Kategorie: Krankheitsbilder

Krätze – Jucken in der Nacht

Eine alte Erkrankung wird wieder modern. Die Krätze, im medizinischen Skabies genannt. Sie ist eine ansteckende Hauterkrankung, verursacht durch Parasiten.

Ursache

Abbildung 1. Krätzmilbe (Sarcoptes_scabiei) auf ihrem Weg durch die Haut. Foto: CDC

Die weibliche Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei) löst beim Menschen die Beschwerden aus. Dabei gräbt sie sich in die oberste Hautschicht um dort Eier abzulegen, bevor sie nach ein bis zwei Monaten stirbt. Aus den vielen Eiern bilden sich wieder geschlechtsreife Milben, die den Prozess weiter am Laufen halten. Außerhalb des Körpers kann die Milbe nur kurz überleben, weswegen die Hauptübertragung von Mensch zu Mensch, von Haut zu Haut, stattfindet.

Verbreitung

Man schätzt, dass weit über 100 Millionen Menschen weltweit von der Krätze betroffen sind. In Deutschland ist die Erkrankung noch selten, hat aber zuletzt an Bedeutung gewonnen.

Symptome

Die erste Auswirkung der Milben ist der Juckreiz, der besonders nachts auftritt. Er verläuft weitgehend parallel mit dem Auftreten kleiner punktförmiger Hautschwellungen (Papeln), die häufig eng aneinander stehen. Sie sind Ausdruck einer allergischen Reaktion auf den Eindringling. Die Hauterscheinungen nehmen ständig zu. Hinzu kommt, dass durch Juckreiz und Kratzen die Haut weiter gestört wird und oft mit einem Ekzem reagiert, das an Neurodermitis denken lässt. Da Neurodermitis auf den ersten Blick oft als Diagnose angesehen wird, dauert es manchmal einige Zeit bis die Diagnose klar wird. Der erfahrene Kinder- und Jugendarzt kann das Hautbild jedoch schnell erkennen, besonders wenn klar ist, dass in engem zeitlichen Zusammenhang auch andere Menschen im Umfeld ähnliche Symptome aufweisen.

Therapie

Die Krätze lässt sich sicher behandeln. Früher wurden spezielle Lotionen auf die Haut aufgetragen, was sehr aufwendig war, aber letztlich gut klappte. Heute (seit 2016) gibt es auch ein oral einzunehmendes Medikament (Ivermectin) mit sicherer Wirkung.

Sonne, liebe Sonne

Der April ist in jedem Jahr ein spannender Monat. Meteorologisch spüren wir den Wechsel vom Winter zum Sommerwetter. Die aufkommende Wärme bringt uns von der Nordsee immer wieder Regenwolken, aber sie ist auch so stark, dass sie die allgemein feuchte Luft schnell trocknen kann.

Nach dem langen Winter freuen sich alle Menschen auf die „ersten Sonnenstrahlen“, die die Haut wunderbar wärmen. Die Luft ist kühl und die Sonne ist sehr angenehm. Dabei wird von den meisten Menschen vergessen, dass die UV-Strahlung schon erheblich ist. Vermutlich kommt dieser Beitrag bereits zu spät und so mancher hat bereits seinen ersten Sonnenbrand. Wie denn das?

Die Stärke der UV-Strahlung wird mit dem UV-Index (UVI) gemessen. Dieser gibt mit einer Zahl an, wie stark die UV-Strahlung für einen bestimmten Ort ist. In der Nacht liegt der Wert bei 0, tags kann er je nach Region in der Welt auf gesundheitsschädliche Werte von über 11 bis 12 steigen. Leider gibt es für einzelne Regionen in Europa keine kontinuierlichen Messdaten. Der Blick auf die Daten von New York zeigt den Verlauf des UVI übers Jahr. New York liegt etwa auf

Abbildung 1. UV-Index für New York City. Die Kurven zeigen, dass das tägliche Maximum kurz nach Mittag auftritt. Je nach Jahreszeit liegt es tiefer (grüner Bereich) oder sehr hoch (tiefroter Bereich). Den grössten Anstieg zeigt der rote Balken zwischen dem 1. März und 1. April an. Foto: wikipedia

der Höhe von Barcelona bzw. Neapel. Die UV-Index-Werte können also nicht direkt auf Deutschland übertragen werden. Was die nebenstehende Abbildung 1 aber deutlich macht ist, dass der grösste Anstieg der UV-Strahlung auf der nördlichen Erdhalbkugel zwischen dem 1. März und 1. April stattfindet.

