Schlagwort: Allergie

Was geht rum? 20. April 2019

Der Frühling ist da. Angenehme Temperaturen, zwitschernde Vögel, bunte Vielfalt an Blumen. Aber nicht nur die Blumen blühen, sondern auch Allergie auslösende Gräser, Büsche und Bäume. Und nicht zu vergessen die Zecken. Sie kommen zu voller Aktivität. In dieser Hinsicht haben sich seit letzter Woche keine grundlegenden Änderungen ergeben. Nur sind Pollen und Zecken noch aktiver als zuvor.

Abbildung 1. Flug der Birkenpollen im März und April 2019 (schwarze Balken) gegenüber dem langjährigen Durchschnitt (graue Fläche). Foto: pollenundallergie.ch

Was beim Ganzen oft in den Hintergrund gerät: die Sonne. Sie wärmt so herrlich und tut der Seele so gut. Aber, sie hat schon jetzt eine enorme Kraft. Für uns und unsere Kinder müssen wir also auch an den Sonnenschutz denken. Immerhin ist die Sonne heute so stark wie am 20. August, also mitten in den Sommerferien. Jetzt sind die Temperaturen halt angenehmer. Wie Sonnenschutz gut umsetzbar ist, finden Sie hier.

Abbildung 2: Praxisindex für Atemwegserkrankungen. Die rote Kurve (Saison 2018/2019) hat wie in den Vorjahren fast das Normalniveau wieder unterschritten. Die Infektwelle ist vorbei. Foto: AG Influenza

So bunt wie die Natur im April ist auch das Spektrum an Infektionskrankheiten. Die Grippe (Influenza) hat sich nahezu verabschiedet. Mit Ihr auch die anderen Infekte, wie die Abbildung 2 zeigt, ging der Praxisindex – er vermittelt die Veränderung bei den Atemwegserkrankungen – deutlich unter das Normalniveau zurück. Die Infektwelle ist zu Ende.

Die Zahl der Rotavirusinfektionen nimmt ebenfalls wieder ab. Weiterhin treten jedoch die einfachen Luftwegsinfekte auf, die selten von Mittelohrentzündungen oder Lungenentzündungen begleitet sind. Streptokokkeninfektionen sowie vereinzelt Scharlach sind noch immer zu beobachten.

Was geht in der Welt rum? Mit Frankreich verbindet uns Deutsche ja eine enge Kooperation und Freundschaft. Leider sind wir auch bei den Masern auf einer Linie. In diesem Jahr sind in Frankreich bereits 573 Menschen daran erkrankt. Ganz besonders viele im Wintersportort Val Thorens (Region Auvergne-Rhône-Alpes) mit 53 Erkrankungen. Dort leben nur 800 Einwohner – aber übers Jahr kommen 300.000 Touristen. Die sollten sich vorher über den Stand ihrer Impfungen gute Gedanken machen.

Ich wünsche Ihnen frohe Osterfeiertage.

Eine App für Pollen-Allergiker

Mit dem Frühlingsbeginn in dieser Woche werden in Baden-Württemberg täglich mehr Menschen von Pollenallergie geplagt. Je nach Höhenlage sind entweder die Birkenpollen (eher in mittlerern Lagen) oder gar schon die Gräserpollen (Oberrhein) bedeutsam vertreten.

Vor ziemlich genau 20 Jahren wurde in Zusammenarbeit mit der WHO die ARIA-Initiative von Experten ins Leben gerufen: Allergic Rhinitis and Its Impact on Asthma (ARIA) befasst sich seither wissenschaftlich mit dem allergischen Schnupfen und seinen Auswirkungen auf das Asthma. Die internationalen Experten von ARIA haben über die letzten Jahrzehnte viele Schritte in der weltweiten Harmonisierung von Diagnostik und Therapie von Allergien in die Wege geleitet.

