kot ihrer Tiere ordentlich in Tüten entsorgen sollten. Nur dadurch kann das Risiko für Mensch und Tier gering gehalten werden.

Gerade Kinder, die durch ihren Forscherdrang eher mal geneigt sind, sich dem Kot der Tiere zu nähern, sind besonders gefährdet. Aber auch auf Feldern versteckter Kot kommt irgendwann einmal in der Nahrungskette an und trifft uns dann alle.

Diäten: Manches ist gesichert, vieles nicht

Ist es fair – so kurz vor Weihnachten – das Thema Diät nach vorne zu holen? Das frage ich mich. Aber egal. Erstens ist die Adventszeit nach christlicher Auffassung ohnehin eine Fastenzeit und zweitens kann es nicht schaden, dem Kater nach Weihnachten vorzubeugen.

Mit dem zunehmenden Wohlstand kamen die Diäten. Bereits 1972 hat der Amerikaner Robert Atkins die erste Low-Carb-Diät propagiert. In seinem berühmt gewordenen Buch „Diät-Revolution“ empfahl er Übergewichtigen, auf Kohlenhydrate (englisch: carbohydrate) möglichst zu verzichten. Es folgten viele andere Diäten. In den letzten zwei Jahrzehnten kamen dann die Diäten bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten hinzu. Die gab es zwar in Realität schon immer, aber die Gruppe der Gefühlt-Betroffenen hat enorm zugenommen. Somit dürfte es für viele Menschen heute schwierig sein, sich spontan zu einem gemütlichen gemeinsamen Essen zu treffen ohne vorher zu klären was im Essen drin sein darf oder nicht.

Bei dem Durcheinander von sich widersprechenden Empfehlungen grenzt es fast an ein Wunder, dass sich vier Wissenschaftler mit unterschiedlichen Überzeugungen auf diesem Sektor zusammenfanden und in der angesehenen Zeitschrift SCIENCE gemeinsam einen Artikel veröffentlichten. In Dietary fat: From foe to friend? (in deutsch bedeutet das soviel wie: Fett in der Diät: vom Feind zum Freund) setzen sie sich mit der Bewertung von Kohlenhydraten und Fett in der Ernährung auch in Bezug auf chronische Krankheiten auseinander. Dabei arbeiten sie sieben Punkte von gemeinsamen Überzeugungen heraus. Daneben stellen sie auch die weiterhin kontroversen Überlegungen – und das sind natürlich mehr, nämlich neun. Was sind nun die Kernpunkte, in denen sie wissenschaftlich übereinstimmen?

  1. Mit einem Schwerpunkt auf gute Qualität in der Ernährung kann für ein breites Spektrum an verschiedene Diäten mit unterschiedlicher Kohlenhydrat – Fett – Mischung eine gute Gesundheit und ein geringes Risiko an chronischen Erkrankungen erreicht werden.
  2. Sterblichkeit. Veränderung des relativen Risikos im Rahmen einer Langzeitstudie (momentan 32 Jahre) bei 126.233 Männern und Frauen (Wang et al). Foto: SCIENCE

    Gesättigte Fettsäuren sollten durch (mehrfach) ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden.

  3. Ersatz von hoch verarbeiteten Kohlenhydraten (Getreideprodukte, Kartoffelprodukte, Zucker) durch wenig verarbeitete Kohlenhydrat-Produkte (Vollkorn, nicht-stärkehaltige Gemüse, rohe Früchte u.ä.). 
  4. Gesunde Menschen mit normalem Insulinstoffwechsel können verschiedene Diäten mit unterschiedlichem Verhältnis von Kohlehydrat/ Fett vertragen. Menschen mit Insulinresistenz (das sind nach Expertenansicht in Deutschland immerhin bis zu 20% aller Menschen) sollten eher Diäten mit wenig Kohlehydraten bevorzugen.
  5. Eine ketogene Diät kann für einzelne Menschen mit Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels sinnvoll sein. Langzeit-Studien zu dieser Frage stehen aber noch offen.
  6. Diäten mit niedrigem Anteil an Kohlehydraten und hohem Fettanteil benötigen keine speziell hohe Eiweißzufuhr oder tierische Produkte wie Fleisch. Als Ersatz sind fettreiche pflanzliche Produkte wie Öle, Nüsse, Samen und Avocado geeignet.
  7. Fragen betreffend Diät-bezogener chronischer Erkrankungen bleiben bestehen. 