Abbildung 2. Prognose des UV-Index am 07. April 2018 in Zentraleuropa. Foto: weatheronline.co.uk

Auch wenn uns das kühle Lüftchen durchaus angenehm ist, sollten wir gerade im April wegen der UV-Strahlung aufpassen. Immerhin werden schon Werte von bis zu UVI 6 im Süden Deutschlands (siehe Abbildung 2 rechts) erreicht. Ab Mai ist die UV-Strahlung zwar stärker, unsere Haut hat sich aber schon etwas angepasst und wir vertragen „mehr Sonne“.

Gerade auch für empfindliche Menschen mit „Sonnenallergie“ (natürlich gibt es keine echte Allergie gegen Sonne) sollten ihre Haut langsam an die stärker werdende Sonne heranführen. Das spart der Haut (Krebsrisiko nach Sonnenbrand) und dem betroffenen Menschen (Ausschlag + nächtlicher Juckreiz + Schmerz) Stress.

Krupphusten

Im Frühjahr sind Erkrankungen an „Krupphusten“ (Infektkrupp, stenosiernde Laryngotrachitis, Croup) wieder gehäuft. Dieser Krupp, wie er oft vereinfachend genannt wird, ist meistens durch Viren (Adenoviren, RS-Viren, Parainfluenza-Viren) ausgelöst. Er betrifft vorwiegend Kleinkinder von drei bis sechs Jahren, die eine gewisse Neigung hierfür haben. Diese Gruppe von Kindern kann bis zur Pubertät mehrfach davon betroffen sein. Das Wetter spielt meist auch eine Rolle. Der Krupp tritt vermehrt bei Hochdruckwetter auf, wenn sich nach einer klaren Nacht – vor einem sonnigen Tag  –  Morgennebel über das Land legen.

Abbildung 1. Krupphusten. Rot dargestellt ist die Einengung der oberen Luftwege im Bereich des Larynx. Foto: www.kidshealth.org

Das Problem beim Krupp ist eine Entzündung und Schwellung unterhalb der Stimmbänder. Diese sind selbst meist auch betroffen, so dass viele Kinder eine heisere Stimme haben und wegen der Schmerzen eher wenig reden (oder Schreien!). Die Schwellung in der Luftröhre führt zu einer Enge der Einatmung („inspiratorischer Stridor“), die in Einzelfällen erheblich sein kann und zu Atemnot führt.

Günstig ist feucht-warme Luft, Schmerzbekämpfung und Beruhigung der Kinder. Hilfreiche Medikamente gibt es kaum. Bei schwerer Atemnot sollte Cortison eingesetzt werden, das zu einer Abschwellung der Schleimhäute innert 30 Minuten führt. Aus praktischen Gründen eignen sich bei Kindern hierfür ein Saft (z.B. Celestamine©) oder Zäpfchen (z.B. Rectodelt©). Letztere Medikamente sollten mit Vorsicht eingesetzt, aber für alle Kruppkindern vorgehalten werden.

„Mein Kind läuft schon !“

„Mein Kind läuft schon“. Manche Eltern kommen zur Vorsorge U6 und berichten, dass das gleichaltrige Kind von Freunden schon sicher und frei laufe. Sie selbst sind betrübt, weil ihr eigenes Kind „noch nicht so weit“ sei. Schon immer beruhige ich diese Eltern, weil mir kein Zusammenhang zwischen frühen motorischen Schritten und – beispielsweise – höherer Intelligenz bekannt war.

Nun hat sich eine Arbeitsgruppe um Oskar G. Jenni von der Abteilung Entwicklungspädiatrie des Kinderspitals Zürich dieser Frage angenommen. Sie untersuchten 119 Jungen und 103 Mädchen bis nach der Pubertät und fanden keinen Zusammenhang zwischen motorischer Geschicklichkeit oder Intelligenz und frühem freien Laufen. Sie bestätigten damit wissenschaftlich die bestens bekannte Erfahrung, dass Kinder zwischen 8 und 20 Monaten frei laufen lernen. Eine enorme Spanne für normale Entwicklung.