Rechtzeitig sind nun im März 2019 im Journal of Allergy and Clinical Immunology (JACI) die neuen Schritte der ARIA  (Phase 4) veröffentlicht worden. Darin wird auch eine neue App vorgestellt, die über die letzten Jahre entwickelt in in einem Pilotversuch getestet wurde.

Wo gibt es mehr Informationen über die App? Allergy Diary

Abbildung 1: Allergy Diary App. Foto: allergydiary.com

Die anonymisierte App kann momentan in 23 Ländern (16 EU-Länder, Schweiz, Türkei, Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada, Mexiko) in 17 Sprachen genutzt werden. Bislang sind Informationen zum Asthma noch nicht implementiert. Dies ist aber geplant. Ein wichtiges Tool für alle Allergiker – gerade auch für Jugendliche, die mit dieser App mehr Informationen über ihre Allergie sammeln können. Damit kann der Allergologe später eine gezieltere Therapie ansetzen.

Was geht rum? 13. April 2019

Eine unspektakuläre Woche geht zu Ende. Die Pollen hatten trotz kühler Temperaturen immer wieder Chancen ihre Power auszuspielen. Die Birkenpollen haben bereits die höheren Lagen erreicht, während am Oberrhein leicht geringere Werte als in der Vorwoche gemessen wurden. Inzwischen sind auch die ersten Gräserpollen – in geringem Umfang – in den Lüften  unterwegs.

Abbildung 1. Meldezahlen für Rotavirusinfektionen beim RKI für die Jahre 2010 bis 2015. Foto: Docplayer

Nach den vielen Atemwegserkrankungen des Winters haben jetzt die Magen-Darm-Infektionen an Bedeutung gewonnen. Die Rotavirus-Infektionen haben landesweit in der ersten Aprilwoche um 101 Neuerkrankungen auf zuletzt 656 Infektionen im laufenden Jahr (Vorjahr: 383) zugenommen. Das erstaunt nicht, da im jährlichen Rhythmus um diese Jahreszeit die Zahl der Rotavirus-Infektionen ihren Höhepunkt erreicht (siehe Abbildung 1). Die Rotaviren sind weltweit die häufigsten Erreger einer Darminfektion bei Säuglingen und Kleinkindern.

Trotz allem gibt es noch Luftwegsinfekte, ganz vereinzelt kommt sogar Influenza bei Kindern und Jugendlichen vor. Daneben Streptokokkeninfektionen und weiterhin einzelne Erkrankungen an Drei-Tage-Fieber. Insgesamt also ein bunter Reigen von Krankheiten, bei jedoch niedrigen Erkrankungszahlen.

Nach einigen kalten Tagen werden die Temperaturen ab Montag wieder anziehen. Das wird die Zecken flügge machen. In den kommenden Wochen ist es ratsam, Kinder abends auf diese Tiere zu untersuchen. Zecken verkriechen sich oft in kuschelige Ecken. Also unbedingt in den Nabel schauen, hinter die Ohren, in Gelenkbeugen (Ellenbeuge, Kniekehle, Achsel) und auch im Genitalbereich. Für Erwachsene gilt natürlich das gleiche.

Was geht in der Welt rum? Das Dengue-Fieber hat weitere Urlaubsziele erreicht. Auf den Malediven wurden seit Jahresbeginn 1300 Infektionen registriert, auch in Singapur sind in diesem Jahr 2332 Menschen neu erkrankt. Und das, obwohl der Stadtstaat so viel Wert auf Sauberkeit legt. Die übertragenden Mücken hält es nicht davon ab, Menschen tagsüber zu stechen. Also auch hier: Mückenschutz ist immer auch tagsüber ratsam!

Allergiker in der Familie: Welche Pflanzen im Garten sind erlaubt?

Die Pollenzeit hat auch in diesem Jahr bereits im Januar begonnen. Inzwischen haben sich zu den Haselpollen vielerorts auch die Birkenpollen gesellt. Damit ist die Gruppe der betroffenen Allergiker nun viel größer. Denn die Birke zählt neben den Gräsern zu den bedeutendsten Allergenen in Baden-Württemberg.

