Kategorie: Krankheitsbilder

Lichen sclerosus

Der Name Lichen sclerosus ist etwas schwerfällig. So nennt sich eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die ganz überwiegend die Genitalregion betrifft. Übersetzt aus dem griechischen heißt der Begriff harte Flechte, was die Hauterkrankung ganz gut beschreibt.

Nicht-genitaler Lichen sclerosus bei einem älteren Menschen. Foto: www.diseaseshows.com

Der Lichen sclerosus kommt im Kindesalter deutlich häufiger vor als gedacht. Er zeigt sich im Genitalbereich durch eine weitgehend scharf begrenzte Entzündung der Haut, die leicht perlmuttartig glänzt, sich trocken anfühlt und diskret gerötet ist. Bei Mädchen kommt sie häufiger vor und betrifft meist die Dammregion (Perinaeum), von wo sich der Ausschlag sowohl zum After hin aber noch mehr zu den Schamlippen bis hin zur Klitoris ausbreiten kann. Die betroffene Haut schrumpft etwas, was im weiteren Verlauf zu Narben führen kann. Das kommt bei Kindern sehr selten vor. Das bedeutendste Symptom ist hier der Juckreiz, wodurch Kinder immer wieder in die Genitalregion fassen oder auf dem Hintern herumrutschen. Für einen erfahrenen Kinder- und Jugendarzt ist die Diagnose nicht schwierig, wenn er auf dieses Symptom hingewiesen wird.

Auch Jungen sind davon betroffen. Bei ist meist die Vorhaut des Penis (Präputium) und die Eichel betroffen. Dadurch, dass sich die entzündete Haut des Lichen sclerosus zusammenzieht, entsteht bei Jungen häufig eine Phimose, also eine Vorhautverengung.

Die Ursache des Lichen sclerosus ist unbekannt. Das verstärkte familiäre Vorkommen weist auf eine genetische Mitverursachung hin. Die immunologischen Veränderungen wiederum zeigen, dass der Erkrankung vermutlich ein Autoimmun-Mechanismus zugrunde liegt. Inwieweit falsche Hautpflege ein weiterer Faktor ist, ist unbekannt. Da die Genitalregion mit großer Scham belegt ist, ist es oftmals üblich, viel Seife dort anzuwenden. Davon kann in jedem Fall nur abgeraten werden. Auch die massenhafte Anwendung von Salben aller Art sind sicherlich nicht als günstig anzusehen.

Die Therapie erfolgt mit im Kindesalter zumeist mit einer Cortison-haltigen Creme. Dabei ist Erfahrung notwendig, um unter den Hunderten von Cortison-Präparaten das passende auszuwählen. Auch die Art der Anwendung und insbesondere die Dauer muss individuell angepasst werden.

Der Verlauf des Lichen sclerosus kann durchaus über viele Monate gehen und mühsam sein. Im Kindesalter – gerade zur Pubertät hin – heilt die Hauterkrankung glücklicherweise meistens aus.

Tödliches Risiko für Erkrankungen mit Meningokokken

Besonders im ersten Lebensjahr finden viele Impfungen statt. Das geht darauf zurück, dass wir KinderärztInnen dem kindlichen Organismus Informationen geben wollen, die er noch nicht hat bzw. haben kann.

Das gesund geborene Kind hat beispielsweise noch nie Kontakt zu Meningokokken gehabt. Diese Bakterien können zu schwersten Erkrankungen führen. Mit einer Impfung lässt sich ein großer Teil verhindern. Die Information, die eine Impfung vermittelt regt den kindlichen Körper an, Abwehrstoffe (Antikörper) zu bilden, um bei Kontakt mit dieser Erkrankung gewappnet zu sein.

Aber wie hoch ist das Risiko einer Meningokokkeninfektion?

Kürzlich sind die neuesten Daten für das Jahr 2018 im Infektionsepidemiologischen Jahrbuch veröffentlicht worden. Daraus geht hervor, dass 295 Menschen – vorwiegend Kinder und Jugendliche – im letzten Jahr mit Meningokokken erkrankt sind. Von diesen starben 34 Kinder, also knapp 12% (im Vorjahr 23 Kinder). Bei 237 Kinder und Jugendlichen konnte der Erreger ermittelt werden. In 139 Fällen (59%) waren es Meningokokken der Serogruppe B.