Entwicklungsprobleme sind in Ansätzen oft schon mit 12 Monaten für Kinderärzte erkennbar. In diesen fraglichen Situationen untersuchen wir die weitere Entwicklung nicht erst bei der U7 (im Alter von 24 Monaten) sondern bereits 3 oder 6 Monate später. Dadurch lassen sich entwicklungsverzögerte Kinder von Kindern mit regelrechter Entwicklung rechtzeitig erfassen. Wenn ein Kind früh läuft erfreut die oftmals die nähere Umgebung. Aber erst das Gesamtbild vieler anderer Faktoren kann Rückschlüsse darüber erlauben, ob Probleme zu erwarten sind.

FSME-Impfung? Jetzt ist es höchste Zeit. Aber nicht für alle.

Ein medizinisches Dauerthema in den Sommermonaten wird erneut die Impfung gegen FSME („Zecken“) sein. Wenn die Zecken im Frühling wieder aktiv werden, kommen auch die Ängste vor einer schweren Zeckenerkrankung wieder auf. Diese kleinen Spinnentiere sind bekanntlich sehr angriffslustig und jeder Mensch in Deutschlands Süden kennt sie.

Die Zecke selbst ist hässlich. Viel hässlicher aber sind die beiden bedeutsamen Erkrankungen, die sie übertragen kann.

Abbildung 1. Häufigkeit der FSME-Erkrankungen in Baden-Württemberg im Jahre 2017. Foto: Landes-Gesundheitsamt Baden-Württemberg

1. FSME (Früh-Sommer-Meningo-Encephalitis): durch Viren übertragen, und im Erkrankungsfall bis heute nicht mit Medikamenten ursächlich behandelbar. Mit zunehmendem Alter besteht ein ansteigendes Risiko für eine Meningoencephalitis (vereinfacht oft „Hirnhautentzündung“ genannt).

2. Borreliose: sie ist etwa 500 Mal häufiger und auch mit dem Risiko für eine Hirnhautentzündung verbunden. Aber: die Borreliose ist mit Antibiotika behandelbar, sofern ihre ersten Anzeichen rechtzeitig erkannt werden. Die Behandlung der Komplikationen sind oft schwierig und nur zum Teil erfolgreich. Eine allgemeine Impfung gibt es bislang nicht.

Abbildung 2. Zecken-Endemiegebiete der Schweiz (rot eingezeichnet). Die Hauptregion grenzt unmittelbar an den Bodensee und den Hegau in Deutschland. Foto: Bundesamt für Gesundheit der Schweiz

Dass die Impfung gegen FSME für Erwachsene medizinisch gut begründet ist, ist unter Fachleuten unbestritten. Schwieriger wird die Informationslage bei Kindern. Für das Land Baden-Württemberg wird die Impfung vom Landesgesundheitsamt ab dem ersten Geburtstag empfohlen. Schaut man sich die Datenlage hierzu an, wird die Begründung aber fragwürdiger. Da macht es Sinn, sich mal in unserem Nachbarland umzusehen. Zecken kennen ja keine Grenzen und so dürfte das Risiko für die angrenzende Schweiz in etwa unserem vergleichbar sein. Auf der Karte des Bundesamtes für Gesundheit der Schweiz von 2015 (siehe Abbildung 2 rechts) zeigt sich, dass das Endemiegebiet der Schweiz direkt an das von Baden-Württemberg angrenzt. Die roten Flecken hören an der Grenze zu Deutschland auf und sind auf der entsprechenden deutschen Karte (z.B. des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg) dargestellt.

Prof. Dr. Christoph Berger von der Universitäts-Kinderklinik in Zürich hat sich in einer Arbeit 2011 mit dieser Frage auseinandergesetzt. In den gezeigten Endemiegebieten (Abb. 2) sind etwa 1% aller Zecken Träger des FSME-Virus. Nach einer Inkubationszeit von 1-2 Wochen treten bei geschätzt 10-30% der infizierten Personen grippeartige Beschwerden auf: Kopfschmerz, Müdigkeit, Gliederschmerz, ggf. auch Fieber. Nach kurzer Beschwerdefreiheit kann danach die Erkrankung der Hirnhaut (Meningitis; M) oder der Hirnhaut und des Gehirns (Meningocephalitis; ME) folgen.

