Kategorie: Krankheitsbilder

Kinderkrankheit Drei-Tage-Fieber (Exanthema subitum)

Das Drei-Tage-Fieber (Exanthema subitum) ist eine Infektionskrankheit, die ähnlich wie Masern hoch ansteckend ist. Ausgelöst wird es durch das durch das Humane Herpes Virus 6 (HHV-6).

Bedingt durch seine hohe Ansteckungsfähigkeit, tritt das Drei-Tage-Fieber häufig bereits im Säuglingsalter, spätestens aber im Kleinkindesalter auf. Dabei breitet es sich in regionalen Wellen aus. Wenn es also rumgeht, betrifft es schnell alle kleinen Kinder einer Region.

Nach einer Inkubationszeit von 5 bis 15 Tagen tritt plötzlich sehr hohes Fieber (um 40° Celsius) auf fast ohne andere Krankheitszeichen. So ist der Rachen ist nur leicht gerötet. Manche Kinder sind stärker beeinträchtigt, die meisten trinken aber noch recht gut. In aller Regel verschwindet das Fieber im Laufe des vierten Tages innerhalb weniger Stunden, worauf der typische masernähnlich Ausschlag auftritt, der manchmal nur schwach und auch nur kurzzeitig zu sehen ist. Manchmal wird der Ausschlag überhaupt nicht festgestellt, wenn er nachts im Schlaf auftritt. Wenn er zu sehen ist, dann im Bereich der Brust, am Bauch und am Rücken. Damit ist die Diagnose sicher und es geht dem Kind deutlich besser. Bis zur vollen Genesung können aber manchmal noch einige Tage vergehen.

Beim Drei-Tage-Fieber kann auch eine Mittelohrentzündung auftreten. Recht typisch ist, dass bei dieser Krankheit mit sehr hohem Fieber das Risiko für Fieberkrämpfe erhöht ist. Das einmal durchgemachte Drei-Tage-Fieber tritt im weiteren Leben nicht mehr auf. Deswegen ist es eine Kinderkrankheit – die erste Kinderkrankheit.

Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Fiebersenkende Medikamente (Paracetamol, Ibuprofen) sind gelegentlich sinnvoll, um den Stress für das Kind zu reduzieren. Nicht sinnvoll sind Versuche, das Fieber verhindern zu wollen und „vollständig“ zu senken.

Eine Impfung gegen das Drei-Tage-Fieber gibt es nicht.

Allergiker in der Familie: Welche Pflanzen im Garten sind erlaubt?

Die Pollenzeit hat auch in diesem Jahr bereits im Januar begonnen. Inzwischen haben sich zu den Haselpollen vielerorts auch die Birkenpollen gesellt. Damit ist die Gruppe der betroffenen Allergiker nun viel größer. Denn die Birke zählt neben den Gräsern zu den bedeutendsten Allergenen in Baden-Württemberg.

In den Praxen kommt damit öfter die Frage auf: „Welche Pflanzen dürfen wir eigentlich im Garten haben, ohne unserem allergischen Kind zu schaden?“. Hierbei sollten einige Umweltfaktoren bedacht werden.

Pollen sind je nach Pflanzenart unterschiedlich aufgebaut. Dementsprechend ändert sich auch deren Flugverhalten. So können viele Pollenarten wie die Birkenpollen bei günstigen Winden über Strecken von über 500 Kilometer fliegen. Andere Pollen – besonders die vieler Nadelbäume oder auch Raps – sind so schwer, dass sie nur in einem eng umgrenzten Raum von wenigen Metern für den Menschen bedeutsam sind.

Fazit: Einzelne Pollen können extrem weit fliegen. Diesen kann man sich nicht entziehen, wohl aber die Belastung verringern, wenn sie nicht im eigenen Garten wachsen. Andere Pollen fliegen schlecht. So zum Beispiel die Pollen der Kiefer, die 56-84 µm groß (Birke: 16-31 µm) und somit auch schwer sind. Die Pollen des Raps werden meist von den Bienen mit Honig benetzt und verkleben, so dass sie allenfalls 10 Meter weit fliegen.

Der Klimawandel hat sich in den letzten Jahrzehnten auf den Pollenflug ausgewirkt. Die Gräserpollen fliegen 11 Tage, die Haselpollen gar 21 Tage früher im Jahr als noch im Jahre 1980. Dies ist durch die veränderten Temperaturen bedingt.