In den Praxen kommt damit öfter die Frage auf: „Welche Pflanzen dürfen wir eigentlich im Garten haben, ohne unserem allergischen Kind zu schaden?“. Hierbei sollten einige Umweltfaktoren bedacht werden.

Pollen sind je nach Pflanzenart unterschiedlich aufgebaut. Dementsprechend ändert sich auch deren Flugverhalten. So können viele Pollenarten wie die Birkenpollen bei günstigen Winden über Strecken von über 500 Kilometer fliegen. Andere Pollen – besonders die vieler Nadelbäume oder auch Raps – sind so schwer, dass sie nur in einem eng umgrenzten Raum von wenigen Metern für den Menschen bedeutsam sind.

Fazit: Einzelne Pollen können extrem weit fliegen. Diesen kann man sich nicht entziehen, wohl aber die Belastung verringern, wenn sie nicht im eigenen Garten wachsen. Andere Pollen fliegen schlecht. So zum Beispiel die Pollen der Kiefer, die 56-84 µm groß (Birke: 16-31 µm) und somit auch schwer sind. Die Pollen des Raps werden meist von den Bienen mit Honig benetzt und verkleben, so dass sie allenfalls 10 Meter weit fliegen.

Der Klimawandel hat sich in den letzten Jahrzehnten auf den Pollenflug ausgewirkt. Die Gräserpollen fliegen 11 Tage, die Haselpollen gar 21 Tage früher im Jahr als noch im Jahre 1980. Dies ist durch die veränderten Temperaturen bedingt.

Fazit: Die Pollenflugzeiten beginnen Mitte Januar und reichen (am Oberrhein) bis in den Dezember. Pollenallergien werden unsere Kinder bald ganzjährig begleiten.

Aber auch das Kohlenstoffdioxid (CO2) wirkt sich aus. Kohlenstoffdioxid regt das Wachstum von Pflanzen an. So wurde zuletzt in den USA durch Jennifer Albertine und Mitarbeiter von der Harvard University nachgewiesen, dass hierdurch die Konzentration der Gräserpollen um etwa 50% in den letzten Jahren angestiegen ist. Dieser Anstieg wird durch Ozon, das eher wachstumshemmend wirkt, kaum negativ beeinflusst.

Fazit: Wir müssen damit rechnen, dass der fortschreitende Klimawandel über Kohlenstoffdioxid das Wachstum der Pflanzen und mithin auch der Pollenkonzentrationen beschleunigt.

Die Pollenbelastung in Europa ist in den verschiedenen Ländern und Regionen Europas unterschiedlich. In Baden-Württemberg sind die Gräserpollen und die Birkenpollen die Hauptverursacher von Allergien. Weitere bedeutsame Pollen kommen von Eschen-, Hasel-, Erlen- und Beifuß. Pollen vom Traubenkraut  (Ambrosia) sind wegen ihrer Aggressivität besonders gefürchtet, spielen bislang zahlenmäßig aber noch eine untergeordnete Rolle.

Fazit: Schwerpunkt bei der Prävention von Pollenbelastungen sollte darauf liegen, die besonders relevanten Allergene im engeren Umfeld zu vermeiden:

  • keine Birken im eigenen Garten
  • der Rasen sollte immer recht kurz gehalten werden
  • eine natürlich Magerwiese ist im heimischen Garten nicht günstig

Es gibt keine Pflanzen, die rundum problemlos wären. Rosen können über die Stacheln verletzten, Goldregen ist hochgiftig. In Bezug auf die Pollenbelastung sollten im eigenen Garten idealerweise keine Haselsträucher und Birken stehen. Der Rasen sollte häufig gemäht werden, damit keine bedeutsame Gräserblüte entsteht.

Wenn’s juckt und man kratzen muss – Urtikaria

Einen Nesselausschlag hat wohl jeder schon erlebt, so er nicht ein Stubenhocker ist. Beim Spielen in der Natur streift man schnell mal eine Brennnessel und hat Quaddeln auf der Haut. In der Medizin nennen wir das eine Urtikaria.