Die schweren Verläufe gibt es fast ausschließlich bei Erwachsenen. Im Rahmen der sehr seltenen neurologischen Folgeerkrankungen der Kinder tritt in 70-80% eine Virus-Meningitis auf, die jedoch folgenlos abheilt. Die schwerwiegendere ME, die mit Krämpfen und Lähmung einhergeht ist seltener. Auch diese heilt bei Kindern fast immer folgenlos ab, so dass Todesfälle bei Kindern kaum beschrieben sind. Bleibende Lähmungen nach dieser schweren Komplikation treten bei Kindern nur in 0.5% aller Betroffenen auf. In der Schweiz werden pro Jahr etwa 2 FSME-Erkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren gemeldet. Diese und andere Fakten führen dazu, dass in der Schweiz die Impfung allen Kindern ab 6 Jahren empfohlen wird.

Dieses Vorgehen möchten wir auch allen Eltern in unserer Region Nördlicher Bodensee empfehlen, weil es wissenschaftlich gut begründet ist. Sollten Eltern jedoch eine frühere Impfung gemäß den Regelungen in Baden-Württemberg wünschen, wird sich kein Arzt versperren. Nur muss dann auch klar sein, dass durch den Akt des Impfens selbst das Vertrauensverhältnis Kind-Arzt in einer sehr sensiblen Lebensphase zusätzlich belastet wird. Das kann sich im Einzelfall negativ auswirken, wenn dadurch die Untersuchung bei schweren Krankheitsbildern durch das fehlende Vertrauen des Kleinkindes erschwert wird.

Titandioxid- Ich weiß es ist weiß. Und sonst?

Bislang gilt Titandioxid als unbedenklich. Seine Hauptfunktion liegt in seiner Farbe. Es ist ein weißes Pigment, das bereits in geringen Dosen farblich deckend ist. So ist verständlich, dass über 80% seiner Anwendung bei Lacken, Farben, Kunststoffen und Textilien liegt. Auch in Pflastersteinen sorgt es für die helleren Töne. Und das zu finanziell günstigen Bedingungen.

Die weiße Farbe ist aber auch in anderen Bereich gefragt. Eine Zahnpasta hat nach heutigem Verständnis in aller Regel weiß zu sein. Das vermittelt Sauberkeit, Klarheit und zuletzt Schönheit.Da kommt Titandioxid gerade recht. Es ist auch als Lebensmittelzusatzstoff E171 zugelassen, weil es bisher als inert und unbedenklich gilt. So erscheint es mit der Bezeichnung E171 beispielsweise in Kaugummi und Bonbons. Weitere Einsatzgebiete sind im kosmetischen Bereich.

Wie bereits im praxisblättle zum Kongress der GPP in Wien beschrieben, treten viele umweltschädliche Stoffe (Umweltnoxen) als kleine Partikel auf. Die meisten sind kleiner als 10 µm im Durchmesser (PM10), andere sind besonders klein. Die wichtigste Gruppe dieser allerkleinsten Teilchen sind die Nanopartikel. Diese haben eine Durchmesser von 1 bis 100 Nanometern. Damit haben sie eine Größe, die 100 mal kleiner ist als ein rotes Blutkörperchen. Das bringt sie in einen Größenbereich, in dem sie leicht in Gewebe eindringen und dort Reaktionen auslösen können. Was also rote Blutkörperchen können, z.B. durch kleinste Blutäderchen sich zu zwängen, das können Nanopartikel noch viel leichter.

Es mehren sich Hinweise, dass sie auf diesem Wege vielfältigen Schaden am Ort des Eindringens anrichten können. In den Blut- und Lymphbahnen dürften sich Ihnen kaum Hindernisse entgegenstellen. Das ist jedoch ein Forschungsgebiet, das sich erst langsam erschließt.

Untersuchungen aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Gerhard Rogler von der Universitätsklink in Zürich – Fachgebiet Gastroenterologie und Hepatologie – zeigte, dass Titandioxid-Nanopartikel Entzündungsreaktionen im Körper von Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen (CED) verstärken können.

Abbildung 1. NLRP3-Inflammasom unter gesunden Bedingungen: Viren oder Bakterien aktivieren den Komplex (links), der in der Folge mit einer Ausschüttung von Entzündungsmediatoren (IL-1ß oder IL18) reagiert. Der Beginn einer Entzündung. Foto: Jurg Tschopp & Kate Schroder. Nature Reviews Immunology 10(3):210-5, 2010.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf einen Eiweißkomplex innerhalb der Zellen, den Mediziner das NLRP3-Inflammasom nennen. Er gehört zum unspezifischen Immunsystem (innate immunsystem)  und ist dafür zuständig, Gefahren zu erkennen und in einer frühen Antwort für deren Abwehr zu sorgen. Dies erfolgt über eine Entzündungsreaktion.