Fazit: Die Pollenflugzeiten beginnen Mitte Januar und reichen (am Oberrhein) bis in den Dezember. Pollenallergien werden unsere Kinder bald ganzjährig begleiten.

Aber auch das Kohlenstoffdioxid (CO2) wirkt sich aus. Kohlenstoffdioxid regt das Wachstum von Pflanzen an. So wurde zuletzt in den USA durch Jennifer Albertine und Mitarbeiter von der Harvard University nachgewiesen, dass hierdurch die Konzentration der Gräserpollen um etwa 50% in den letzten Jahren angestiegen ist. Dieser Anstieg wird durch Ozon, das eher wachstumshemmend wirkt, kaum negativ beeinflusst.

Fazit: Wir müssen damit rechnen, dass der fortschreitende Klimawandel über Kohlenstoffdioxid das Wachstum der Pflanzen und mithin auch der Pollenkonzentrationen beschleunigt.

Die Pollenbelastung in Europa ist in den verschiedenen Ländern und Regionen Europas unterschiedlich. In Baden-Württemberg sind die Gräserpollen und die Birkenpollen die Hauptverursacher von Allergien. Weitere bedeutsame Pollen kommen von Eschen-, Hasel-, Erlen- und Beifuß. Pollen vom Traubenkraut  (Ambrosia) sind wegen ihrer Aggressivität besonders gefürchtet, spielen bislang zahlenmäßig aber noch eine untergeordnete Rolle.

Fazit: Schwerpunkt bei der Prävention von Pollenbelastungen sollte darauf liegen, die besonders relevanten Allergene im engeren Umfeld zu vermeiden:

  • keine Birken im eigenen Garten
  • der Rasen sollte immer recht kurz gehalten werden
  • eine natürlich Magerwiese ist im heimischen Garten nicht günstig

Es gibt keine Pflanzen, die rundum problemlos wären. Rosen können über die Stacheln verletzten, Goldregen ist hochgiftig. In Bezug auf die Pollenbelastung sollten im eigenen Garten idealerweise keine Haselsträucher und Birken stehen. Der Rasen sollte häufig gemäht werden, damit keine bedeutsame Gräserblüte entsteht.

Wenn’s juckt und man kratzen muss – Urtikaria

Einen Nesselausschlag hat wohl jeder schon erlebt, so er nicht ein Stubenhocker ist. Beim Spielen in der Natur streift man schnell mal eine Brennnessel und hat Quaddeln auf der Haut. In der Medizin nennen wir das eine Urtikaria.

Die Nesselsucht kommt zustande, wenn Histamin und andere Botenstoffe von den sog. Mastzellen freigesetzt werden. Histamin führt in der Haut zu einer Gefäßerweiterung und gesteigerter Gefäßdurchlässigkeit, so dass in der Folge eine Schwellung, also die Quaddel, entsteht, häufig umgeben von eine Rötung (Erythem).

Wann tritt eine Urtikaria auf?

Die Urtikaria kann akut auftreten. Tritt sie über einen Zeitraum von mehr als 6 Wochen auf spricht man in der Medizin von einer chronischen Urtikaria. Auslöser im Kindesalter können sein:

akut

  • im Rahmen von Infekten. Der Mechanismus ist bislang nicht sicher geklärt.
  • Medikamentenallergie: sehr selten
  • Nahrungsmittelallergie: eher selten, manchmal erstes Zeichen einer Milcheiweißallergie beim Säugling 

chronisch

  • chronisch spontane Urtikaria unklarer Ursache
  • physikalische Urtikaria durch Kratzen/ Reiben (Urticaria factitia), Kälte, Wärme, Licht
  • durch körperliche Anstrengung
  • durch erhöhte Körpertemperatur (bei Anstrengung/ Sauna/ Duschen) 
  • durch Kontakt mit Wasser 
  • Sonnenlicht

Wie sieht die Therapie aus?

Vor der Therapie steht immer eine exakte Diagnose. Das gilt auch für die Urtikaria. Leider gelingt es aber bei der chronischen Urtikaria in nahezu der Hälfte der Fälle nicht, den genauen Auslöser festzumachen.

Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung, hat die Urtikaria nur selten etwas mit Allergien zu tun. Kinder- und Jugendärzte mit dem Schwerpunkt Allergologie sind dennoch die besten Ansprechpartner, wenn es darum geht Zusammenhänge aufzudecken. Dabei können folgende sog. Triggerfaktoren die Nesselsucht auslösen und/oder am Laufen halten:

  • Autoimmunerkrankungen (insbesondere der Schilddrüse)
  • Einnahme von NSAID (Schmerzmedikamente wie Ibuprofen)
  • Infektionen: Mykoplasmen, Helicobacter pylori, Würmer
  • versteckte Allergene

Können solche Faktoren ausgemacht werden, besteht der erste Schritt darin, diese auszuschalten. Meist kommt es dadurch zum Abklingen der Nesselsucht.

Erst wenn diese Schritte durchlaufen wurden, macht eine medikamentöse Therapie Sinn. Details sind hier beschrieben (in Englisch).

  • Antihistaminika der 2. Generation: Cetirizin, Loratadin und andere.
  • Omalizumab (monoklonaler Antikörper; zugelassen ab 12 Jahren)

Die Urtikaria ist somit eine Diagnose, die sehr individuell („ganzheitlich“) aufgearbeitet werden muss. Die kurzfristige Einnahme von Arzneien (wie Antihistaminika) kann bei starkem Juckreiz sinnvoll sein. Mittelfristig sollte aber versucht werden, die Auslöser und Triggerfaktoren zu verstehen. Nur dann kann langfristig der Gesundheit gedient werden.

Übergewicht: „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie“

Dass immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland von Übergewicht betroffen sind, ist seit langem bekannt. Ebenso lange wird darüber debattiert und gestritten, ob und wie man das verhindern kann. Und, welchen Beitrag die Politik hierzu leisten kann.

Nun wurde vor wenigen Wochen vom Bundesministerium Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) der Ernährungsreport 2019 veröffentlicht. Zuvor hatte die verantwortliche Ministerin, Julia Klöckner, die konkreten Ziele benannt: Senkung des Zuckergehalts …

  • in Frühstücksflocken um durchschnittlich 20%
  • in Softdrinks um 15%
  • in Kinder-Joghurts um 10%

Weitere Schritte sind auf freiwilliger Basis angedacht. So sind bestimmte Verhaltensregeln der deutschen Werbewirtschaft betreffend die Werbung für Kinder angedacht.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat inzwischen hierzu Stellung genommen und kritisiert zum einen die zu geringe Reduktion des Zuckers in Nahrungsmitteln. So würde der durchschnittliche Zuckergehalt in Cornflakes von jetzt 43 Gramm auf 100 g –  trotz dieser Maßnahme – künftig weiterhin über 30 Gramm Zucker liegen. Auch der Austausch der Saccharose (Kristallzucker) durch billig hergestellten Maissirup sieht er kritisch. Dessen Isoglucose oder HFCS (High Fructose Corn Syrup genannt) hat einen besonders hohen Anteil an Fructose mit einer höheren Süßkraft. Dadurch bleibt der hohe Süßgeschmack für die konsumierenden Kinder und Jugendlichen unverändert. Sie lernten also nicht, sich mit weniger Süße zu begnügen. Die verwendete Fructose (Fruchtzucker) würde darüber hinaus die Leber schädigen.

Insgesamt ist diese Innovationsstrategie ein erster Ansatz in die richtige Richtung. Aber in Anbetracht der Bedeutung des Problems bei weitem nicht ausreichend. Zum einen ist die Reduktion von Zucker oder Fett ungenügend. Zum anderen ist die Zielsetzung erst für 2025 gesetzt. Erst für diesen Zeitpunkt hat sich „die Lebensmittelwirtschaft … verpflichtet …… (die) konkreten Reduktionsziele zu erreichen“. Bis dahin ist ein heute 2-jähriges Kind, das zunehmend eigene Vorstellungen von Ernährung entwickelt, bereits 8 Jahre alt. Und gerade in diesem Alter beginnt häufig die Karriere des Übergewichts.

Sehr viel schöne Worte werden in den Papieren zu diesem Thema verloren. Taten sind nur wenige geplant. Und es braucht zu lange Zeit bis diese dürftigen Maßnahmen greifen. Die politischen Rahmenbedingungen, Übergewicht zu verhindern, sind keine effektive Hilfe für die Kinder und Jugendliche.