Über die letzten Jahrzehnte sind die Erkrankungen durch Meningokokken insgesamt spürbar zurückgegangen. Für die Kinder bis 11 Jahre beispielsweise trat im Jahr 2018 noch eine einzige Infektion mit Meningokokken C auf – im Jahr 2006 waren es noch 48 Erkrankungen gewesen. Das geht vermutlich im Wesentlichen auf die Impfung gegen Meningokokken C zurück, die bereits seit 13 Jahren von der STIKO (Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut, Berlin) empfohlen wird.

Bei den Meningokokken der Gruppe B waren es im letzten Jahr noch 36 Erkrankungen gegenüber 109 Erkrankungen im Jahr 2006. Dieser Typ B der Meningokokken kommt in unseren Breiten schon immer häufiger vor als die anderen und betrifft in vielen Fällen bereits junge Säuglinge.

Wer sich durch weitere Datenberge über die Impfungen durcharbeiten möchte, kann hier den Link zum Infektionsepidemiologischen Jahrbuch 2018 öffnen.

Wann soll ich mich gegen Influenza impfen lassen?

Meist im September kommen die neuen Impfstoffe gegen Influenza (Grippe) auf den Markt. Aber, soll man sich dann sofort impfen lassen? Und auch die eigenen Kinder?

Das Problem bei den Impfungen gegen die Influenza besteht ja darin, dass sie zwar wirksam sind, aber nicht so gut wie beispielsweise Impfstoffe gegen Masern. Wir alle wünschen uns also dass die Grippeimpfung besser wäre. So erkranken manche Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene obwohl sie geimpft wurden. Andererseits erkranken manche nicht Geimpfte nicht. Das löst dann regelmäßig Diskussionen aus, die nicht sehr zielführend sind.

Zur Frage des schwindenden Impfschutzes hat sich eine Arbeitsgruppe um Jill M Ferdinands vom U.S. Department of Health and Human Services gebildet. In ihrer Studie untersuchten sie die Wirksamkeit der Impfung bei Personen ab 9 Jahren in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Impfung.

In ihrer Studie fanden die Forscher eine abnehmende Wirksamkeit der Grippeimpfung mit zunehmender Zeit nach der Impfung. Am besten war die Wirksamkeit der Impfung kurze Zeit nach der Impfung. Für das Influenza A-Virus (H3N2) und das B-Virus war die Wirksamkeit bereits nach einem Monat 7% niedriger. Für das Influenza A-Virus (H1N1) ging die Wirksamkeit in der gleichen Zeit um 6-11% zurück.

Wie bereits bekannt, ist es also sinnvoll sich kurz vor der erwarteten Grippesaison impfen zu lassen. Da die erste Grippewelle in aller Regel aber nicht vor Dezember stattfindet, scheint eine Impfung im später Oktober oder November die beste Strategie zu sein.

Sollten auch die eigenen Kinder geimpft werden? Die offiziellen Empfehlungen unterscheiden sich in vielen Ländern. In Deutschland wird die Impfung chronisch Kranken und alten Menschen empfohlen. Es ist jedoch erwiesen, dass die Grippe-Impfung gerade bei Kindern besonders gut wirksam ist. Das macht eine Impfung von Kindern und Jugendlichen trotz allem sinnvoll.

Eines ist jedenfalls sicher: Bei allen berechtigten Zweifeln, lohnt eine Influenza-Impfung. Auch wenn man nicht immer den idealen Impfzeitpunkt findet. Um die persönlichen Besonderheiten angemessen zu berücksichtigen, sollten Sie die Frage einer Impfung gegen die Grippe (Influenza) schon jetzt mit Ihrem Arzt besprechen.

Chikungunya: schmerzhafte tropische Infektion

In der kalten Jahreszeit sehnen sich so manche nach der Wärme der Tropen. Doch neben wärmender Sonne und mancher Heiterkeit, bieten die Tropen auch Krankheiten, die ein Risiko darstellen. In erster Linie natürlich die Malaria, über die wir im praxisblättle bereits berichtet hatten.

Verbreitung des Chikungunya-Fiebers weltweit. Foto: www.planet-wissen.de

Bei weitem nicht so gefährlich aber besonders stark verbreitet ist das Dengue-Fieber, das in den letzten 20 Jahren seinen Siegeszug um die Erde angetreten hat. Auch darüber konnten Sie im praxisblättle die wichtigsten Informationen finden. Das Chikungunya-Virus eifert inzwischen dem Dengue-Virus nach und setzt seinerseits dazu an, neue Landstrich zu befallen.