Dieser NLRP3 kann jedoch auch durch kleinste Partikel dazu gebracht werden, eine Entzündungskaskasde herbeizuführen. Das vermögen beispielsweise Harnsäurekristalle wenn sie über diesen Mechanismus den Gichtanfall auslösen. Die Forschergruppe untersuchte nun das Titandioxid im erkrankten Darm und konnte zeigen, dass Titandioxid in menschliche Darm-Epithelzellen und Makrophagen (eine immunologische wichtige Untergruppe der weißen Blutkörperchen) eindringen und sich dort anreichern kann. Sie vermuten, dass auch Nanopartikel ähnlich aktiv werden können wie die Harnsäurekristalle im Rahmen der Gicht.

Die Nanopartikel werden vom NLPR3-Inflammasom somit gleichermaßen  wie  Harnsäurekristalle als Gefahrensignal erkannt. Diese Bedeutung der Nanopartikel wurde durch orale Provokationen bei Mäusen bestätigt. Welche Relevanz diesen Befunden beim Menschen zukommt ist noch nicht abschließend gesichert. „Aufgrund unserer Ergebnisse sollten Patienten mit einer Störung der Darmbarriere, wie sie bei Darmentzündungen auftritt, auf Titandioxid-haltige Nahrungsmittel verzichten“, meint Prof. Rogler.

TIPP Madenwürmer: ärgerlich, aber nicht schlimm

Manchen ekelt allein der Gedanke. Dennoch können Würmer unseren Darm befallen, sich einnisten und auch Beschwerden verursachen. Bei Kindern ist das gar nicht mal so selten. Die bei weitem häufigsten Würmer – die Madenwürmer – sind letztlich eher harmlose Mitbewohner, sofern sie nicht die Appendix befallen und damit zum Bild einer „Blinddarmentzündung“ und zur Operation derselben führen.

Madenwürmer sind die am häufigsten auftretenden Würmer und befallen jeden zweiten Menschen irgendwann einmal. Sie sind weißlich, zwischen 3 und 13 mm lang und kaum einen Millimeter dick und werden manches Mal in Gruppen auf den Ausscheidungen des Darmes gesehen (siehe Abbildung 2). In vielen Fällen bzw. zu Beginn des Darmbefalls sind sie diskreter und äußern sich zunächst nur durch lästigen Juckreiz am After, besonders nachts.

Abbildung 1. Eier der Madenwürmer. So stellen sie sich im sog Analfilm unter dem Mikroskop dar. Foto: Center for Disease Control (CDC)

Die Aufnahme der Wurmeier (siehe Abbildung 1) erfolgt meist durch von Madenwürmer befallene Nahrungsmittel über den Mund (oral). Eine Infektion durch Inhalation (inhalativ) aus Staub ist jedoch auch möglich. Die Eier kommen letztlich im Magen an, werden dort aufgeweicht und beginnen sich bereits nach wenigen Stunden im Zwölffingerdarm (Duodenum) geschlechtlich weiter zu entwickeln. Nach der Wanderung durch den Dünndarm siedeln sie sich in der Region der Bauhin’schen Klappe im Blinddarm (Ceocum) an und vermehren sich dort. Nach der Paarung stirbt das – kleinere – Männchen ab, das Weibchen bewegt sich in Richtung After und legt dort vorzugsweise nachts in den Falten Tausende von Eiern ab bevor es auch stirbt. Durch den Juckreiz kommen die Eier häufig unter die Fingernägel des betroffenen Menschen, von wo sie wieder durch Fingerkauen aufgenommen werden. Damit beginnt der Zyklus von vorne.

Abbildung 1. Madenwürmer. Foto: http://digestivedetective.com.au

Die Diagnose wird über den sog. Analfilm gestellt. Hierbei werden morgens mit Hilfe eines Klebestreifens die Wurmeier vom After abgezogen und unter dem Mikroskop untersucht. Wenn Würmer gesichtet wurden ist eine weiter Untersuchung nicht erforderlich. Bei einem negativen Ausfall des Analfilms sollte dieser Test insgesamt 3 mal wiederholt werden. Im Analfilm lassen sich die Wurmeier meist sehr einfach darstellen (siehe Abbildung 1).