Die Nesselsucht kommt zustande, wenn Histamin und andere Botenstoffe von den sog. Mastzellen freigesetzt werden. Histamin führt in der Haut zu einer Gefäßerweiterung und gesteigerter Gefäßdurchlässigkeit, so dass in der Folge eine Schwellung, also die Quaddel, entsteht, häufig umgeben von eine Rötung (Erythem).

Wann tritt eine Urtikaria auf?

Die Urtikaria kann akut auftreten. Tritt sie über einen Zeitraum von mehr als 6 Wochen auf spricht man in der Medizin von einer chronischen Urtikaria. Auslöser im Kindesalter können sein:

akut

  • im Rahmen von Infekten. Der Mechanismus ist bislang nicht sicher geklärt.
  • Medikamentenallergie: sehr selten
  • Nahrungsmittelallergie: eher selten, manchmal erstes Zeichen einer Milcheiweißallergie beim Säugling 

chronisch

  • chronisch spontane Urtikaria unklarer Ursache
  • physikalische Urtikaria durch Kratzen/ Reiben (Urticaria factitia), Kälte, Wärme, Licht
  • durch körperliche Anstrengung
  • durch erhöhte Körpertemperatur (bei Anstrengung/ Sauna/ Duschen) 
  • durch Kontakt mit Wasser 
  • Sonnenlicht

Wie sieht die Therapie aus?

Vor der Therapie steht immer eine exakte Diagnose. Das gilt auch für die Urtikaria. Leider gelingt es aber bei der chronischen Urtikaria in nahezu der Hälfte der Fälle nicht, den genauen Auslöser festzumachen.

Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung, hat die Urtikaria nur selten etwas mit Allergien zu tun. Kinder- und Jugendärzte mit dem Schwerpunkt Allergologie sind dennoch die besten Ansprechpartner, wenn es darum geht Zusammenhänge aufzudecken. Dabei können folgende sog. Triggerfaktoren die Nesselsucht auslösen und/oder am Laufen halten:

  • Autoimmunerkrankungen (insbesondere der Schilddrüse)
  • Einnahme von NSAID (Schmerzmedikamente wie Ibuprofen)
  • Infektionen: Mykoplasmen, Helicobacter pylori, Würmer
  • versteckte Allergene

Können solche Faktoren ausgemacht werden, besteht der erste Schritt darin, diese auszuschalten. Meist kommt es dadurch zum Abklingen der Nesselsucht.

Erst wenn diese Schritte durchlaufen wurden, macht eine medikamentöse Therapie Sinn. Details sind hier beschrieben (in Englisch).

  • Antihistaminika der 2. Generation: Cetirizin, Loratadin und andere.
  • Omalizumab (monoklonaler Antikörper; zugelassen ab 12 Jahren)

Die Urtikaria ist somit eine Diagnose, die sehr individuell („ganzheitlich“) aufgearbeitet werden muss. Die kurzfristige Einnahme von Arzneien (wie Antihistaminika) kann bei starkem Juckreiz sinnvoll sein. Mittelfristig sollte aber versucht werden, die Auslöser und Triggerfaktoren zu verstehen. Nur dann kann langfristig der Gesundheit gedient werden.

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.

Was geht rum? 09. März 2018

In der letzten Woche haben die Pollen nochmals deutlich zugelegt. Im Südwesten blieb der Haselpollenflug bedeutsam, während die Erlenpollen einen fulminanten Start mit sehr hohen Pollenzahlen hinlegten. Manche Kinder und Jugendliche sind dadurch sofort vom Infekt in die Allergie gerutscht. Für die kommenden Tage gilt: Keine Sorge, das Wetter soll wechselhafter werden und die Pollenallergiker können sich vorerst mal entspannt zurücklegen.