Tigermücke – Aedes aegypti. Sie ist Überträger von Gelbfieber, Dengue-Fieber und Chikungunya-Fieber. Ganz vereinzelt ist sie inzwischen auch in Südbaden anzutreffen – dann aber ohne die Beladung mit einem dieser Viren. Foto: pixabay, Wikilmages

Wie das Dengue-Virus und das Gelbfieber-Virus benutzt es hierzu die Aedes-Mücke – auch Tigermücke genannt – um den Erreger meist tagsüber auf den Menschen zu übertragen. Nach einer Inkubationszeit von meist drei Tagen bis einer Woche treten hohes Fieber auf, das bis zu einer Woche anhalten kann. Während dieser Zeit kommt es bei der Hälfte der Betroffenen zu einem masernähnlichen Ausschlag (makulopapulöses Exanthem).

Ausschlag bei Chikungunya-Fieber Foto: Pan American Health Organization

Die besonders typischen Muskel- und Gelenkschmerzen treten nach Abklingen des Fiebers auf und können Wochen bis Monate anhalten. Im Vordergrund stehen die Gelenkschmerzen, die höllisch sein sollen und vorwiegend die Arm- oder Beingelenke betreffen. Dieses Symptom tritt bei fast allen Erkrankten auf. Der komplizierte Name geht auf einen Stamm (Makonde) im Süden Tansanias zurück, wo dieses Wort soviel wie „der gekrümmt Gehende“ bedeutet – so gehend, wegen der starken Gelenkschmerzen.

Der bislang einzige Schutz ist der Mückenschutz, besonders tagsüber. Inzwischen zeichnet sich jedoch ab, dass in den kommenden Jahren ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Prof. Dr. Emil Reisinger und Kollegen aus Rostock und Wien haben kürzlich eine Publikation im Lancet veröffentlicht, in der sie bei gesunden freiwilligen Erwachsenen eine gute Verträglichkeit und Wirksamkeit ihres Impfstoffs nachweisen konnten. Bis dieser zur Verfügung steht, dürften jedoch noch Jahre vergehen.

Es gibt zwar in den Sommermonaten ganz vereinzelt die Tigermücke im Taubergießen, einem Naturschutzgebiet am Rhein das in der Nähe des Europaparks Rust beginnt. Es gab erste Fälle von Chikungunya im Jahre 2007 in Italien und zuletzt 2017 in Südfrankreich. Noch ist in Baden-Württemberg nichts zu befürchten. Der Klimawandel im Verbund mit dem regen Reiseverhalten könnten das in den nächsten Jahren aber ändern. Wie gesagt, die Tigermücke ist ab und zu schon mal da.

Allergie gegen Hausstaubmilben

Hausstaubmilben haben wenig Freunde in der Welt. Schon das Aussehen stößt bei Menschen auf wenig Gegenliebe, ihre acht Beine tun ein Übriges. Sie gehören zu den Spinnentieren und kommen in etwa 50 Arten vor.

Ursprünglich waren die Hausstaubmilben Mitbewohner von Vogelnestern. Inzwischen haben viele die Nähe zu den Menschen als angenehmer entdeckt. Dort gibt es neben den angenehmen Temperaturen (am besten um die 27 Grad Celsius) und der höheren Luftfeuchtigkeit auch genügend Nahrung. Die Hautschuppen sind zumindest für die Art Dermatophagoides pteronyssinus die Lieblingsspeise. In Deutsch übersetzt heißt der Name dieser Art übrigens schlicht: Hautfresser. Sie ist die wichtigste Milbe in unserem Hausstaub.

TAE Platts-Mills Foto: factor.niehs.nih.gov

Ihre Bedeutung in Bezug auf Allergien wurde 1978 durch Prof. Tom Platts-Mills erkannt, dem es gelang das erste Milbenallergen zu identifizieren. Damit war der Weg frei, um den von der Hausstaubmilben-Allergie betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie Erwachsenen gezielter helfen zu können.

Wesentlicher Bestandteil der Therapie ist seither die sog. Sanierung. Dabei werden für die Milben mithilfe eines Bündels von Maßnahmen schlechtere Lebensbedingungen geschaffen. Da Hausstaubmilben sehr zäh sind, überleben einige aber auch das. Die Anzahl der Spinnentierchen im Haushalt kann jedoch soweit gesenkt werden, dass vielen betroffenen Allergikern ohne Einnahme eines Medikaments die Beschwerden genommen werden.