Stillen schützt vor Husten im Erwachsenenalter

Säuglinge zu stillen hat viele günstige Effekte. Das wiederum ist eine Binsenweisheit, die durch zahllose Langzeitstudien belegt ist.

Neu ist hingegen, dass Stillen auch davor schützt, als Erwachsener zu husten. Dazu ist im letzten Jahr eine Studie erschienen, die sich auf Daten der legendären Tucson Children’s Respiratory Study stützt. Diese Studie untersuchte 1246 Kinder ab Geburt, die in den Jahren 1980 bis 1984 geborgen wurden auf Atemwegsprobleme. Diese Gruppe wurde in den folgenden Jahren nachuntersucht.

Die Forscher um Fernando D Martinez haben nun Daten von 786 Teilnehmern der Studie präsentiert, die im Alter von 22, 26 und 32 Jahren nachuntersucht werden konnten. Dabei fragten sie nach wiederkehrendem („recurrent“) Husten unabhängig von einem Infekt. Diese Informationen glichen sie mit den Daten zur Ernährung im frühen Säuglingsalter ab: von allen Teilnehmern wurden 19.2% komplett mit Flasche ernährt. Bei 49.6% wurde die das Stillen innerhalb der ersten vier Monate beendet, während 31.3% über die ersten 4 Monate voll gestillt wurden.

Abbildung 1. Zusammenhang zwischen wiederkehrendem Husten und Stillen. hellblau: Stillen < 1 Monat; Grau: Stillen zwischen 1-4 Monate; Blau: Stillen länger als 4 Monate. Foto: Gerhart KD et al., Thorax 2018

Beim Abgleich zeigt sich, dass ein Zusammenhang zwischen Stillen und wiederkehrendem Husten im Alter besteht: Je länger die Kinder gestillt wurden, umso weniger mussten sie drei Jahrzehnte später husten. Dies ist umso bemerkenswerter, weil die Daten unabhängig davon sind, ob die Teilnehmer oder ihre Eltern rauchten.

Die Bedeutung des Stillens ist lange bekannt und unbestritten. Die überwiegende Mehrheit der Mütter setzt dieses Wissen um und stillt die Kinder über vier Monate. Diese Studie kann in Einzelfällen noch eine kleine Motivationshilfe sein. Zeigt sie doch, dass Stillen unabhängig von den vielen anderen Vorteilen, wie der emotionalen Nähe zum Kind, die Gesundheit des Kindes langfristig günstig beeinflussen wird.

Giftpflanzen: Goldregen

Seine Blüte ist vollmundig und erfreut ab April über viele Wochen die Menschen durch ihr intensives Gelb, das durch die keimenden Blätter schön zur Geltung kommt: der Goldregen (Laburnum anagryoides).

Goldregen ist hochgiftig durch das darin enthaltende Cytisin. Dies kommt in allen Bestandteilen des Goldregens vor, besonders aber in seinen Früchten und Samen. Selbst das Lutschen an den Blüten bedeutet für Kinder eine Gefahr!

Symptome

Etwa 30 min nach Verzehr: Speichelfluss, Schweißausbruch und Brennen im Mundraum. Danach tritt Erbrechen auf, das bis zu 2 Tagen anhalten kann sowie kolikartige Bauchschmerzen. Das Erbrechen als zentrales Vergiftungssymptom verhindert
in aller Regel eine tödliche Vergiftung.

Therapie

Anruf in der Vergiftungszentrale sowie rasches Aufsuchen einer Klinik. Zuhause sollten keine Versuche unternommen werden, das Kind zum Erbrechen zu bringen.

Prävention

Kinder bitte nicht auf diese giftige Pflanze hinweisen, solange sie sich ihr nicht aktiv nähern. Denn: „Was verboten ist, das macht uns grade scharf“ (Wolf Biermann)

MMR-Impfung – gegen Masern, Mumps und Röteln

Diese Impfung wird im Praxisalltag häufig kontrovers diskutiert. Solange, bis die ersten Kinder regional an Masern erkranken. Dann ist der Impfstoff plötzlich schnell gefragt. Das ist ein menschliches Phänomen, dem wir oft unterliegen. Wie im Autoverkehr, wenn Lastwagen an Kreuzungen häufig Fahrradfahrer oder Fußgänger überfahren, wie schon mehrfach in diesem Jahr in Berlin. Erst wenn etwas passiert ist, reagieren wir.