Der Diät-Wahn hat auch für Kinder und Jugendliche Folgen. Genau genommen sogar schon, bevor sie zur Welt kommen. Denn auch Schwangere unterliegen den Einflüssen von Diäten und diese betreffen unmittelbar das werdende Baby. Es ist also gut, wenn sich Wissenschaftler zusammensetzen und herausarbeiten, was heute als gesichert anzusehen ist.

In der Novemberausgabe der Monatsschrift für Kinderheilkunde hat die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. den aktuellen Stand zu vegetarischen Kostformen im Kindes- und Jugendalter zusammengefasst.

🎈 25 Jahre praxisblättle

Das praxisblättle wird in diesem Monat ein Vierteljahrhundert alt. Zu Beginn, in seiner ersten Ausgabe vom Dezember 1993 hieß es noch s’praxis-blättle.

Abbildung 1. Erstausgabe des praxisblättle aus dem Dezember 1993. Foto: ptw

Damals kam es tatsächlich noch auf Papier, als Blatt – als Blättle. Immerhin wurde das praxisblättle von Anfang an am Computer erstellt. Dessen Ausdruck wurde dann schlicht am Fotokopierer vervielfältigt. Meistens in irgendeiner Farbe, um’s ein bisschen peppiger zu machen. Die Abbildung rechts zeigt die Erstausgabe – in orange.

Fünf Jahre gingen ins Land, bevor das praxisblättle dann als Email erschien. In Abbildung 2 ist die Septemberausgabe aus dem Jahre 2002 in Auszügen wiedergeben. Mit der Email waren mehr Möglichkeiten für die Darstellung der Inhalte gegeben. Und der mühsame Zeitaufwand des Fotokopierens fiel weg. Und für alle Bezieher: Fortan war das praxisblättle kostenlos, nachdem zuvor jeweils 10 Pfennige zu berappen waren.

Abbildung 2. praxisblättle als Email aus dem September 2002. Foto: ptw

Es kamen immer wieder einzelne Verbesserungen, bevor die Email ein rundum neues Design – bunt und mit Bildern – ab Januar 2005 erhielt.

Abbildung 3. Artikel zum Thema Feinstaub aus dem August 2013. Foto: ptw

Mit Einführung des Blogs kam 2012 eine neue Ära. Die Verwaltung von Mail-Adressen fiel weg. Wer Interesse hatte konnte sich fortan jederzeit die Inhalte im Internet ansehen. Neue Beiträge im praxisblättle erschienen nun mehrmals pro Woche, meist drei Mal. Damit einher ging auch eine weitere Neuerung, die gut angenommen wurde: Die Kategorie: „Was geht rum?“. Jeden Samstag konnten die Leser nachsehen, was medizinisch Aktuelles vorlag.

In der aktuellen Form präsentiert sich das praxisblättle nach seit dem letzten Relaunch mit dem Jahreswechsel im Januar 2018. Das neue Format erlaubt längere Beiträge, verbunden mit gut lesbaren Hinweisen als Graphiken und auch Videos. Für Interessierte ist in aller Regel auch die Literaturquelle zu wichtigen Themen direkt mit einem Klick abrufbar.

Natürlich haben wir schon weitere Ideen um das praxisblättle weiter aktuell zu halten. Aber die müssen wie alles erstmal reifen.

An Geburtstagen darf man sich gemeinhin etwas wünschen, oder? Wir vom praxisblättle wünschen uns Rückmeldungen und Diskussionen mit unseren Lesern. Als wir die Häufigkeit unseres Blogs „Was-geht-rum?“ reduzieren wollten, haben viele von Ihnen uns rückgemeldet, wie wichtig Ihnen dieser Blog ist. Das war uns Anregung und Ansporn zugleich. Warum nicht auch zu anderen Themen?