Die Grippewelle belästigt noch immer viele Menschen. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Neuerkrankungen gegenüber der letzten Februarwoche um knapp 10% auf nunmehr 2474 Neuerkrankungen zurückgegangen. Damit sind bislang in diesem Jahr etwa halb so viele Menschen an Influenza erkrankt wie noch im letzten Jahr. Für die Noroviren liegen die Neuerkrankungen mit zuletzt 478 Meldungen pro Woche weiterhin hoch. Rotavirusausbrüche werden aus 12 Kindertagesstätten gemeldet.

Während manche Regionen noch von der Influenza beherrscht werden, ist es in anderen Regionen das RS-Virus, was den Kindern zusetzt. Betroffen sind hiervon meist Kinder unter 2 Jahren und ganz besonders Säuglinge, die durch eine Entzündung der kleinsten Bronchien – Bronchiolitis – in eine heftige Atemnot geraten. Gerade in den ersten Lebensmonaten sind für Kinder oft stationäre Behandlungen erforderlich.

Was geht in der Welt rum? Das Hauptthema des praxisblättle sind in dieser Woche die Masern. Laut einer Veröffentlichung der UNICEF sind aktuell nicht nur Madagaskar, sondern auch Brasilien und die Philippinen betroffen. Dort sind in diesem Jahr 12736 Menschen betroffen mit einer Tödlichkeit von 1,6% (203 Todesfälle). Noch schlimmer trifft es gerade die Ukraine, wo im letzten Jahr 35120 Menschen erkrankten. Sogar aus den USA, bislang immer Vorreiter beim Bemühen, die Masern auszumerzen, melden einen Ausbruch mit 70 Erkrankungen im Clark County im Staate Washington. Es zeigt, wie bedeutsam die Impfung gegen Masern bei Reisen in die Welt ist. Insbesondere auch deshalb, weil diese Erkrankung eine enorme Ansteckung hat. Bereits nach kürzestem Kontakt werden Masern ausgelöst.

Wenn Lehrer in Stress kommen: Chronisch kranke Kinder

In der Schule arbeiten nicht nur Lehrer. Schon immer gibt es Hausmeister, Reinigungspersonal und seit einigen Jahren auch Sozialarbeiter und Psychologen. Was es in aller Regel noch nicht gibt: Schulgesundheitsfachkräfte. Also spezialisierte Fachkräfte, die Kindern und Jugendlichen in Sachen Gesundheit zur Seite stehen.

„Ich habe Bauchweh“. Diese Aussage führt Kinder meist ins sog. Krankenzimmer. Dort werden sie nach kurzer Betreuung von den Eltern abgeholt oder – wenn es ganz dringend ist – auch mal vom Lehrer zum Kinder- und Jugendarzt gebracht. Politisch gut geregelt ist das nicht unbedingt.

Praktisch keine Hilfe steht bereit, wenn chronisch kranke Kinder und Jugendliche Unterstützung brauchen. So vertritt das Kultusministerium in Baden-Württemberg den Standpunkt, dass für eine medizinische Assistenz die Krankenkassen in der Pflicht seien. Diese wiederum zeigen sich in aller Regel zugeknöpft, wenn es um die Erstattung von Extrakosten geht, die durch ausgebildete Kräfte vor Ort in der Schule erbracht werden müssen.

Aber das Gesundheitswesen hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Heute wird eine einfache Lungenentzündung (Bronchopneumonie) mit Unterstützung des niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes zuhause behandelt. Das dauert meist um die drei Tage. Die gleiche Krankheit führte vor 50 Jahren noch zu einem Krankenhausaufenthalt mit Isolation für mehrere Wochen. Eltern durften vom Balkon des Krankenhauses durch die Fenster ihre Kinder sehen, sie konnten an die Scheiben klopfen, aber sie nicht in den Arm nehmen.

Das ist heute anders, weil Eltern Assistenzaufgaben übernommen haben. Heute haben alle Eltern gute Grundkenntnisse in der Medizin und der Arzt kann sich darauf verlassen, dass sie die Therapie – grosso modo – zuhause entsprechend gut durchführen.

