Kategorie: Was tut gut?

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.

Wenn Lehrer in Stress kommen: Chronisch kranke Kinder

In der Schule arbeiten nicht nur Lehrer. Schon immer gibt es Hausmeister, Reinigungspersonal und seit einigen Jahren auch Sozialarbeiter und Psychologen. Was es in aller Regel noch nicht gibt: Schulgesundheitsfachkräfte. Also spezialisierte Fachkräfte, die Kindern und Jugendlichen in Sachen Gesundheit zur Seite stehen.

„Ich habe Bauchweh“. Diese Aussage führt Kinder meist ins sog. Krankenzimmer. Dort werden sie nach kurzer Betreuung von den Eltern abgeholt oder – wenn es ganz dringend ist – auch mal vom Lehrer zum Kinder- und Jugendarzt gebracht. Politisch gut geregelt ist das nicht unbedingt.

Praktisch keine Hilfe steht bereit, wenn chronisch kranke Kinder und Jugendliche Unterstützung brauchen. So vertritt das Kultusministerium in Baden-Württemberg den Standpunkt, dass für eine medizinische Assistenz die Krankenkassen in der Pflicht seien. Diese wiederum zeigen sich in aller Regel zugeknöpft, wenn es um die Erstattung von Extrakosten geht, die durch ausgebildete Kräfte vor Ort in der Schule erbracht werden müssen.

Aber das Gesundheitswesen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Heute wird eine einfache Lungenentzündung (Bronchopneumonie) mit Unterstützung des niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes zuhause behandelt. Das dauert meist um die drei Tage. Die gleiche Krankheit führte vor 50 Jahren noch zu einem Krankenhausaufenthalt mit Isolation für mehrere Wochen. Eltern durften vom Balkon des Krankenhauses durch die Fenster ihre Kinder sehen, sie konnten an die Scheiben klopfen, aber sie nicht in den Arm nehmen.

Das ist heute anders, weil Eltern Assistenzaufgaben übernommen haben. Heute haben alle Eltern gute Grundkenntnisse in der Medizin und der Arzt kann sich darauf verlassen, dass sie die Therapie – grosso modo – zuhause entsprechend gut durchführen.

Hinzu kommt, dass die medizinische Therapie erheblich komplexer wurde. Das erleichtert das Leben von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus, Epilepsie oder Asthma bronchiale erheblich. Andererseits verlangt es aber auch eine exakte und oftmals aufwendige Mitarbeit Dritter, weil ansonsten schwere Krankheit mit Krankenhausaufenthalt drohen.

Und jetzt haben wir die Ganztagsschule mit dem Anspruch, dass die Schule für ein Drittel des Tages der Lebensmittelpunkt für Kinder ist. In dieser Situation muss die Schule auch die Aufgaben übernehmen, die Eltern sonst zu Hause erfüllen. Eine Rückstufung der Schüler in spezielle Förderschulen wäre hier eine Diskriminierung und würde die Laufbahn des Kindes oder Jugendlichen gefährden. Trotz allem kommt so etwas auch heute noch vor. Die Lehrer sehen diesen Widerspruch klar und lösen die Problematik, indem sie kurzerhand auch medizinische Aufgaben übernehmen. Damit kommen sie aber in juristische Grauzonen und fühlen sich darüber hinaus überfordert, weil ihnen für diese medizinische Aufgabe die Ausbildung fehlt. Dabei geht es oft nicht nur um eine Tablette (die regelmäßig verabreicht werden muss), sondern auch um eine Notfallspritze, die beispielsweise ein Kind mit einer schweren Nussallergie im allergischen Notfall schnell braucht.