Bleiben Sie uns auch in Zukunft gewogen.

Nichtrauchen ist angesagt

Rauchen ist ungesund. Nichts neues. Die Deutsche Krebsgesellschaft in Berlin hat errechnet, dass im Jahre 2013 etwa 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens verstarben. Dabei sind neben dem gefürchteten Lungenkrebs auch weitere Folgen des Rauchens (Darmkrebs, Leberkrebs, Tuberkulose, Diabetes Typ-2) berücksichtigt. Insgesamt sind 13.5% aller Todesfälle auf das Rauchen zurückzuführen.

Abbildung 1. Rauchen und Nie-Rauchen unter 12-17 Jugendlichen in Deutschland. Foto: BILD

In den letzten Jahrzehnten sind enorme Erfolge erzielt worden, die Zahl der Raucher zu verringern. Mit großem Erfolg in der Europäischen Gemeinschaft und in Deutschland. Heute ist Rauchen bei Jugendlichen fast uncool. Das zeigt die nebenstehende Abbildung 1, die auf Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beruht.

Die BZgA startete ihr Programm Be Smart – Don’t Start im Jahre 1997. Ab 2002 folgten bundesweit Erhöhungen der Tabaksteuer, Rauchverbote im öffentlichen Raum folgten im Jahre 2012. Inzwischen liegt die Rate der Nieraucher in der Altersgruppe der 12-17-Jährigen bei 80%, die der Rauchen hat bereits 2014 die 10-Prozentmarke nach unten geknackt. Ein gigantischer Erfolg.

Abbildung 2. Rauchen bei den Erwachsenen nach einer Untersuchung der BZgA von 2015 Foto; Deutsche Krebsgesellschaft

In Süddeutschland wird weniger geraucht als in Norddeutschland. Insgesamt ist aber – wie die Abbildung 2 zeigt – die Quote der Raucher unter Erwachsenen noch sehr hoch. Es bleibt zu hoffen, dass die Jugendlichen auch für die Erwachsenen „ansteckend“ sind. Wenn diese schon mit Stöpseln im Ohr die Jugendlichen imitieren, dann sollten sie das auch beim Rauchen machen.

Eltern sollten sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein. Auch wenn Kinder und Jugendliche nicht alles machen was Eltern wollen, sie ahmen langfristig die Eltern mehr nach als diese glauben. Gerade in der Pubertät sind Eltern oft verzweifelt. Dabei ist eines klar: wenn Eltern Nichtraucher sind, werden es ihre Kinder mit größter Wahrscheinlichkeit auch. Und sie vermeiden damit, zu den 13.5% aller Todesfälle zu gehören, die aufs Rauchen zurückgeführt werden können. So erfolgreich kann Erziehung sein.

Es liegt was in der Luft …. Feinstaub trifft alle, besonders die Kinder!

Luft wird nur durch Belastungen wie etwa Rauch oder Sand sichtbar. Aber schon die unsichtbare Luft enthält oft Stoffe, die die Gesundheit aller Menschen massiv belasten können. Die Affäre um Dieselautos hat dies nochmals gezeigt. Obwohl es hierbei mehr um den vertuschten Betrug als um die Belastung für die Gesundheit ging.

Es gibt zunehmende Belastungen für die Gesundheit aller Menschen. Sie treffen ganz besonders die jungen Menschen. Die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) hat für das Jahr 2015 berechnet, dass weltweit eine Million Kinder im Alter unter 5 Jahren an einer Infektion der unteren Atemwege (LRI) verstorben sind. Zu diesen Infektionen gehören neben der Lungenentzündung auch die Verengungen der kleinsten Atemwege (Bronchiolitis) und Asthma bronchiale.