Hinzu kommt, dass die medizinische Therapie erheblich komplexer wurde. Das erleichtert das Leben von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus, Epilepsie oder Asthma bronchiale erheblich. Andererseits verlangt es aber auch eine exakte und oftmals aufwendige Mitarbeit Dritter, weil ansonsten schwere Krankheit mit Krankenhausaufenthalt drohen.

Und jetzt haben wir die Ganztagsschule mit dem Anspruch, dass die Schule für ein Drittel des Tages der Lebensmittelpunkt für Kinder ist. In dieser Situation muss die Schule auch die Aufgaben übernehmen, die Eltern sonst zu Hause erfüllen. Eine Rückstufung der Schüler in spezielle Förderschulen wäre hier eine Diskriminierung und würde die Laufbahn des Kindes oder Jugendlichen gefährden. Trotz allem kommt so etwas auch heute noch vor. Die Lehrer sehen diesen Widerspruch klar und lösen die Problematik, indem sie kurzerhand auch medizinische Aufgaben übernehmen. Damit kommen sie aber in juristische Grauzonen und fühlen sich darüber hinaus überfordert, weil ihnen für diese medizinische Aufgabe die Ausbildung fehlt. Dabei geht es oft nicht nur um eine Tablette (die regelmäßig verabreicht werden muss), sondern auch um eine Notfallspritze, die beispielsweise ein Kind mit einer schweren Nussallergie im allergischen Notfall schnell braucht.

Im Moment ist gerade in Baden-Württemberg noch keine umfassende Regelung gefunden. Für Eltern bleibt damit die Aufgabe, bei den verschiedenen chronischen Erkrankungen mit dem jeweiligen Lehrer Kontakt aufzunehmen und um Unterstützung zu bitten:

  • Bei Kindern mit Diabetes mellitus: Dass man ihnen einen Rückzugsort für die Durchführung der Blutzuckermessung und der Injektion der Insulindosis gewährt.
  • Bei Asthma bronchiale: Dass der Lehrer kurz nachfragt, ob vor akuter Belastung im Sport das Notfallspray inhaliert wurde.
  • Bei schweren Allergien: Dass der Lehrer bereit ist, an einer Kurzschulung beim Kinder- und Jugendarzt teilzunehmen, um im Notfall im Umgang mit dem Adrenalin-Injektor sicher zu sein.
  • Bei Epilepsie: Dass das Notfallmedikament sicher (im Lehrerzimmer?) gelagert werden kann und alle Fachlehrer damit umzugehen wissen. 
  • Bei den vielen weiteren Erkrankungen wie Mukoviszidose werden die Anforderungen an die Schule nochmals höher und komplizierter.

Eine gute Zusammenarbeit von Eltern, Kinder- und Jugendarzt und Schule ist möglich. Sie erfordert aber einen erheblichen Aufwand aller Beteiligter und eine gute schriftliche Dokumentation der medizinischen Hilfsmaßnahmen.

Mit einer spezialisierten Schulgesundheitsfachkraft wären die differenzierten Aufgaben in guten Händen. Eltern und Lehrer sollten ihre Möglichkeiten nutzen, diese beim Kultusministerium einzufordern. „Wir sind ein reiches Land …..“ heißt es an dieser Stelle immer. Wichtiger ist aber, dass wir ethische Ansprüche an uns selbst haben müssten, damit unsere Kinder mit den speziellen Bedürfnissen ein weitgehend normales Leben führen können. Das wäre dann echte Inklusion – leider auch wieder so ein überstrapaziertes Wort.

Was geht rum? 19. Januar 2019

Abbildung 1. Pollenflugdaten der Haselpollen für Münsterlingen am Bodensee im Jahr 2018. Foto: Allergiezentrum Schweiz

Man mag es kaum glauben. Aber wie in jedem Jahr haben wir schon jetzt bei bestimmten Wetterlagen einen bedeutsamen Pollenflug. Der betrifft die Erlen- und Haselpollen. Im Moment fällt er eher noch gering aus. Das kann sich aber in den kommenden Wochen schnell ändern, wie die Pollenflugdaten für Münsterlingen (Schweiz) aus dem Jahre 2018 zeigen. Es macht also durchaus Sinn, wenn sich Allergiker für die kommenden Wochen darauf vorbereiten und bisher notwendige Notfallmedikamente vorrätig haben.