Die Therapie ist in den meisten Fällen einfach, umfasst aber eine Reihe von begleitenden Verhaltensregeln um erfolgreich zu sein:

  • Pyrantel (Helmex©) in einmaliger Dosis, das teilweise nach 2 und 4 Wochen nochmals verabreicht wird
  • Nagelpflege. Die Fingernägel müssen kurz geschnitten und glatt gefeilt werden
  • Nach jedem Stuhlgang gründliches Händewaschen mit Fingerbürste (unter den Nägeln bürsten)
  • Wechseln der Unterwäsche zweimal täglich
  • Wechseln der Bett- und Nachtwäsche vor und nach Therapie
  • Bettwäsche nicht ausschütteln
  • Alle Wäsche bei mindestens 60 Grad waschen
  • Staub um das Bett saugen (Vorsicht: Im Staub können Wurmeier sein, die inhaliert werden können)

Von vielen Mikrobiologen wird die zeitgleiche Behandlung aller Haushaltsmitglieder empfohlen, weil es häufig symptomfreie Menschen gibt, die dennoch von Madenwürmern befallen sind. Alternativ sollten in jedem Falle alle Menschen in einem Haushalt mit dem Analfilm auf Wurmeier untersucht werden.

Aktuell: Kongressbericht der Kinderpneumologen in Wien

In Wien fand letzte Woche die Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) statt. Die GPP vertritt alle Spezialisten für Lungenerkrankungen im Kindesalter (Kinderpneumologen) aus Österreich, der Schweiz und Deutschland. Das Motto in diesem Jahr:  „Grenzen der Evidenz-basierten Medizin„.

Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) versucht „… individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten“ (Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.). Damit hat sie die Bedeutung von persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen („Eminenz“) zugunsten wissenschaftlich belegter Daten verschoben.

Der Begriff personalisierte Medizin steht jedoch nicht im Gegensatz dazu. Dieser suggeriert zwar auf den ersten Blick eine Rückkehr zu den individuellen Besonderheiten eines Patienten. Damit sind jedoch nicht psychische und soziale Besonderheiten gemeint, sondern biochemische Marker im Besonderen. Diese sollen dabei helfen, dem Patienten eine maßgeschneiderte Therapie zukommen zu lassen. Der Begriff bezieht sich häufig auf genetische Informationen.

Ein Beispiel aus der Kinderpneumologie kann das Thema erhellen: Die Stärke der bronchialen Entzündung lässt sich mittels Fractional exhaled Nitric Oxide (FeNO) bestimmen. Der Wert dieses Gases ist bei unbehandeltem allergischem Asthma aufgrund der starken Entzündung der Bronchien besonders hoch. Findet nun eine Therapie mit Fluticason (inhalierbares Cortison) statt, so geht der Wert wieder in den Normalbereich zurück. Untersucht man hingegen Kinder, bei denen das Asthma vorwiegend durch Virusinfektionen ausgelöst wird, so ist sowohl der FeNO-Wert niedrig also auch Wirkung von Fluticason auf die virusgesteuerte Entzündung der Bronchien. Mit gewissen Einschränkungen kann also durch die Bestimmung von FeNO gezeigt werden, ob eine Therapie mit Fluticason wirksam ist. Das bedeutet in der Praxis, dass man zunächst nur bei Patienten diese Therapie einsetzt, bei denen FeNO hoch ist. Nur bei diesen besteht auch eine hohe Chance, mit dieser Cortisontherapie Nutzen zu stiften. Mithin werden also Erkenntnisse aus der Evidenz-basierten Medizin durch diesen FeNO-Parameter personalisiert.

Der Kongress behandelte viele aktuelle Themen, die ebenfalls Grenzen der EbM aufzeigen. Wenngleich andere. Zum Beispiel die Schadstoffbelastungen. Dabei zeigt sich, dass manche Erkenntnisse unbestritten sind. Andere Bereiche sind bislang nicht erforscht.

Prof. Dr. Neuberger (Wien) zeigte nochmals die Bedeutung des Nikotins auf. Obwohl die Tabakindustrie immer wieder Wege sucht, ihre Kunden beim Glimmstängel zu halten sei weder die E-Zigarette noch die Shisha (Wasserpfeife) eine echte Alternative. Beide erhalten durch ihren Gehalt an Nikotin die Sucht. Letztere führe auch zu deutlicher Inhalation von Teer und Schwermetallen. Krebserregende Substanzen sind bei allen vorhanden. Oder wie es Prof. Dr. Keilholz ( Kommissarischer Direktor des Charité Comprehensive Cancer Centers in Berlin) formulierte: „Wenn niemand rauchen würde, wäre die Hälfte der Krebserkrankungen weg“.