Im Moment ist gerade in Baden-Württemberg noch keine umfassende Regelung gefunden. Für Eltern bleibt damit die Aufgabe, bei den verschiedenen chronischen Erkrankungen mit dem jeweiligen Lehrer Kontakt aufzunehmen und um Unterstützung zu bitten:

  • Bei Kindern mit Diabetes mellitus: Dass man ihnen einen Rückzugsort für die Durchführung der Blutzuckermessung und der Injektion der Insulindosis gewährt.
  • Bei Asthma bronchiale: Dass der Lehrer kurz nachfragt, ob vor akuter Belastung im Sport das Notfallspray inhaliert wurde.
  • Bei schweren Allergien: Dass der Lehrer bereit ist, an einer Kurzschulung beim Kinder- und Jugendarzt teilzunehmen, um im Notfall im Umgang mit dem Adrenalin-Injektor sicher zu sein.
  • Bei Epilepsie: Dass das Notfallmedikament sicher (im Lehrerzimmer?) gelagert werden kann und alle Fachlehrer damit umzugehen wissen. 
  • Bei den vielen weiteren Erkrankungen wie Mukoviszidose werden die Anforderungen an die Schule nochmals höher und komplizierter.

Eine gute Zusammenarbeit von Eltern, Kinder- und Jugendarzt und Schule ist möglich. Sie erfordert aber einen erheblichen Aufwand aller Beteiligter und eine gute schriftliche Dokumentation der medizinischen Hilfsmaßnahmen.

Mit einer spezialisierten Schulgesundheitsfachkraft wären die differenzierten Aufgaben in guten Händen. Eltern und Lehrer sollten ihre Möglichkeiten nutzen, diese beim Kultusministerium einzufordern. „Wir sind ein reiches Land …..“ heißt es an dieser Stelle immer. Wichtiger ist aber, dass wir ethische Ansprüche an uns selbst haben müssten, damit unsere Kinder mit den speziellen Bedürfnissen ein weitgehend normales Leben führen können. Das wäre dann echte Inklusion – leider auch wieder so ein überstrapaziertes Wort.

Fitness-Studio für Kinder?

Fitness ist seit Jahren in – nicht nur bei Muskelprotzen. Das Fitnessstudio ist im Breitensport
angekommen. Aber ist dieser Sport auch für Kinder geeignet?

Dazu hat der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Michael Fröhlich von der TU Kaiserslautern Stellung bezogen. In seinem Buch „Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen: Hintergründe, Trainingspläne, Übungen“ – erschienen in zweiter Auflage 2011 – und in weiteren Veröffentlichungen geht er auf viele Aspekte von Krafttraining bei Kindern und Jugendlichen ein.

Während man vor 30 Jahren aufgrund spärlicher Informationen noch vorsichtig war, weiß man heute mehr. Natürlich ist das Fitnessstudio nicht für eine unkontrollierte Nutzung durch Kinder geeignet. Aber unter Anleitung können auch Kinder ab dem Alter von etwa 11 Jahren an Geräte herangeführt werden. Dazu bemerkt Prof. Dr. Fröhlich in seiner Arbeit: “ …. koordinative
Fertigkeitsbasis ausbilden; Aufnahme eines speziellen Ausdauertrainings ist zu empfehlen,
Aufnahme eines gerätegestützten Krafttrainings nur im Verbund geeigneter Geräte, ansonsten sind funktionsgymnastische Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen empfehlenswert“.

Manche Kinder und Jugendliche reizt es, durch Kraftübungen ihre Grenzen auszuloten. Sie stehen damit jedoch im hohen Risiko, sich zu schnell und zu große Gewichte mit teilweise ungünstiger Belastung von Knochen und Gelenken zuzumuten. Anleitung und regelmäßige Kontrolle durch ausgebildete Trainer ist also Grundvoraussetzung für Kraftübungen.

Im Fitnessstudio herrscht eine erstaunliche Toleranz. Kraftprotze akzeptieren die Dicken und die Alten und umgekehrt. Gerade deswegen haben auch Jugendliche, die sonst nicht so sportlich sind gute Chance dort sportlich einzusteigen.

Krafttraining hat manche günstigen Aspekte. Für adipöse Kinder und Jugendliche kann es ein guter Einstieg in den Fettabbau sein. Rücken- und Bauchübungen können helfen, Haltungsstörungen abzubauen, die durch langes Sitzen in Schule und am Bildschirm an Bedeutung zunehmen. Hierfür gibt es einzelne Studien wie die von Avery D Faigenbaum und Mitarbeitern von der Universität Massachusetts in Boston. Sie haben den Einfluss eines kurzzeitigen Trainings sogar bei Kindern von 5 bis 12 Jahren untersucht. Für dies Altersgruppe kommt ein Krafttraining aber nur unter spezieller fachlicher Anleitung (Kinder-Therapeuten) und nur sehr kurzfristig in Frage.