Abbildung 1. Sterblichkeit durch die Umwelt-Luft-Belastungen weltweit. Je dunkler eine Region gezeichnet ist, umso höher (jeweils bezogen auf 1000 qkm Fläche) ist die Zahl der Todesfälle, die über weltweiten den Durchschnitt hinausgehen. Foto: The Lancet

In einem Atmosphärenchemiemodell haben kürzlich die drei Forscher Jos Lelieveld, Andy Haines und Andrea Pozzer aus Mainz und London nun berechnet, welchen Einfluss die Umweltbelastungen auf die Gesundheit weltweit haben. Ihre Ergebnisse haben sie kürzlich in der angesehenen medizinischen Zeitschrift The Lancet veröffentlicht. Die wesentlichen Bedrohungen für Erkrankung und Tod gehen vom Ozon und ganz besonders vom Feinstaub aus. Bei letzterem sind vorwiegend die Teilchen bedeutsam, die extrem klein sind (Durchmesser bis maximal 2.5 µm – PM2.5) und die somit bis in die tiefen Atemwege gelangen können. Dort, im empfindlichsten Teil der Lunge, können sie bedeutsame Schäden anrichten.

Sie fanden heraus, dass im Jahre 2015 weltweit 237.000 Kinder im Alter unter fünf Jahren an den Folgen der Feinstaubbelastung mit nachfolgenden unteren Atemwegsinfektionen (LRI) verstarben. Davon 107.000 im dicht besiedelten Asien und 128.000 in Afrika. Diese Todesfälle durch Feinstaubbelastung für die Atemwege sind weltweit für 18% des Verlusts an Lebenserwartung verantwortlich.

Sind unsere Kinder nun diesen Gefahren immer schutzlos ausgesetzt? Die Autoren betonen in diesem Zusammenhang, dass sehr wohl Besserung möglich ist. In Bezug auf die besonders Armen aber nur durch eine Mischung von drei Maßnahmen:

  1. massive Reduktion der Feinstaubbelastung
  2. Bekämpfung des Hungers, der die Abwehr des Körpers gegen vielfältige Belastungen – auch Infektionen –  herabsetze
  3. gezielte Behandlung umweltbezogener Gesundheitsstörungen

Dass dieses Ziel noch in weiter Ferne liegt, zeigt die momentane Belastung mit Feinstaub. Weltweit stieg die Belastung mit PM2.5 von 40.5 µg/m3 seit dem Jahr 2010 auf 44.0 µg/m3 im Jahre 2015 – also in nur fünf Jahren. Auf welch dramatischem Niveau wir uns bereits bewegen zeigt die Einschätzung der WHO. Sie sieht alle Werte über 10 µg/m3 als kritisch an, der unbedenkliche Schwellenwert liegt bei 2.4 µg/m3. Weltweit liegt der Feinstaubwert momentan also beim 18-fachen des Unbedenklichen.

Abbildung 2. Quellen der Umweltbelastungen für Todesfälle. Die Prozentzahlen geben den Anteil des Umweltschädigers an den Todesfällen an Foto: The Lancet

Die Luftbelastungen sind je nach Land sehr unterschiedlich, wie die nebenstehende Abbildung für die USA und Indien zeigt. So ist die Hauptquelle für die Umweltbelastung in Indien der Energieaufwand im Wohnbereich (Kochen und Heizen), der in den USA relativ deutlich geringer ist. Umgekehrt wirken sich in den USA Landwirtschaft und Verkehr stärker aus.

Abbildung 3. Erhöhung der Sterberate bezogen auf 1000 Kinder unter dem Alter von 5 Jahren pro Jahr. Foto: The Lancet

Aus den spezifischen Belastungen einzelner Länder folgen auch unterschiedliche Risiken für die Kinder. Weltweit sterben auf 1000 Kinder pro Jahr 0.37 Kinder unter 5 Jahren. Die Graphik rechts – entnommen der zitierten Studie – zeigt, welche Sterblichkeit durch die Luftbelastung in den verschiedenen Ländern für Kinder im Alter unter 5 Jahren hinzukommt. Die ersten acht Plätze belegen Länder aus Afrika unter all den armen Ländern. Wer unter 5 Jahre alt ist und arm, leidet unter der Umweltbelastung am meisten.