Sicherlich bedeutsamer bleiben für absehbare Zeit aber die Atemwegsinfektionen. Bisher sind die Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg hier noch glimpflich davongekommen. Die leichten Atemwegsinfektionen mit Halsschmerzen und Schnupfen haben sich in der abgelaufenen Woche fortgesetzt. Über die letzten Tage kamen Infektionen mit akut hohem Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und trockenem Husten dazu – vermutlich die Influenza („echte Grippe“). Genaue Daten über die Häufigkeit liegen naturgemäß noch nicht vor.

Was geht in der Welt rum? Wieder einmal zeigt sich das Dengue-Fieber in vielen tropischen Ländern als sehr aktiv. Waren es in Jamaika im gesamten letzten Jahr 708 Erkrankungen, zählen Malaysia bereits in den ersten 2 Wochen des Jahres 6.246 und Sri Lanka 45.701 erkrankte Personen. Andere Länder Asiens melden vergleichbare Häufigkeiten. Für Touristen ist ein effektiver Mückenschutz tagsüber und in den frühen Abendstunden wichtig. Also zu den Zeiten, in denen die übertragende Tigermücke aktiv ist. Dies ist am effektivsten mit DEET möglich. Eine Übersicht der verschiedenen Mittel findet sich im praxisblättle hier.

Die Masern in Madagaskar sind weiter auf dem Vormarsch. Inzwischen liegt eine offizielle Meldung der WHO (Beitrag in englischer Sprache) vor, die sich auf die Informationen bis zum 7. Januar 2018 beziehen. Die Leser des praxisblättle sind ja schon seit längerem informiert. Nach den Zahlen der WHO kommt es zu einem Todesfall unter 501 Erkrankten. Diese Rate ist auch so hoch, weil die Mehrzahl der Kinder in Madagaskar von chronischer Unterernährung betroffen sind. Das ist ziemlich unbekannt weil es keine medienwirksamen Schreckensbilder bringt, ist aber so etwas wie eine Dauerkatastrophe. Und die hat viele Folgen. Eine davon ist, dass diese Kinder keine genügende Abwehr aufbringen um die Masern zu besiegen. In Deutschland liegt die Sterblichkeitsrate bei Masern um das dreifache niedriger. Das ist schlimm genug. Aber: Impfen hilft gut. Besonders, wenn über 90% der Bevölkerung sicher geimpft ist.

Neurodermitis

Die Neurodermitis (auch atopische Dermatitis, atopisches Ekzem, endogenes Ekzem genannt) ist eine chronische, nicht ansteckende Hauterkrankung, die meistens schon im Kindesalter auftritt.

Viele Faktoren prägen diese Erkrankung. Im Zentrum stehen ein Störung der Architektur der Haut, eine Fehlregulation der Abwehr in der Haut sowie eine Veränderung der Besiedlung der Haut mit Keimen. Auslöser hierfür sind verschiedene genetische Varianten, die z.B. über die Bildung eines fehlerhaften Fillagrins (ein wichtiges Eiweiß in der Haut, das für die Vernetzung der Haut bedeutsam ist) dazu führen, dass die Haut an Stabilität verliert und weniger Wasser halten kann. Somit ist die Haut trockener als es günstig wäre. Das macht die Haut insgesamt auch durchlässiger, so dass unerwünschte Stoffe in den Körper eindringen können. Hierdurch wird das Auftreten von Allergien begünstigt.