Übrigens: Zuhause erstmal mit Liegestützen oder Kniebeugen anzufangen ist nicht günstig. Meist ist der Reiz für Ungeübte zu hoch. Dadurch können vielfache Probleme an Gelenken und am Halteapparat ausgelöst werden. Gerade bei allen Kraftübungen ist eine fachlich kompetente Anleitung Grundvoraussetzung.

Schlank durch frühes Schlafen

„Gebt den Leuten mehr Schlaf – und sie werden wacher sein, wenn sie wach sind“. Auch Kurt Tucholsky wusste um die günstige Wirkung des Schlafs. Dass auch Schlaf und Körpergewicht irgendwie zusammen hängen, steht für viele gefühlt fest. Seit das Schlaflabor zur Standarduntersuchung wurde, sind eine Reihe von Zusammenhängen klar geworden, die dieses Gefühl untermauern. Für die Gruppe der Kinder gibt es jedoch leider wenig Literatur.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Study of Early Child Care and Youth Development (SECCYD), durchgeführt vom National Institute of Child Health and Human Development (NICHD), das Anfang der 1960er Jahre von der Schwester des amerikanischen Präsidenten John. F. Kennedy gegründet wurde, um Menschen mit Behinderung zu helfen.

Die SECCYD untersuchte ab 1991 den Einfluss der nicht-mütterlichen Versorgung auf die Entwicklung von 1364 Kinder und ihren Familien ab Geburt. Eine Forschergruppe um Sarah E. Anderson von der Ohio State University (Columbus) konnte inzwischen eine große Gruppe von ihnen (977 Probanden) nachuntersuchen. Für sie lagen Protokolle über Telefoninterviews vor, als diese Probanden durchschnittlich 4,7 Jahre alt waren. Zu dieser Zeit wurde das Schlafverhalten, Schlafrituale und viele weitere Umstände exakt festgehalten. Zusätzlich wurden in der Pubertät (etwa im Alter von 15 Jahren) die Körpermaße der inzwischen jugendlichen Probanden dokumentiert und diese mit dem Schlafverhalten 10 Jahre zuvor in Beziehung gesetzt.

Abbildung 1. Häufigkeit von Übergewicht („obesity“) in Prozent der Gruppe in Bezug auf die Zubett-Geh-Zeiten: links: vor 20:00 Uhr. Mitte: zwischen 20:00 und 21:00 Uhr, rechts: nach 21:00. Foto: Anderson et al, Pediatrics, 2016

In der Studie wurden die Zu-Bett-Geh-Zeiten mit der Häufigkeit von Adipositas (Übergewicht) in Beziehung gesetzt. Wie die nebenstehende Abbildung 1 zeigt bestanden hier große Unterschiede. In der Gruppe der Kleinkinder, die vor 20:00 Uhr zu Bett ging, lag die Häufigkeit für Übergewicht deutlich niedriger als bei den Kindern, die erst nach 21:00 Uhr zum schlafen gelegt wurden.

Diese Ergebnisse stammen aus einer gut durchgeführten Langzeitstudie. Umso mehr erstaunt, wie deutlich die Unterschiede in der Häufigkeit von Übergewicht in Bezug auf die Zu-Bett-Geh-Zeit waren. Die in der Abbildung dargestellten Unterschiede zwischen „sensiblen“ und „wenig sensiblen“ Müttern (helle bzw. dunkel-graue Säule) waren im Übrigen statistisch nicht sicher (nicht signifikant).

Was lernen wir daraus? Wenn Kleinkinder früher zu Bett gehen, scheint das ein wichtiger Faktor zu sein um künftigem Übergewicht vorzubeugen.

 

Kinderkrankengeld – was gilt es zu beachten?

Es ist Winter. Kinder machen viele Infekte durch und deren Eltern anstrengende Zeiten: Nachts mehrfach aufstehen, Trost spenden und mit-leiden.