Die Umweltbelastung mit Feinstaub hat auch erhebliche Folgen für Erwachsene: Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenkrebs sind die wichtigsten. Durch die Erwachsenen erhöht sich die Zahl der Opfer von Feinstaub um nochmals mehr als 4 Millionen Menschen jährlich.

Wir leben alle auf dem gleichen Planeten. Und, wie die Untersuchung zeigt, hat unser Verhalten in vieler Hinsicht Folgen für Menschen, die wir nicht kennen und die weit weg von uns leben. Grund genug, im Kleinen zu beginnen, die Umweltbelastung zu begrenzen. Ein Fahrrad kann beispielsweise auch ohne Sonnenschein benutzt werden.

„Die Bakterien haben das letzte Wort“

Der Umgang mit Antibiotika ist eine schwierige Sache. Wenn die Medizin und die Patienten nicht zu Veränderungen bereit sind, wird’s schwierig. „Die Bakterien haben das letzte Wort“, so sagte schon Robert Koch.

Abbildung 1. Multiresistente Erreger im Jahre 2013 im Südwesten Deutschlands. Je dunkler die Farbe, um so höher die Rate (wie z.B. in Frankfurt). Foto: aus DIE ZEIT

Wie alles Leben auf diesem Planeten, so sind auch Bakterien anpassungsfähig. Wenn sie also sehr häufig von bestimmten Antibiotika getroffen werden, so gelingt es ihnen irgendwann, dagegen einen Abwehrmechanismus zu entwickeln. Im Endeffekt ist dieses Antibiotikum dann wirkungslos, das Bakterium also resistent gegen dieses spezifische Antibiotikum. Wenn mehrere Antibiotika ein bestimmtes Bakterium nicht mehr bekämpfen können, gilt der Erreger als multirestistent (siehe Abbildung 1). Dieser Begriff wird unterschiedlich gehandhabt. Für die problematischsten Bakterien – die gramnegativen Bakterien mit dünner Zellwand – wird der Begriff dann verwendet, wenn die Bakterien gegen mindestens 3 der 4 möglichen Antibiotikagruppen resistent ist.

In den letzten Jahren ist Zahl der Resistenzen bei grampositiven Bakterien (mit dicker Zellwand) nicht weiter angestiegen, was Mediziner sehr beruhigt. Hingegen gibt es weiter zunehmende Resistenzen bei den gramnegativen Bakterien.

Das Problem ist seit Jahren erkannt und es gibt zunehmende Erfolge. So hat die Diskussion der letzten Jahre nach Einschätzung des Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Prof. Dr. Jörg Hacker „…dazu geführt, dass heute zehn bis 20 Prozent weniger Antibiotika verschrieben werden“. Er ergänzt jedoch: „Allerdings geht hier die Schere zwischen Kliniken und Arztpraxen immer weiter auseinander“. Also, dem Erfolg bei den Kliniken stehen zunehmende Problem in der Praxen gegenüber.

Es stellt sich also die Frage: Was sind die Hauptursachen für die Resistenzen?

  • Unzureichende Medikamenteneinnahme. Die effektive Dauer der Einnahme der Antibiotika ist zu kurz, um alle Bakterien abzutöten. Die nicht abgetöteten sind meist diejenigen, die sich besser gegen Antibiotika wehren können. Diese können sich in der Folge wiederum vermehren und sind bei künftigen Anwendungen von Antibiotika resistenter. Es ist also wichtig, dass der Arzt eine ausreichend hohe und zeitlich sinnvolle dosierte Therapie verschreibt. Und: Dass der Patient diese Therapie auch über diese Zeit einnimmt, auch wenn es ihm wieder gut geht. 
  • Zu häufiger Einsatz der Antibiotika. Es ist seit langem bekannt, dass sich Resistenzen weniger entwickeln, wenn Antibiotika seltener eingesetzt werden. Weltweit leuchtendes Beispiel sind die Niederlanden. Aber auch in mittelgroßen Kliniken in Baden-Württemberg lies sich nachweisen, dass weniger Resistenzen bei geringerem Antibiotikaeinsatz auftraten.  
  • Zu sorgloser Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. Auch diese Antibiotika erreichen uns über das Fleisch.