Abbildung 1. Wie viele Menschen sterben an Folgen der Umweltbelastungen weltweit? Es sind vorwiegend Menschen in den Tropen (dunkelrot gefärbte Regionen). Foto: CNN

Die Umweltbedingungen im Alltag und ihre Auswirkungen auf die kindliche Lunge wurden von Prof. Dr. Frischer (Wien) beleuchtet. Dabei fällt auf, dass wir in Europa – global gesehen (siehe Abbildung 1) – in einer Oase leben. Die Belastung mit Luftschadstoffen durch Industrie, Verkehr und Haushalte wirken sich dennoch auf die Gesundheit aus.

In Europa kommen neben den Stickoxiden (NOx) immer mehr die kleinen Partikel in den Fokus. Gerade die PM10 (alle Partikel mit einem Durchmesser von 10 µm oder kleiner) bis hin zu den Nanopartikeln stellen ein besonders hohes Risiko dar, da sie bis in die tiefen

Abbildung 2. Das Leben an einer verkehrsreichen Strasse entspricht dem Risiko 10 Zigaretten pro Tag zu inhalieren. Dieses Risiko geht zurück je weiter wir von einer Strasse entfernt wohnen oder arbeiten. Foto: WHO, van der Zee et al.

Atemwege vordringen können. In diesem Zusammenhang ist die Gefährlichkeit der Nanopartikel noch unklar, die von den Lungenbläschen ausgehend weiter ins Gewebe eindringen können. So hat es in Europa wie in den USA eine Relevanz, wie nahe wir an dieser Belastung dran sind (Abbildung 2). Auch das Wachstum der kindlichen Lunge bleibt unter diesen schlechten Bedingungen zurück. Aber: Wenn die Luftqualität wieder besser wird, erholt es sich wieder. Ein gutes Argument, die Umweltbedingungen hier und in der Welt schnell zu verbessern.

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Abbildung 3. Inzidenz der Tuberkulose getrennt nach Kindern und Erwachsenen in den Jahren 2002–2016. Foto: Robert-Koch-Institut, Berlin

In der Kinderpneumologie sind Infektionen ein zentrales Thema. Prof. Dr. Riedler (Schwarzach) stellte die neuen Leitlinien in der Diagnose und Therapie der Lungenentzündungen vor, die im Alltag (also nicht in der Klinik – sog. community-acquired pneumonia CAP) erworben wurden. Hier hat sich inzwischen durchgesetzt, dass der Einsatz von Antibiotika seltener notwendig ist.

Die Vorträge von Prof. Dr. Kampmann (London) und PD Dr. Barker (Berlin) zum Thema Tuberkulose haben ebenfalls einige Mythen beendet. Sie zeigten, dass die Neuerkrankungen von Kindern an Tuberkulose in Deutschland noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau liegen. Die Migration der letzten Jahre hat bei den Kindern lediglich einem geringen Anstieg ausgelöst (Abbildung 3). Wichtige Aspekte der Therapie wurden diskutiert, besonders auch die Behandlung der multiresistenten Erreger.

Wieder einmal ein erhellender Kongress der Kinderpneumologen. Die Bandbreite der Vorträge und Seminare war riesig. Auch politisch heikle Themen wie die Dieselaffäre wurden diskutiert, aber auf wissenschaftlicher Grundlage, was der Sache angemessen ist. Politisch bleiben noch viele Wünsche offen. Einer der wichtigsten ist wohl der, wie der massiven Luftverschmutzung und deren Folgen in Asien und Afrika zu begegnen sein wird. In Deutschland, Österreich und der Schweiz – wo genügende gesellschaftliche Strukturen vorhanden sind – sollten wir bald anfangen.

Pfeiffer’sches Drüsenfieber – krank vom küssen

Das Pfeiffer’sche Drüsenfieber ist eine virale Erkrankung mit extrem unterschiedlichen Verlaufsformen. Bei vielen Menschen – besonderes bei kleinen Kindern – verläuft die Erkrankung unbemerkt oder wie ein leichter Infekt. In seltenen Fällen kann sie aber als extrem schwere Erkrankung auftreten mit Fieber über einige Wochen und dabei lebensgefährlich sein.