In solchen Situationen bliebt meist ein Elternteil zuhause, um das Kind zu betreuen. Dafür besteht auch ein gesetzlicher Freistellungsanspruch, der im §616 BGB geregelt ist. Praktisch bedeutet dies, dass Eltern sich beim Arbeitgeber abmelden können, wenn der Kindergarten anruft, dass ihr Kind gerade mit Fieber erkrankt ist. Wie viele Tage der Arbeitnehmer zur Pflege seines Kindes  bei voller Bezahlung der Arbeit fernbleiben kann ist nicht konkret festgelegt. Oft gibt es hierfür Angaben in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen.

Die Lohnfortzahlung wird jedoch häufig von großen Firmen nicht gewährt. Für diesen Fall hat der Gesetzgeber einige Regeln geschaffen, damit die Eltern für ihr Kind da sein können. So regelt der §45 Abs. 3 SGB V zunächst einen Anspruch auf unbezahlte Freistellung von der Arbeit. Ein Elternteil hat also das Recht, bei Krankheit des Kindes die Arbeit ruhen zu lassen. Eine Ausnahme besteht jedoch: Erkrankt das Kind von Auszubildenden, so besteht für den Arbeitgeber eine Pflicht zur Lohnfortzahlung.

Den Anspruch auf Krankengeld des Versicherten (Elternteil) regelt hingegen der §45 Abs. 1 SGB V. Dieser kommt zum Tragen, wenn ein krankes – ebenfalls gesetzlich versichertes – Kind noch nicht das 12. Lebensjahr erreicht hat und von einem Elternteil betreut werden muss. Im Einzelnen müssen folgende Bedingungen vorliegen

  • Das Kind ist gesetzlich versichert (also z.B. über die AOK oder TK)
  • Die Eltern sind ebenfalls gesetzlich versichert
  • Das ist noch keine 12 Jahre alt
  • im Haushalt lebt niemand, der sich um das Kind kümmern kann

Mit einem ärztlichen Zeugnis (Muster 21) bestätigt der Kinder- und Jugendarzt diese Krankheit.

Wenn diese Voraussetzungen vorliegen, bezahlt die Krankenkasse ab dem ersten Tag des Verdienstausfalles 90% des Nettolohns. Die Regelung ist also gleich wie beim normalen Krankengeld. Es gibt eine Höchstgrenze für das Kinderkrankengeld. Sie lag für das Jahr 2018 bei 103,25 € pro Tag.

Der Anspruch der Eltern richtet sich dann nach der Zeit, die der Arzt attestiert hat. Pro Kind ist das Krankengeld auf zehn Arbeitstage begrenzt, bei Alleinerziehenden auf 20 Arbeitstage. Insgesamt besteht pro Jahr ein Anspruch von maximal 25 Tagen (bei allein erziehenden Versicherten: 50 Tage). Bei schwerstkranken Kindern, die nur noch wenige Wochen zu leben haben, kann die Kasse die Regelung ausweiten.

Ist das Kind bei schwerer Krankheit stationär, also im Krankenhaus, aufgenommen, so stellt der Krankenhausarzt die Bescheinigung aus. Er bescheinigt in aller Regel, dass die „Mitaufnahme einer Begleitperson“ aus „medizinischen Gründen“ notwendig ist. Für die Erstattung des Verdienstausfalles der Begleitperson fehlt es bis heute an einer gesetzlichen Regelung. Hier muss eine Einigung mit der Krankenkasse erzielt werden, die häufig den Verdienstausfall erstatten. Dies ist dann aber eine freiwillige Leistung, die nicht über §45 SGB V geregelt ist.

Privatversicherte haben keinen Anspruch auf Kinderkrankengeld. Das gilt auch, wenn zwar das betroffene Kind privatversichert ist, die Eltern aber gesetzlich versichert sind.

Jugendschutz – Was geht und was geht nicht?

Jugendliche drängen auf ihre Freiheit. Im Ablösungsprozess von ihren Eltern ist das richtig und wichtig. „Ich bin dann mal weg …..“ hören Eltern so nebenbei und müssen dann die Fragen stellen. Wohin will die/der Jugendliche? Wann kommt sie/er zurück? Mit wem zusammen  ziehen die Jugendlichen los?