Kürzlich kam von der Gesellschaft Pädiatrische Allergologie (GPA) ein Elternratgeber zur Hausstaubmilbenallergie heraus, in dem die einzelnen Maßnahmen nochmals zusammengefasst sind.

Zöliakie

Die Zöliakie ist eine chronische Erkrankung, die durch eine Unverträglichkeit von Gluten – früher auch häufiger Kleber genannt – ausgelöst wird. Als Gluten wird eine Mischung von Eiweißen (Proteinen) in gewissen Getreidesorten bezeichnet. Die Zöliakie wird also durch den Verzehr von Getreide und Getreideprodukten ausgelöst.

Die Ursache für die Unverträglichkeit liegt im Zusammenspiel einer allergischen Reaktion des Darmes mit einer Autoimmunerkrankung. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Erkrankung mehr ist als eine Erkrankung des Darmes; auch andere Organe sind betroffen. Als auslösende Getreide gelten: Gerste, Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Grünkern. Unproblematisch sind Reis, Mais, Hirse, Teff (Grundlage für Injera, ein äthiopisches Fladenbrot). Buchweizen und Quinoa (das Grundnahrungsmittel in der Andenregion) werden ebenfalls gut vertragen, sind auch biologisch betrachte keine Getreide.

Die Häufigkeit der Erkrankung hat über die letzten Jahrzehnte zugenommen. Zugenommen hat infolge deutlich verbesserter Diagnostik auch die Zahl der aufgedeckten Erkrankungen. Neben den typischen Krankheitsbildern (siehe unten) gibt es Verlaufsformen mit geringen oder auch fehlenden Symptomen. Die Zöliakie beginnt häufig im Kinderalter und betrifft mehr Mädchen als Jungen. Je nach Region liegt die Häufigkeit bei 1-3% in Europa. Bei einigen Grundkrankheiten ist das Risiko eine Zöliakie zu entwickeln um bis zu 5-10% erhöht: Diabetes mellitus, Autoimmunthyreoiditis, Trisomie 21, Turner-Syndrom, Williams-Beuren-Syndrom, selektivem IgA-Mangel und Autoimmunhepatitis. Es besteht ein erhöhtes familiäres Risiko.

Neben der Zöliakie gibt es auch eine Weizenallergie, die recht häufig ist. Hierbei besteht eine Allergie gegen Gluten + Weizenproteine. Als dritte Variante gibt es auch eine  Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität, die wissenschaftlich noch umstritten ist. Welche dieser Erkrankungen vorliegt kann der spezialisierte Arzt mit verschiedenen diagnostischen Tests herausfiltern.

Symptome

Bei klassischen Verläufen stehen im Kindesalter die Gedeihstörungen nach Einführung getreidehaltiger Nahrungsmittel am Anfang. Meist kommt es parallel zu Durchfällen (Verstopfung ist aber auch möglich!). Die große Stuhlmenge passt nicht zu der Menge an Nahrung, die das Kind aufnimmt. Die Stühle sind fettig. Viele Eltern berichten, dass ihr Kind zunehmend lustlos und missmutig wurde. Die Lebenslust und Vitalität geht zurück. Beim Zahnarzt fallen manchmal typische Zahnschmelzdefekte auf.

Diese Symptome treten beim Jugendlichen meist deutlich abgeschwächt auf, zumal in diesem Alter Stimmungsschwankungen auch hormonell erklärbar sind.

Diagnosestellung

Typische Darmschleimhaut bei Zöliakie. Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Celiac_disease_-_high_mag.jpg

In den letzten Jahrzehnten war die Diagnose nur mit Hilfe einer Biopsie (Entnahme eines kleinen Stückes Dünndarm) möglich. Diese wurde im Stadium der Erkrankung sowie nach Besserung unter Diät ein zweites Mal durchgeführt. Das Bild der Darmschleimhaut ist typisch und zeigt einen hohen Anteil an Entzündungszellen (T-Lymphozyten).

Inzwischen können verschiedene Laborwerte aus dem Blut – inklusive von genetischen Merkmalen (HLA-DQ2/DQ8) – die Diagnose einer Zöliakie in vielen Fällen bestätigen, so dass die eingreifende Untersuchung der Darmschleimhaut nur noch selten erforderlich ist.