Besser ist natürlich, sich in Ruhe zu informieren, bevor unter einem äußeren Druck entschieden werden muss. Dazu einige Anmerkungen:

Masern sind doch nur eine Kinderkrankheit – ?

Masern werden manchmal im Internet eher harmlos dargestellt. Als Krankheit sind sie brutal. Zum Glück treten sie in Deutschland nur sporadisch auf, weil die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Im Jahre 2016 hatten immerhin 92.2% der Kinder bundesweit zwei  Masernimpfungen erhalten. Damit waren sie vollständig geimpft. Die geringste Quote wurde übrigens – wie schon früher – im Ländle registriert. In Baden-Württemberg lag sie mit 89.5% am niedrigsten.

Die Bezeichnung Kinderkrankheit kommt daher, dass in der Zeit vor den Impfungen weitgehend alle Kinder daran erkrankten, weil diese Erkrankungen eine enorme Ansteckungsfähigkeit (Kontagionsindex) haben. Das bedeutet, schon bei einem flüchtigen Kontakt erkranken fast 100% aller Menschen, die der Krankheit noch nie begegnet sind. Der Begriff sagt aber nichts über die Schwere der Erkrankung aus.

Abbildung 1. Impfquoten verschiedener Infektionserkrankungen im Vergleich über die Jahre 2006, 2011 und 2017 (Stand April 2018) Foto: RKI

Die Impfung ist gefährlich?

Eltern überzeugen sich vor jeder Impfung, dass der Nutzen der Impfung bedeutend höher liegt als die mit der Impfung verbundenen Risiken. Das machen sie aus Verantwortung für ihre Kinder, für die sie das beste wollen. Dennoch ist über Impfungen teilweise ein Streit entstanden, bei dem der Austauch von Argumenten mit den Fanatikern nicht mehr gelingt. So kam auch vor 20 Jahren der Verdacht auf, die Impfung würde Autismus hervorrufen. Der Brite Andrew Wakefield hatte dies in einer 1998 erschienen Arbeit behauptet. Nur, Veröffentlichung war in  wesentlichen Teilen manipuliert und später wurde deswegen später zurückgezogen. Die Gegenüberstellung von Risiken der Erkrankung Masern gegenüber der MMR-Impfung haben C. Meyer und S. Reiter vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gut zusammengefasst (die Tabelle ist dieser Publikation entnommen)

Abbildung 2. Gegenüberstellung von Komplikationen der Masern (als Erkrankungen) und der MMR-Impfung. Foto. Bundesgesundheitsblatt, 2004

Warum soll zweimal geimpft werden?

Jede Impfung versucht dem Immunsystem vorzutäuschen, ein echter Krankheitserreger wäre in den Körper eingedrungen. Der Masern-Impfstamm ist den Masern sehr ähnlich. Die krankmachende Wirkung ist aber deutlich abgeschwächt. Dennoch kommt es vereinzelt zu unerwünschten Wirkungen (siehe Abbildung 2), die aber deutlich seltener und schwächer als bei der Krankheit Masern auftreten.

Ebenso lässt sich das Immunsystem durch diesen abgeschwächten Keim nicht zu 100% täuschen. Die Impfung ist also nicht zu 100% wirksam. Die Studien zeigen, dass erst durch die zweite Impfung ein Schutz von 93% – 99% erreicht werden kann. Die erfolgreich Geimpften sind nach bisheriger Studienlage vollständig geschützt. Und wenn genug Menschen vollständig geschützt sind (um die 95%), dann sind auch die übrigen – rein statistisch – geschützt. Sollte von denen einmal einer erkranken, wird sich die Krankheit nicht im Schneeballsystem ausbreiten.  Somit können indirekt auch Menschen geschützt werden, die einen Immundefekt haben und für die eine MMR-Impfung sogar gefährlich sein kann. Wer sich zweimal mit MMR impft, schützt also sich selbst und auch seine Umgebung. Das ist die soziale Komponente.

Wann erfolgen die Impfungen?