Und schnell stehen Eltern unter Druck, weil sie nicht wissen was gesetzlich erlaubt ist und was nicht. Das Gesetz bezieht sich immer nur auf den sog. öffentlichen Raum. Der private Bereich zuhause ist im Jugendschutzgesetz außen vor – der Staat greift hier nicht vorbeugend ein. Wichtige Eckdaten sollten Eltern bekannt sein, damit sie in diesen unerwarteten Situationen bewusst und informiert handeln können.

Umgang mit Alkohol und Energydrinks

Unter 16 Jahren, dürfen Jugendliche weder im Laden noch bei Festen in der Öffentlichkeit Alkohol jeglicher Art erhalten. Nach dem 16. Geburtstag bis zum 18. Geburtstag dürfen sie leichtere alkoholische Getränke (Bier, Wein. Sekt) sowohl kaufen als auch trinken. Hochprozentige alkoholische Getränke sind erst ab dem 18. Geburtstag erlaubt. Energydrinks sind in allen Altersgruppen erlaubt.

Tabakprodukte

Die Abgabe und der Konsum von Tabakwaren sind gemäß Jugendschutzgesetz grundsätzlich unter 18 Jahren nicht erlaubt.

Aufenthalt in Clubs

Bis zum 16. Geburtstag dürfen Jugendliche nicht alleine auf öffentliche Tanzveranstaltungen gehen. In Begleitung von Eltern bzw. Vormund oder einer anderen erziehungsbeauftragten Person ist dies aber unbegrenzt erlaubt. Eine solche Begleitperson muss 18 Jahre alt sein und kann im Einzelfall von den Eltern vorübergehend mit dieser Aufgabe betraut werden. Eltern können also eine/n erwachsenen Freund/in beauftragen, ihr jugendliches Kind zu beaufsichtigen. Sinnvoll ist es, diese/n mit dem „Muttizettel“ (siehe Muttizettel-Vorlage) auszustatten.

Insgesamt greift der Staat also behutsam in die Rechte der Eltern ein. Zuhause gibt es fast keine spezifischen Regelungen, die  das Elternrecht begrenzen. Wenn jedoch Dinge geduldet werden, die das geistige und seelische Wohl des Kindes beeinträchtigen, kann der Staat auch hier eingreifen. Das gilt auch für die Nutzung problematischer Internetangebote und Computerspiele.

Diäten: Manches ist gesichert, vieles nicht

Ist es fair – so kurz vor Weihnachten – das Thema Diät nach vorne zu holen? Das frage ich mich. Aber egal. Erstens ist die Adventszeit nach christlicher Auffassung ohnehin eine Fastenzeit und zweitens kann es nicht schaden, dem Kater nach Weihnachten vorzubeugen.

Mit dem zunehmenden Wohlstand kamen die Diäten. Bereits 1972 hat der Amerikaner Robert Atkins die erste Low-Carb-Diät propagiert. In seinem berühmt gewordenen Buch „Diät-Revolution“ empfahl er Übergewichtigen, auf Kohlenhydrate (englisch: carbohydrate) möglichst zu verzichten. Es folgten viele andere Diäten. In den letzten zwei Jahrzehnten kamen dann die Diäten bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten hinzu. Die gab es zwar in Realität schon immer, aber die Gruppe der Gefühlt-Betroffenen hat enorm zugenommen. Somit dürfte es für viele Menschen heute schwierig sein, sich spontan zu einem gemütlichen gemeinsamen Essen zu treffen ohne vorher zu klären was im Essen drin sein darf oder nicht.

Bei dem Durcheinander von sich widersprechenden Empfehlungen grenzt es fast an ein Wunder, dass sich vier Wissenschaftler mit unterschiedlichen Überzeugungen auf diesem Sektor zusammenfanden und in der angesehenen Zeitschrift SCIENCE gemeinsam einen Artikel veröffentlichten. In Dietary fat: From foe to friend? (in deutsch bedeutet das soviel wie: Fett in der Diät: vom Feind zum Freund) setzen sie sich mit der Bewertung von Kohlenhydraten und Fett in der Ernährung auch in Bezug auf chronische Krankheiten auseinander. Dabei arbeiten sie sieben Punkte von gemeinsamen Überzeugungen heraus. Daneben stellen sie auch die weiterhin kontroversen Überlegungen – und das sind natürlich mehr, nämlich neun. Was sind nun die Kernpunkte, in denen sie wissenschaftlich übereinstimmen?