Therapie

Die gute Nachricht ist, dass die Zöliakie mit einer glutenfreien Diät sicher behandelbar ist. Die schlechte Nachricht: dieses Diät ist nicht ganz einfach und verlangt im Alltag von den Betroffenen sehr viel ab. Das beginnt bei der Kennzeichnung der Nahrungsmittel (ist wirklich kein Gluten enthalten?) und reicht bis zum sozialen Druck, der sich beim „gemütlichen Bier“ am Abend bei Jugendlichen ergeben kann.

Eine konsequente Therapie ist von entscheidender Bedeutung. Dadurch kann in erster Linie komplette Beschwerdefreiheit erzielt werden. Bei nicht konsequenter Diät bleibt die Entzündung im Darm in einem gewissen Maße bestehen. Dies kann vielfältige Folgen haben:

  • Die Aufnahme von Nährstoffen ist eingeschränkt. Wenn zu wenig Eisen aufgenommen wird, kommt es über kurz oder lang zu einer Blutarmut (Eisenmangelanämie). In Bezug auf die verminderte Aufnahme von Calcium kann eine Osteoporose die Folge sein.
  • Über Jahrzehnte steigt bei bestehender chronischer Entzündung das Risiko für die Entwicklung eines Darmkrebses.
  • So wie einige Autoimmunerkrankungen (siehe oben; z.B. Diabetes mellitus) das Risiko für die Entwicklung einer Zöliakie steigern, so kann die nicht ausreichend therapierte Zöliakie auch das Risiko für die Entwicklung einer Autoimmunerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus; Hashimoto-Thyreoiditis) darstellen.
  • Bei nicht ausreichend konsequenter Diät ist auch das Risiko für eine Verminderung der Fruchtbarkeit (Fertilitätsstörung) erhöht. So soll bei unklarer Unfruchtbarkeit die Ursache in 8% eine unbekannte oder nicht ausreichend behandelte Zöliakie sein.

Die Zöliakie ist eine lebensverändernde Krankheit. Ihre Behandlung besteht in einer lebenslangen gluten-freien Diät, die hohe Anforderungen im Alltag stellt. Dadurch können aber schwere Folgeerkrankungen verhindert werden.

Die Diagnose der Zöliakie wird in aller Regel durch den Kinder- und Jugendarzt in Kooperation mit Kinder-Gastroenterologen gestellt. Ist die Diagnose klar, steht die Ernährungsberatung an, die durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte erfolgt. Für den Alltag ist die Unterstützung durch andere betroffene Familien ganz entscheidend. Hierfür ist die Kontaktaufnahme mit der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. ein wichtiger Türöffner.

plupp 04: Tuberkulose, Grippe und Masern – früher und heute

Tuberkulose

Todesfälle durch Tuberkolose in Deutschland von 2008 bis 2017. Foto: statista

Todesfälle durch Tuberkulose im deutschen Reich im Jahre 1880 120.000
Todesfälle durch Tuberkolose in Deutschland im Jahre 2017 102
Influenza („Grippe“)

Sterblichkeit nach Alter bei verschiedenen Ausbrüchen der Influenza („Grippe“) in den USA nach GLEZEN WP, 1996 Foto: Publikation von Glezen, 1996

Kindersterblichkeit auf 100.000 durch Influenza in den USA in der Saison 1918/1919 1000,00
Kindersterblichkeit auf 100.000 durch Influenza in den USA in der Saison 2018/2019 0,17
Masern

Todesfälle durch Masern. Foto: CDC, Atlanta

Tote durch Masern weltweit im Jahre 2000 545.000
Tote durch Masern weltweit im Jahre 2017 110.000

Tuberkolose an einer Schule in Karlsruhe: Grund zur Sorge im Ländle?

Um die Antwort gleich vorab zu geben: NEIN, es besteht für die Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg kein Grund zur Sorge. Tuberkulose ist eine schlimme Erkrankung und es bleibt wichtig, sie genau im Auge zu behalten. Leider wurde sie nun von vielen Gruppen politisch genutzt um gegen Migranten Stimmung zu machen. Das geben aber die Zahlen überhaupt nicht her.

Bereits im Dezember 2018 konnten Sie im praxisblättle einen Artikel zur Tuberkulose finden, der sich mit den aktuellen Erkrankungszahlen befasst. Neuere Zahlen liegen von Seiten des Robert Koch-Instituts bislang nicht vor.