Oftmals wird Neurodermitis mit Allergie gleichgesetzt. Das ist ein Mythos. Aber: Die Strukturprobleme in der Haut sowie die veränderte Haut-Immunologie erleichtern möglichen allergischen Substanzen wie Nahrungsmitteln leichter in die Haut einzudringen. In der Folge treten gerade bei schweren Formen der Neurodermitis auch häufiger Nahrungsmittelallergien auf. Diese sind aber fast nie die Ursache der Erkrankung, sondern deren Folge.

Typisch für das atopische Ekzem – diesen Begriff verwendet die Medizin heute bevorzugt – ist eine trockene Haut. Dadurch wird ein Juckreiz ausgelöst, in dessen Folge durch Kratzen sich die Haut entzündet. Dies verstärkt wiederum die Schädigung der Haut und somit den Juckreiz, was vielfältige Folgen für das eingeschränkte Wohlbefinden und die Haut hat.

Diesen Teufelskreis von trockener Haut – Juckreiz – Kratzen – verstärkte Schädigung der Haut zu verhindern steht im Zentrum der Therapie. Um ihn grundsätzlich zu vermeiden, wird deswegen eine regelmäßige Hautpflege empfohlen. Eine ergänzende medikamentöse Therapie ist nur erforderlich, wenn durch Komplikationen Bezirke der Haut entzündet sind.

Welche Pflegemaßnahmen sind sinnvoll?

Es gibt ein Bündel von Maßnahmen, deren Ziel es letztlich ist, die Feuchtigkeit der Haut zu verbessern und hierdurch auch die Integrität der Haut. Dadurch spielt der Juckreiz eine geringere Rolle und Komplikationen aller Art sind seltener. Jeder Betroffene findet selbst heraus, was besonders günstig ist, welche Creme/ Salbe besser vertragen wird und was für den Betroffenen selbst weniger wichtig ist.

  • Reinigung der Haut ist wichtig. Sie sollte wenn möglich mit pH-neutralen Waschmittel erfolgen.  Hiedurch wird die Belastung mit Keimen verringert. Die feuchte Haut wird danach eher abgetupft als abgerieben.
  • Duschen ist häufig besser als Baden.
  • Badezusätze sind nicht erforderlich
  • Regelmäßige Rückfettung der Haut ist wichtig. Salben und Cremes sollten dabei immer dünn aufgetragen und wohlig eingerieben werden.
  • Als Kleidung eignet sich solche aus Baumwolle am besten. Schafwolle ist meist nicht günstig und oft kratzig-unangenehm. Synthetische Materialien können reiben und Reizungen der Haut verursachen (z.B. Leggins).

Welche Umgebungsfaktoren sind zu beachten?

Die Haut ist unser Grenzorgan zur umgebenden Welt. Sie ist der Umwelt immer ausgesetzt. Es ist folgerichtig sinnvoll, auch hier einige Dinge zu beachten.

  • Rauchfreie Umgebung – in der Wohnung sollte nicht geraucht werden
  • Felltragende Haustiere führen zu vermehrter Reizung der Haut
  • Bei Waschmitteln sollten solche ohne optische Aufheller verwendet werden. Weichspüler sind für einige Betroffene günstig, weil sie die Wäsche flauschig machen.
  • Schwimmbad– und Saunabesuche sind oft günstig. Wichtig ist aber, die Haut vor dem Verlassen des Schwimmbades zu cremen.

Und die Ernährung?

Kurz gesagt. Sie spielt für Kinder- und Jugendliche mit Neurodermitis so lange keine Rolle, wie keine Allergie bekannt ist. Nahrungsmittelallergien sind bei leichter Neurodermitis ebenso häufig wie bei gesunden Säuglingen und Kleinkindern (etwa 2-6% aller Säuglinge und Kleinkinder). Bei ausgeprägter Neurodermitis ist das Risiko einer Allergie höher.

Den großen Markt von Nahrungsergänzungsmitteln sollte man meiden. Sie sind für alle Beteiligten ein gutes Geschäft – ohne sachliche Grundlage. Dies hat eine Übersichtsarbeit (Cochrane Review) durch Fiona Bath-Hextall und Mitarbeiter nochmals deutlich gemacht.