Ideal ist, nicht zu früh zu impfen. Nahezu alle Neugeborenen haben einen Schutz gegen die Masern, der sicher 6 Monate anhält. Danach schwindet er langsam. Ab dem 11. Monat kann davon ausgegangen werden, dass der übrig gebliebene Schutz des Babies den Impfstoff nicht mehr angreifen kann. Erst ab diesem Alter ist sicher, dass der Säugling einen eigenen Impfschutz mit dem MMR-Impfstoff aufbauen kann. Die Empfehlung für die Impfung laut RKI ist:

  • 1. MMR-Impfung im Alter von 11-14 Monaten 
  • 2. MMR-Impfung im 2. Lebensjahr im Alter von 15-23 Monaten durchführen zu lassen

Die vielen Masernausbrüche in der Welt bestätigen es immer wieder. Dort, wo Masern aus Armut nur unzureichend geimpft sind (Beispiel Madagaskar) erkranken innerhalb weniger Monate um die 100.000 Menschen, von denen etwa 1000 – ja, die Nullen sind richtig gesetzt – sterben. Dort, wo ein neuer Impfstoff zu früh eingesetzt wird und neue Nebenwirkungen die Menschen verunsichern und zur Ablehnung aller Impfungen führen (Beispiel Philippinen nach der Dengue-Impfung), passiert das gleiche. Bei uns in Europa führt der Wohlstand manchmal zur Überheblichkeit. Da jedoch (siehe oben oder in diesem herrlichen Video von der technischen Universität in Wien) die meisten Menschen geimpft sind, schützen diese die Verweigerer.

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.

Schrei-Baby: Wenn mein Baby mich zum Verweifeln bringt

Mit der Geburt eines Kindes ändert sich die Lebenssituation der grösser gewordenen Familie enorm. Informationen aus Büchern und Ratschläge der Umgebung werden oftmals wertlos. Schnell zeigt sich die eigene Persönlichkeit des neu geborenen Babys. Die gilt es anzunehmen und in die Familie zu integrieren.

Bei Kindern, die ruhig schlafen und problemlos trinken geht das recht leicht. Manche Kinder können aber durchaus eine Herausforderung sein: Schrei-Babies. Wenn zarte Babies anhaltend schreien bedeutet das für gutmütige und verständnisvolle Eltern eine extreme Belastung. Sie sind wie vor den Kopf gestoßen – was sie als liebevolle Eltern aushalten – und verzweifelt, weil sie ihr Kind nicht „erreichen“ und kaum beruhigen können, wenn es schreit.

Was sind denn Schrei-Babies? In den 1950er Jahren hat Morris A. Wessel zusammen mit Mitarbeitern in einer Studie versucht, die Besonderheiten des exzessiven Schreiens von Babies zu erklären. Damals kam der Begriff der „Kolik“ auf, der heute als überholt gilt. Heute sprechen wir Kinder- und Jugendärzte von Regulationsstörungen. Mit Bezug auf die Arbeit von Wessel wird noch heute exzessives Schreien diagnostiziert, wenn Babies 3 Stunden am Tag, mindestens 3 mal die Woche während mindestens 3 Wochen schreien – „Rule of the Threes“.

Abbildung 1. Häufigkeit von exzessivem Schreien in Minuten in Bezug auf das Lebensalter in Wochen. Foto: Wolke et al, 2017

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahre 2017 hat die aktuellen Bedeutung der Schrei-Babies beleuchtet. In der Übersichtsarbeit, die 33 Studien aus verschiedenen Ländern umfasst, haben Dieter Wolke und Mitarbeiter von der Universität in Warwick (Großbritannien) gezeigt, dass das Problem in allen Ländern vorkommt. Das Schreien beginnt in aller Regel im Alter von 1 bis 2 Wochen und erreicht im Alter von etwa 6 Wochen seinen Höhepunkt, um danach wieder abzuklingen. In der Abbildung 1 links stellt die untere Kurve die sog. 50. Perzentile dar. Das bedeutet, dass die Hälfte aller untersuchten Babies im Alter von 5-6 Wochen mindestens 120 Minuten pro Tag schrien. Die obere Kurve ist die 95.Perzentile. Sie zeigt, dass zum gleichen Zeitpunkt 5% aller Kinder bis über 4 Stunden (250 Minuten) am Tag schrien.