Die Unterscheidung von Erkrankten und Infizierten ist für viele Nicht-Mediziner verwirrend. Aber für die Betroffenen entscheidend. Wenn Tuberkelbakterien mit einem gesunden Organismus in Kontakt kommen, wird dieser Erreger dort erkannt und der Körper leitet Gegenmaßnahmen ein. Das ganze findet bei völligem Wohlbefinden des Betroffenen statt. Erst eine Laboruntersuchung (IGRA-Test) oder eine Hautreaktion (GT 10) zeigen an, dass eine Infektion stattgefunden haben muss: es handelt sich also um einen Infizierten. Er oder sie ist offensichtlich gesund, aber die Medizin kann nachweisen, dass ein Kontakt zur Tb stattgefunden hat.

Der Erkrankte hat Zeichen einer aktiven Erkrankung. Das kann ein Befall der Lunge sein, der über ein Röntgenbild erfasst wird. Oder, gerade bei Kleinkindern, kann es auch ein Befall von Lymphknoten sein. In diesem Fall bestehen Krankheitszeichen wie Husten, Gewichtsverlust oder Leistungsabfall.

Beide, der Erkrankte wie der Infizierte, benötigen eine Therapie. Sie wird den erkrankten Menschen wieder gesund machen und dem infizierten hilft sie, die Erkrankung nicht zu bekommen. Es ist klar, dass Zahl der Medikamente (bei Tuberkulose sind es zumeist 3 Medikamente parallel) und Dauer der Medikamentengabe sehr unterschiedlich sind.

In Karlsruhe sind laut Pressemitteilung „in der betroffenen Jahrgangsstufe….88 % der Mitschüler infiziert“. Diese sind also nicht erkrankt und brauchen in aller Regel eine medikamentöse Therapie von „nur“ 3-6 Monaten, damit das auch so bleibt. Durch die Untersuchungen an Schülern und Lehrern wurden vier Erkrankte identifiziert. Das ist für die Betroffenen gut, weil sie nun behandelt werden können. Und es ist für sie unangenehm, weil sie ggf. für längere Zeit Medikamente nehmen, isoliert werden müssen und die sozialen Kontakte begrenzt werden.

Kinderkrankheit: Röteln

Gegenüber den anderen Kinderkrankheiten – insbesondere den Masern – sind die Röteln seit Jahren weit weg vom allgemeinen Interesse.

Ausgelöst werden sie durch das Röteln-Virus. Dieses breitet sich durch Tröpfcheninfektion aus. Das kann beim Sprechen passieren, aber deutlich stärker beim Niesen oder Husten oder beim Küssen. Die Ansteckung beginnt beim Infizierten etwa 1 Woche vor Ausbruch des Ausschlags und dauert bis eine Woche nach dessen Abklingen an. Sie geht also über zwei Wochen. Hinzu kommt, dass die Röteln als Krankheit in jedem zweiten Fall nicht erkannt wird. Das Risiko von einem Infizierten angesteckt zu werden ist also enorm hoch und in Schule oder Kindergarten kann man diesem Risiko praktisch nicht entfliehen.

Die Krankheit selbst ist für Kinder kein großes Problem. Nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Wochen zeigt sich zunächst ein kleinfleckiger Ausschlag, der hinter den Ohren beginnt. Das erinnert zunächst an Masern, weswegen die Röteln im englischen Sprachraum auch „german measles“ heißen, da sie von einem Deutschen entdeckt wurden. Dieser Ausschlag breitet sich auf die Wangen und schließlich auf den ganzen Körper aus. Die einzelnen Flecken (Effloreszenzen) verschmelzen nicht miteinander. Nach knapp 3 Tagen bildet sich der Ausschlag zurück. Bei vielen Erkrankungen ist er im Übrigen so schwach ausgeprägt, dass eine Erkrankung überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Parallel mit dem Ausschlag treten teils schmerzhafte vergrößerte Lymphknoten im Nackenbereich und hinter den Ohren auf.

Jugendliche müssen häufig mit mehr Symptomen rechnen: Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen und entzündete Bindehäute. Besonders bei Frauen können auch Gelenkschwellungen und -schmerzen (Finger/ Hand/ Knie) hinzukommen. Mit zunehmendem Alter nehmen auch die Beschwerden bei Röteln zu.