Die Ansteckung erfolgt häufig über Speichel. Deswegen wird das Pfeiffer’sche Drüsenfieber auch die Kusskrankheit (Englisch: kissing-disease) genannt. Im medizinischen Bereich ist der Begriff infektiöse Mononukleose üblich. Ansteckungen als Schmier- und Tröpfcheninfektion wird ebenso vermutet. Da die Zeit von der Ansteckung bis zur Erkrankung (Inkubationszeit) sehr variabel ist, ist die auslösende Quelle meist nicht zu bestimmen. Einige Untersuchungen legen den Verdacht nahe, dass auch Genesene den Erreger – das Epstein-Barr-Virus – noch ausscheiden und damit andere anstecken können. Das gibt es auch bei anderen Erkrankungen wie den Ringelröteln, weil sich ansteckende Menschen vollauf gesund fühlen und für andere nicht als krank zu erkennen sind.

Das Krankheitsbild selbst ist sehr variabel. Typisch ist Fieber über mehr als 5 Tage, eine oft deutliche Schwellung der Lymphknoten im Halsbereich sowie eine Angina (Rötung der Mandeln mit Belägen). Daneben tauchen auch Ausschläge und viele weitere andere Symptome auf. Wenn bei falscher Einschätzung der Erkrankung Antibiotika zur Behandlung der Angina eingesetzt werden, sind die Ausschläge fast sicher. In diesen Fällen betreffen sie meist den Körperstamm und sind sehr unangenehm. Müdigkeit, Kopfschmerzen und leichter Husten sind weitere Symptome. Die Milz ist häufig massiv vergrößert und ein sehr hilfreiches Zeichen, die Krankheit frühzeitig zu vermuten.

Die Diagnose kann durch Laboruntersuchungen gesichert werden.

Eine ursächliche Therapie gibt es nicht. Ausreichende Schonung – oft über einige Wochen – ist wichtig.

Die Gesundung kann altersabhängig länger dauern. Gerade bei Jugendlichen dauert es oft Wochen, bis sie sich wieder gut fühlen und voll leistungsfähig sind.

Impfung gegen Meningokokken schützt auch vor Gonorrhoe

Dass die Impfung gegen einen Krankheitserreger gleichzeitig gegen einen zweiten erfolgreich wirksam sein kann ist neu. Hinweise hierfür finden sich in einer Studie aus Neuseeland.

Abbildung 1. Meningokokken. Diese Bakterien gehören zu den Diplokokken – also immer zwei sind beieinander. Foto: RKI

Dort wurde zwischen 2004 und 2006 eine Impfung gegen eine Untergruppe von Meningokokken B (siehe Abb. 1) angeboten. Diese konnten sich Jugendliche und Heranwachsende unter 20 Jahren geben lassen, da diese Altersgruppe besonders von diesem speziellen Erreger bedroht waren. Schnell zeigte sich, dass die Neuerkrankungen mit diesen speziellen Meningokokken durch die Impfung auf unter 10% abgesunken waren. Daraufhin stellte die Behörde das erfolgreiche Impfprogramm wieder ein. Die Erkrankung an dieser Untergruppe der Meningokokken B tritt bis heute nur noch sporadisch auf. Also ein voller Erfolg.

Abbildung 2: Gonokokken. Diese Bakterien gehören zu den Diplokokken. Immer zwei treten gemeinsam auf. Foto: CDC, Atlanta

Nun hat eine Forschergruppe um Dr. Helen Petousis-Harris bemerkt, dass seit Anwendung dieser Impfungen die Zahl von Geschlechtskrankheiten mit Chlamydien klar zugenommen, jedoch solche mit Gonokokken (siehe Abb. 2) ebenso deutlich abgenommen haben. Gonokokken sind die Erreger der Gonorrhoe und mit den Meningokokken verwandet. Ihr Ähnlichkeit in der Struktur liegt bei 80-90%. Die Forscher fanden heraus, dass die Patienten, die (gegen diese speziellen Meningokokken B) geimpft worden waren um 31% seltener an der ebenfalls schwerwiegenden Geschlechtskrankheit Gonorrhoe erkrankten als die Ungeimpften.

Damit eröffnet sich vielleicht ein neuer Ansatz, bisher unbesiegbare Erreger erfolgreich auf indirektem Wege bekämpfen zu können.