Sind wir Menschen dem Problem tatenlos ausgeliefert? Nein. Patienten haben einen grösseren Einfluss auf den Arzt als sie glauben. Sind sie gesund, schimpfen viele über die Antibiotika. Wenn sie aber krank sind, kehrt sich das gerne um. Obwohl sie wissen, dass Antibiotika bei Virusinfektionen nicht helfen können, verlangen sie vom Arzt ein Antibiotikum. Der wiederum möchte gerne als der gnädige Halbgott dastehen und verschreibt es wider besseres Wissen.

Eine kurze Frage würde dem Arzt weiterhelfen um medizinisch freier zu entscheiden: „Meinen Sie, dass ich das Antibiotikum im Moment wirklich brauche?“.

Deutschland steht zusammen mit der Niederlanden, der Schweiz und den skandinavischen Ländern vergleichsweise gut da. Bereits in Zypern und Griechenland ist Verbrauch an Antibiotika doppelt so hoch. In vielen Länder Afrikas und Asiens werden Antibiotika noch häufiger verordnet – sofern ein Patient sie bezahlen kann. Dazu ist häufig auch keine ärztliche Expertise erforderlich.

Geduld, dem Körper bei normalem Krankheitsverlauf die sieben Tage bis zur Genesung zu lassen ist vonnöten. In unserer Kindheit wurde die Ungeduld bis zur Gesundung mit wechselnden Wickeln, Tees und Tröstungen besiegt. Heute gäbe es zusätzlich noch andere unterhaltende Medien.

Nationaler Penicillin-Allergie-Tag in den USA

Täglich haben wir mehrere Gedenktage, an die wir nie denken, weil wir sie nicht bemerken. Neben dem Wolkenkratzertag – ja den gibt es wirklich, nämlich am 03. September – haben wir am 28. September sowohl den internationalen Welt-Tollwut-Tag und den nationalen Penicillin-Allergie-Tag in den USA.

Was soll denn das? Dieser Penicillin-Allergie-Tag wurde eingerichtet, um die echten Allergiker*innen gegen Penicillin von den vermeintlichen zu trennen. Das soll wichtig sein? Ja, das kann sogar lebensrettend sein. Fragen Sie mal in Ihrem Freundeskreis. Ich bin sicher, Sie werden 1 oder 2 Personen finden, die gegen Penicillin „allergisch“ sind. Vielleicht haben sie sogar einen Allergieausweis.

In Wahrheit haben aber in den USA 90 bis 95% aller vermeintlichen Penicillinallergiker gar keine aktuelle Allergie. In Deutschland ist die Rate vergleichbar. Und das ahnen und unterstellen viele Ärzte. Wenn sie also ein Penicillin (oder ein Penicillin ähnliches Antibiotikum) einsetzen, gehen sie davon aus, dass die genannte Diagnose ja meistens doch nicht stimmt. Meistens. Aber eben nicht immer! Kommt es also dazu, dass ein echter Penicillin-Allergiker dringend ein Antibiotikum braucht – beispielsweise bei einer eitrigen Hirnhautentzündung – und der Allergieausweis nicht auffindbar ist, kann das fatale Folgen haben. Wenn der behandelnde Arzt denkt, eine Allergie wird schon nicht vorliegen und das Penicillin verabreicht, ist das schrecklich und für diesen Patienten oft tödlich.

Gerade bei solchen schwerwiegenden Diagnosen muss darauf geachtet werden, dass sie stimmen. Dazu gibt es Allergolog*innen. Diese sollten immer eingeschaltet werden, wenn es um die Frage einer Allergiediagnose geht, die mehr beinhaltet als einen lästigen Heuschnupfen.

Und dazu ruft der Penicillin-Allergie-Tag in den USA auf. Leider nicht in Deutschland, obwohl bei uns vermutlich das gleiche Problem vorliegt.