Die Arbeit konnte folgende Ergebnisse darstellen:

  • Schrei-Babies mit Koliken gibt es in allen untersuchten Ländern mit geringen Unterscheiden.
  • Die Koliken starten im Alter von 1-2 Wochen, haben ihren Höhepunkt mit 5-6 Wochen und verschwinden nahezu bis zum Alter von 10-12 Wochen
  • In allen Ländern ist jedes fünfte Kind ein Schrei-Baby (17% – 25%). In Japan und Dänemark ist die Rate geringer, in Großbritannien höher
  • Gestillte Kinder schreien etwas häufiger.

Diese Studie zeigt nochmals, das Schrei-Babies in allen Kulturen vorkommen. So schlimm das für die betroffenen Eltern auch ist, scheint das exzessive Schreien eine „normale“ Variante zu sein, die ursächlich schwer zu erklären ist. Das exzessive Schreien endet nach drei Monaten spontan.

Was können Eltern tun, wenn sie ihr Baby anhaltend schreit?

  • Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Durch die Schilderung der Schreiattacken und die körperliche Untersuchung werden andere mögliche Ursachen ausgeschlossen, die dem Baby Probleme bereiten könnten, z.B. Nahrungsmittelallergien
  • Reizabschirmung (kein Besuch großer Feste, bei denen der neue Erdenbürger „herumgereicht“ wird u.a.) ist häufig günstig. 
  • Keine Medien. Fernseher sollten ausgeschaltet sein, die flimmernden Bilder (auch indirekt) sind irritierend. 
  • Rituale sind günstig. Das Einschlafritual sollte immer gleich ablaufen. Das gibt dem Kind Sicherheit
  • Ruhe bewahren – so gut es geht und so schwierig es ist. Die eigene Unruhe und Sorge verstärkt das Schreien eher. 
  • Zusammenarbeit der Partner (und Großeltern). Im Regelfall betreut nur eine Person das Kind, die andere versucht die Pause zur Erholung zu nutzen.

Wenn Sie als Eltern spüren, dass sie zunehmend überfordert sind, wenden Sie sich an den Kinder- und Jugendarzt. Sie/ er wird ihr Kind nochmals untersuchen und mit ihnen Wege aus dem Stress finden. Sie müssen nicht alles ertragen können. Suchen Sie also bitte Hilfe!

Kinderkrankheit Masern

Erinnern Sie sich noch an den Bereicht im praxisblättle über Masern in Madagaskar? Ende Januar waren dort 39 366 Kinder und Jugendliche an dieser Kinderkrankheit erkrankt, wovon 266 nach offiziellen Angaben verstorben sind. Oder anders. Von 148 Masern-Erkrankten starb eine/r. Im Lotto ist die Wahrscheinlichkeit einen Dreier zu bekommen (1:57) nur unwesentlich geringer. Inzwischen ist die Zahl der Masernerkrankungen sogar auf 79.274 Fälle (Stand 01. März 2019) angestiegen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Konstanz am Bodensee. Mit nunmehr 581 Todesfällen liegt die Sterblichkeit mit jetzt 0.8% riesig hoch. Masern sind eine enorme Gefahr für Kinder, aber nicht nur in fernen Ländern.

Es gab sicher viele Gründe für die hohe Tödlichkeit auf Madagaskar, aber die nicht ausreichende Durchimpfung (Armut – diese Impfung muss in aller Regel von den Eltern bezahlt werden) war wohl der wichtigste. Die hohe Todesrate ist aber auch auf die chronische Unterernährung von 80% der Kinder und Jugendlichen in Madagaskar zurückzuführen. Bei mangelnder Ernährung leidet nicht nur die Körpergröße und das Körpergewicht, sondern auch das Immunsystem.

Kinderkrankheit hat immer das Flair von „Klein-Kinderkram“. Das Wort löst oft das Gefühl aus, als ob es sich nur um eine kleine Krankheit handele. Dabei drückt das Wort nur aus, dass die Krankheit allermeist im Kindesalter auftritt. Das wiederum kommt daher, dass Kinderkrankheiten sich dadurch auszeichnen, dass sie hoch ansteckend sind und daher schnell übertragen werden. Die meisten treten auch nur einmal im Leben auf (leider mit vielen Ausnahmen !). Deswegen denken viele, dass sie mit dem Erwerb des Führerscheins auch das Risiko an Kinderkrankheiten zu erkranken, verlieren würden. Dem ist nicht so.