  1. Mit einem Schwerpunkt auf gute Qualität in der Ernährung kann für ein breites Spektrum an verschiedene Diäten mit unterschiedlicher Kohlenhydrat – Fett – Mischung eine gute Gesundheit und ein geringes Risiko an chronischen Erkrankungen erreicht werden.
  2. Sterblichkeit. Veränderung des relativen Risikos im Rahmen einer Langzeitstudie (momentan 32 Jahre) bei 126.233 Männern und Frauen (Wang et al). Foto: SCIENCE

    Gesättigte Fettsäuren sollten durch (mehrfach) ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden.

  3. Ersatz von hoch verarbeiteten Kohlenhydraten (Getreideprodukte, Kartoffelprodukte, Zucker) durch wenig verarbeitete Kohlenhydrat-Produkte (Vollkorn, nicht-stärkehaltige Gemüse, rohe Früchte u.ä.). 
  4. Gesunde Menschen mit normalem Insulinstoffwechsel können verschiedene Diäten mit unterschiedlichem Verhältnis von Kohlehydrat/ Fett vertragen. Menschen mit Insulinresistenz (das sind nach Expertenansicht in Deutschland immerhin bis zu 20% aller Menschen) sollten eher Diäten mit wenig Kohlehydraten bevorzugen.
  5. Eine ketogene Diät kann für einzelne Menschen mit Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels sinnvoll sein. Langzeit-Studien zu dieser Frage stehen aber noch offen.
  6. Diäten mit niedrigem Anteil an Kohlehydraten und hohem Fettanteil benötigen keine speziell hohe Eiweißzufuhr oder tierische Produkte wie Fleisch. Als Ersatz sind fettreiche pflanzliche Produkte wie Öle, Nüsse, Samen und Avocado geeignet.
  7. Fragen betreffend Diät-bezogener chronischer Erkrankungen bleiben bestehen. 

Der Diät-Wahn hat auch für Kinder und Jugendliche Folgen. Genau genommen sogar schon, bevor sie zur Welt kommen. Denn auch Schwangere unterliegen den Einflüssen von Diäten und diese betreffen unmittelbar das werdende Baby. Es ist also gut, wenn sich Wissenschaftler zusammensetzen und herausarbeiten, was heute als gesichert anzusehen ist.

In der Novemberausgabe der Monatsschrift für Kinderheilkunde hat die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. den aktuellen Stand zu vegetarischen Kostformen im Kindes- und Jugendalter zusammengefasst.

🎈 25 Jahre praxisblättle

Das praxisblättle wird in diesem Monat ein Vierteljahrhundert alt. Zu Beginn, in seiner ersten Ausgabe vom Dezember 1993 hieß es noch s’praxis-blättle.

Abbildung 1. Erstausgabe des praxisblättle aus dem Dezember 1993. Foto: ptw

Damals kam es tatsächlich noch auf Papier, als Blatt – als Blättle. Immerhin wurde das praxisblättle von Anfang an am Computer erstellt. Dessen Ausdruck wurde dann schlicht am Fotokopierer vervielfältigt. Meistens in irgendeiner Farbe, um’s ein bisschen peppiger zu machen. Die Abbildung rechts zeigt die Erstausgabe – in orange.

Fünf Jahre gingen ins Land, bevor das praxisblättle dann als Email erschien. In Abbildung 2 ist die Septemberausgabe aus dem Jahre 2002 in Auszügen wiedergeben. Mit der Email waren mehr Möglichkeiten für die Darstellung der Inhalte gegeben. Und der mühsame Zeitaufwand des Fotokopierens fiel weg. Und für alle Bezieher: Fortan war das praxisblättle kostenlos, nachdem zuvor jeweils 10 Pfennige zu berappen waren.