Die bei weitem schlimmste Komplikation bei Röteln ist die Rötelnembryopathie. Erkrankt eine Frau in den ersten 12 Schwangerschaftswochen an Röteln, so werden die Viren auf den Embryo übertragen, die in über 60% schwer erkrankt: Augenschäden, Taubheit, Herzfehlern und Hirnschädigungen sind die Folge. Wegen dieser extremen Erkrankung ist es so wichtig, die Röteln auszurotten, obwohl die Erkrankung für Kinder eigentlich ein Klacks ist.

Im klassischen Fall kann die Diagnose von einem Kinder- und Jugendarzt einfach gestellt werden. Häufig ist der Ausschlag aber so diskret oder er wurde überhaupt nicht gesehen, dass die Diagnose nur über Laborwerte gestellt werden kann. In jedem Fall wird die Immunität von Schwangeren immer bestimmt, um das potentielle Risiko für die Rötelnembryopathie sicher auszuschließen. Immerhin 3% aller Frauen haben keinen sicher nachweisbaren Schutz.

Zur Vermeidung der Röteln ist die Impfung die entscheidende Maßnahme. Sie gibt es nun seit fast 40 Jahren. Meist erfolgt die Impfung gemeinsam mit der Impfung gegen Masern und Mumps – sog. MMR-Impfung. Diese Impfung wird im Regelfall zweimal durchgeführt.

Verstopfung beim Säugling

„Mein Baby schreit und kann nicht mehr“. Wenn Säuglinge in der Praxis des Kinder- und Jugendarztes vorgestellt werden deutet dieser Satz schon auf eine Verstopfung hin. Das Kind ist von Krämpfen geplagt und mit ihm seine Eltern.

Von chronischer Verstopfung (medizinisch: Obstipation) sprechen Ärzte, wenn es sich um Beschwerden handelt, die länger als 2 Wochen anhalten. Häufig handelt es sich dabei um eine funktionelle Obstipation. Bei dieser besteht keine organische Auffälligkeit. Vielmehr versucht das Kind aus Angst vor einem schmerzhaften Stuhlgang diesen zu vermeiden. In der Folge staut sich der Stuhlgang im Enddarm. Dadurch wird jedoch das Problem mit dem Schmerz immer grösser. Auslöser für diesen Teufelskreis sind im Säuglingsalter manchmal kleine Einrisse am After oder aber Nahrungsumstellungen, in deren Folge sich die Stuhlkonsistenz ändern kann.

Eine Verstopfung des Säuglings sollte immer eine Untersuchung bei der Kinderärztin/ dem Kinderarzt nach sich ziehen. Nur diese/r kann klären, ob eine organische Ursache in Frage kommt. Hinweise hierfür können beispielsweise Gedeihstörungen oder auch Blutauflagerungen sein. Diese liegen jedoch ausgesprochen selten vor.

In den weitaus meisten Fällen besteht – medizinisch gesehen – kein gravierendes Problem. Es geht dann darum, den Säugling von den starken Schmerzen schnell und möglichst schonend zu befreien: Abführmaßnahmen (medizinisch: Desimpaktion). Um den gestressten Säugling nicht weiter zu belasten, verzichtet man meistens auf die Gabe von Zäpfchen, wie man sie früher in diesen Situationen gerne eingesetzt hat. Heute behandelt die Säuglinge oft oral (also über Arzneien, die als Saft/Lösung gegeben werden können). Hierzu bietet sich Makrogol 400 an, das für Säuglinge ab 6 Monaten als Laxbene© junior im Handel erhältlich ist. Die Dosierung sollte je nach Situation mit der Kinderärztin/ dem Kinderarzt abgesprochen werden.

Weitere Maßnahmen erfolgen meist parallel: Pflege des Anus (zumeist: weniger cremen), Anpassung der Nahrung und Getränke. Alle diese Umstellungen müssen meist für viele Wochen oder Monate beibehalten werden, bis sich die zuvor bestehenden Probleme zurückgebildet haben. So ist es wichtig, dass der deutlich erweiterte Enddarm wieder seine normal Größe hat, bevor man die Medikamente absetzt. Andernfalls wird die Obstipation häufig zur Achterbahnfahrt, die für Kinder sehr unangenehm und für deren Gesundheit nicht förderlich ist. Gedult ist gefragt – gerade dann, wenn alle Schwierigkeiten gelöst erscheinen.