Ursache der Erkrankung ist das Masernvirus. Dieses wird durch direkten Kontakt oder Tröpfcheninfektion übertragen und durchläuft danach einen typischen Weg:

  • Inkubationszeit von 8 – 10 Tagen.
  • Es folgt das Prodromalstadium von 3 – 7 Tagen mit Entzündung der Schleimhäute der Atemwege, wobei eine Bronchitis und eine deutliche Bindehautentzündung besonders auffallen. Fieber über 40 Grad ist häufig, Halsweh, deutliche Kopfschmerzen, schweres Krankheitsgefühl.
  • Am 12. oder 13. Tag nach Ansteckung tritt der typische Ausschlag im Mund (Enanthem) zusammen mit den Koplik’schen Flecken auf.
  • Am 14. oder 15. Tag folgt der typische Ausschlag am Körper (Masernexanthem).  Damit verbunden ist ein zweiter Fieberanstieg (typisch: 2-gipfliges Fieber)Damit ist die Diagnose klar. Der Ausschlag beginnt hinter den Ohren und steigt langsam ab. Der Ausschlag verbreitet sich in etwa 3 Tagen auf dem gesamten Körper aus.
  • Etwa einen Tag nach vollständigem Ausschlag sinkt auch das Fieber wieder, der Ausschlag wird blasser und die Erholung setzt langsam ein.

Das ist der normale, für jeden Betroffenen mühsame und leidensvolle Weg der Masern. Zu diesem treten bei fast jedem 5. Kind noch Komplikationen hinzu, die das grösste Problem bei dieser Kinderkrankheit darstellen.

  • Mittelohrentzündungen
  • Lungenentzündungen. Hiervon können verschiedene Formen auftreten. Dabei ist die primäre Masernpneumonie sehr gefürchtet. Hierbei greifen die Masernviren direkt das Atemwegssystem an. In der Folge können schwere Schäden wie Bronchiektasen (erweiterte Bronchien mit Eiterbildung) zurückbleiben. Damit verbunden sind ein lebenslang deutlich erhöhtes Infektionsrisiko und ein „Raucherhusten“ ohne Rauchen.
  • Meningoenzephalitis. Diese Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute tritt bei etwa jeder 1000. Erkrankung auf. Sie ist sehr schwerwiegend und oft tödlich.
  • In Deutschland muss auf etwa 1000 Masernerkrankungen mit einem Todesfall gerechnet werden (RKI – Daten für die Jahre 2000-2012). Dieser geht oft auf die Meningoenzephalitis zurück.
  • Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Hierbei kommt es zu einer schleichenden Entzündung des Gehirns, die innerhalb von 10 Jahren (!) spürbar wird und in 95% tödlich endet. Die Häufigkeit wird mit etwa 1:5000 Erkrankungen angenommen. 
  • Das Immunsystem wird bei der Masernerkrankung herunterreguliert. Dadurch sind betroffene Erkrankte anfälliger für jede andere virale und bakterielle Entzündungen. 

Eine spezifische Therapie um die Masern zu stoppen gibt es nicht. Lediglich bei manchen Komplikationen wie der Mittelohrentzündung sind Antibiotika hilfreich.

Abbildung 1. Häufigkeit der Masern und der Todesfälle an Masern in den USA. Foto: Von Dietzel65Eigenes Werk. Data source: „Reported Cases and Deaths from Vaccine Preventable Diseases, United States“ by the Centers of Disease Control. pdf file on this web site., CC0, Link

Die Masernimpfung stellt eine gute Vorbeugung dar. Während die Tödlichkeit im Nachkriegsdeutschland auch durch die schlechte Ernährung und Immunschwäche der chronisch unterernährten Kinder noch höher war, ist die Infektion und die Zahl der Todesfälle in den USA gezielt durch die Impfung massiv zurückgegangen. Vor Einführung der Impfung gab es etwa 500.000 Erkrankungen pro Jahr. Im Jahre 2007 waren es in den gesamten USA noch 43. Eine zweimalige Impfung erzeugt einen sehr guten Impfschutz.