Abbildung 2. praxisblättle als Email aus dem September 2002. Foto: ptw

Es kamen immer wieder einzelne Verbesserungen, bevor die Email ein rundum neues Design – bunt und mit Bildern – ab Januar 2005 erhielt.

Abbildung 3. Artikel zum Thema Feinstaub aus dem August 2013. Foto: ptw

Mit Einführung des Blogs kam 2012 eine neue Ära. Die Verwaltung von Mail-Adressen fiel weg. Wer Interesse hatte konnte sich fortan jederzeit die Inhalte im Internet ansehen. Neue Beiträge im praxisblättle erschienen nun mehrmals pro Woche, meist drei Mal. Damit einher ging auch eine weitere Neuerung, die gut angenommen wurde: Die Kategorie: „Was geht rum?“. Jeden Samstag konnten die Leser nachsehen, was medizinisch Aktuelles vorlag.

In der aktuellen Form präsentiert sich das praxisblättle nach seit dem letzten Relaunch mit dem Jahreswechsel im Januar 2018. Das neue Format erlaubt längere Beiträge, verbunden mit gut lesbaren Hinweisen als Graphiken und auch Videos. Für Interessierte ist in aller Regel auch die Literaturquelle zu wichtigen Themen direkt mit einem Klick abrufbar.

Natürlich haben wir schon weitere Ideen um das praxisblättle weiter aktuell zu halten. Aber die müssen wie alles erstmal reifen.

An Geburtstagen darf man sich gemeinhin etwas wünschen, oder? Wir vom praxisblättle wünschen uns Rückmeldungen und Diskussionen mit unseren Lesern. Als wir die Häufigkeit unseres Blogs „Was-geht-rum?“ reduzieren wollten, haben viele von Ihnen uns rückgemeldet, wie wichtig Ihnen dieser Blog ist. Das war uns Anregung und Ansporn zugleich. Warum nicht auch zu anderen Themen?

Bleiben Sie uns auch in Zukunft gewogen.

Nichtrauchen ist angesagt

Rauchen ist ungesund. Nichts neues. Die Deutsche Krebsgesellschaft in Berlin hat errechnet, dass im Jahre 2013 etwa 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens verstarben. Dabei sind neben dem gefürchteten Lungenkrebs auch weitere Folgen des Rauchens (Darmkrebs, Leberkrebs, Tuberkulose, Diabetes Typ-2) berücksichtigt. Insgesamt sind 13.5% aller Todesfälle auf das Rauchen zurückzuführen.

Abbildung 1. Rauchen und Nie-Rauchen unter 12-17 Jugendlichen in Deutschland. Foto: BILD

In den letzten Jahrzehnten sind enorme Erfolge erzielt worden, die Zahl der Raucher zu verringern. Mit großem Erfolg in der Europäischen Gemeinschaft und in Deutschland. Heute ist Rauchen bei Jugendlichen fast uncool. Das zeigt die nebenstehende Abbildung 1, die auf Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beruht.

Die BZgA startete ihr Programm Be Smart – Don’t Start im Jahre 1997. Ab 2002 folgten bundesweit Erhöhungen der Tabaksteuer, Rauchverbote im öffentlichen Raum folgten im Jahre 2012. Inzwischen liegt die Rate der Nieraucher in der Altersgruppe der 12-17-Jährigen bei 80%, die der Rauchen hat bereits 2014 die 10-Prozentmarke nach unten geknackt. Ein gigantischer Erfolg.

Abbildung 2. Rauchen bei den Erwachsenen nach einer Untersuchung der BZgA von 2015 Foto; Deutsche Krebsgesellschaft

In Süddeutschland wird weniger geraucht als in Norddeutschland. Insgesamt ist aber – wie die Abbildung 2 zeigt – die Quote der Raucher unter Erwachsenen noch sehr hoch. Es bleibt zu hoffen, dass die Jugendlichen auch für die Erwachsenen „ansteckend“ sind. Wenn diese schon mit Stöpseln im Ohr die Jugendlichen imitieren, dann sollten sie das auch beim Rauchen machen.

Eltern sollten sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein. Auch wenn Kinder und Jugendliche nicht alles machen was Eltern wollen, sie ahmen langfristig die Eltern mehr nach als diese glauben. Gerade in der Pubertät sind Eltern oft verzweifelt. Dabei ist eines klar: wenn Eltern Nichtraucher sind, werden es ihre Kinder mit größter Wahrscheinlichkeit auch. Und sie vermeiden damit, zu den 13.5% aller Todesfälle zu gehören, die aufs Rauchen zurückgeführt werden können. So erfolgreich kann Erziehung sein.

Pneumokokkenimpfung – Hilft sie meinem Baby?

Nach der Geburt müssen Eltern in kurzer Zeit viele Dinge entscheiden. Wir Kinder- und Jugendärzte sind uns dessen bewusst, dass gerade bei der Vorsorgeuntersuchung U3 im Alter von 3 – 6 Wochen enorm viele Entscheidungen anstehen. Diese betreffen Fragen der Ernährung, des Schlafrhythmus, der Vorbeugung des plötzlichen Kindstodes und ……. der Impfungen.

Abbildung von Pneumokokken (rot dargestellt) im Elektronenmikroskop. Foto: TU Braunschweig

Den Tetanuserreger, ja den kennen alle Eltern. Aber Pneumokokken? Das sind auch Bakterien, die als semmelförmiges Pärchen – sog. Diplokokken – auftreten. Das Besondere an ihnen ist, dass sich die Pneumokokken (medizinisch korrekt: Strepotococcus pneumoniae) durch eine dicke Kapsel sehr gut gegen Angriffe von Antibiotika und des Immunsystems wehren können. Und dass es von ihnen nahezu 100 Varianten (sog. Serotypen) gibt. Pneumokokken kommen im Rachen vor und machen meistens nichts. Sie können sich aber durch Vermehrung ausbreiten und zu Mittelohrentzündungen und Lungenentzündungen führen. Besonders gefürchtet sind die invasiven Erkrankungen (invasive pneumococcal disease, IPD). Hierbei dringen die Erreger in sterile Räume des Körpers ein und führen zu schwersten Erkrankungen: Blutvergiftung (medizinisch: Sepsis) und Hirnhautentzündungen (medizinisch: Meningitis). Bei diesen Erkrankungen zeigen sie eine besondere Schwere des Verlaufs, besonders für Kinder in den ersten Lebensjahren und ältere Menschen ab 60 Jahren. 

Seit Jahrzehnten wurde versucht, diesem teilweise schrecklichen Erreger mit Impfungen entgegenzutreten. Dabei zeigte sich, dass der eine Impfstoff (Polysacharidimpfstoff– PPSV23) bei Kindern nahezu bedeutungslos und nicht half, diese IPDs – also die schweren Erkrankungen – zu verhindern. Um die Jahrtausendwende wurde ein neuartiger konjugierter Impfstoff (PCV-7) entwickelt, der erfolgreich seit 2006 allen Kindern unter 2 Jahren Lebensalter empfohlen wird. Die Entwicklung ging seither weiter. Nachdem zunächst nur 7 Serotypen im Impfstoff vertreten waren, sind es inzwischen 13 (PCV-13).

Inzwischen liegt eine Untersuchung von Raphael Weinberger (LMU München) und Mitarbeitern vor, die den Nutzen dieser Maßnahme untersucht haben. Es zeigte sich, dass gegenüber den Jahren vor Einführung der Pneumokkenimpfungen für Kinder unter 2 Jahren (2016) die Zahl der invasiven und schweren Erkrankungen an Pneumokokken (IPD) etwa um die Hälfte abgenommen haben. Die schwierige Frage bleibt, ob andere Serotypen – die nicht im Impfstoff enthalten sind – im Gegenzug in den nächsten Jahren mehr an Bedeutung gewinnen.

Im Moment kann also mit der Impfung gegen Pneumokokken in den ersten zwei Lebensjahren die Hälfte der schweren Infektionen (Blutvergiftung, Hirnhautentzündung) verhindert werden. Ein klare Empfehlung. Aufgabe der Medizin wird es sein, die künftige Entwicklung der Pneumokokken gut im Auge zu behalten, damit der momentan gute Schutz auch in Zukunft noch erreicht wird.