Schlagwort: Allergie

Nuss-Allergien bei Kinder immer häufiger

Wenn das Thema Allergie es bis in die Schlagzeilen des Economist schafft, dann ist offensichtlich was los. The Economist ist eine sehr seriöse britische Wochenzeitung mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Politik. Es kommt also selten vor, dass sie sich um ein medizinisches Thema kümmert.

Entwicklung von Allergien gegen Nüsse im Kindesalter. LINKS Notaufnahmen in US-Kliniken wegen allergischer Reaktion RECHTS Darstellung der Häufigkeit von Erdnussallergien in Prozent des Geburtsjahrgangs. Foto: The Economist

Wie die Grafik (links) zeigt nehmen schwere allergische Reaktionen („Anaphylaxie„) gegen Nahrungsmittel wie Milch oder Ei in den USA seit etwa 15 Jahren nur langsam zu. Demgegenüber steigt die Zahl der Notfälle mit Atemnot und Hautschwellungen seit 10 Jahren für viele Nüsse dramatisch an.

Für Deutschland stellt sich die Situation – noch? – anders dar. Hier ist die Erdnuss nur teilweise im Ernährungsplan angekommen und die Allergien gegen dieses Allergen sind vergleichsweise gering, wenn man die Häufigkeiten mit denen der USA oder Israel vergleicht. Aber auch bei uns zeigt sich ein Trend zu häufigeren Allergien gegen Nuss-Allergene.

Fast zeitgleich kam von der Gesellschaft Pädiatrische Allergologie (GPA) ein Elternratgeber zu den Baumnussallergien heraus. Darin sind die momentan wichtigsten Informationen für Kinder und Jugendliche in Deutschland übersichtlich zusammengefasst.

Bald gibt es vielleicht neue Möglichkeiten der Behandlung. In den USA zeigte die Studie eines neuen Typs einer oralen Hyposensibilisierung, dass Betroffene bereits nach einer 6-monatigen Therapie mit AR101 (Palforzia©) – so heißt die Therapie – mehrheitlich 600 mg Erdnussallergen vertragen. Das sind immerhin zwei Nüsse pro Tag – eine ganze Menge für jemanden, der zuvor schon bei Geruch von Erdnuss erste Symptome durchmachte. In den USA erwartet man die Zulassung für Anfang kommenden Jahres.

Allergie gegen Hausstaubmilben

Hausstaubmilben haben wenig Freunde in der Welt. Schon das Aussehen stößt bei Menschen auf wenig Gegenliebe, ihre acht Beine tun ein Übriges. Sie gehören zu den Spinnentieren und kommen in etwa 50 Arten vor.

Ursprünglich waren die Hausstaubmilben Mitbewohner von Vogelnestern. Inzwischen haben viele die Nähe zu den Menschen als angenehmer entdeckt. Dort gibt es neben den angenehmen Temperaturen (am besten um die 27 Grad Celsius) und der höheren Luftfeuchtigkeit auch genügend Nahrung. Die Hautschuppen sind zumindest für die Art Dermatophagoides pteronyssinus die Lieblingsspeise. In Deutsch übersetzt heißt der Name dieser Art übrigens schlicht: Hautfresser. Sie ist die wichtigste Milbe in unserem Hausstaub.

TAE Platts-Mills Foto: factor.niehs.nih.gov

Ihre Bedeutung in Bezug auf Allergien wurde 1978 durch Prof. Tom Platts-Mills erkannt, dem es gelang das erste Milbenallergen zu identifizieren. Damit war der Weg frei, um den von der Hausstaubmilben-Allergie betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie Erwachsenen gezielter helfen zu können.

Wesentlicher Bestandteil der Therapie ist seither die sog. Sanierung. Dabei werden für die Milben mithilfe eines Bündels von Maßnahmen schlechtere Lebensbedingungen geschaffen. Da Hausstaubmilben sehr zäh sind, überleben einige aber auch das. Die Anzahl der Spinnentierchen im Haushalt kann jedoch soweit gesenkt werden, dass vielen betroffenen Allergikern ohne Einnahme eines Medikaments die Beschwerden genommen werden.

Kürzlich kam von der Gesellschaft Pädiatrische Allergologie (GPA) ein Elternratgeber zur Hausstaubmilbenallergie heraus, in dem die einzelnen Maßnahmen nochmals zusammengefasst sind.

Zöliakie

Die Zöliakie ist eine chronische Erkrankung, die durch eine Unverträglichkeit von Gluten – früher auch häufiger Kleber genannt – ausgelöst wird. Als Gluten wird eine Mischung von Eiweißen (Proteinen) in gewissen Getreidesorten bezeichnet. Die Zöliakie wird also durch den Verzehr von Getreide und Getreideprodukten ausgelöst.

Die Ursache für die Unverträglichkeit liegt im Zusammenspiel einer allergischen Reaktion des Darmes mit einer Autoimmunerkrankung. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Erkrankung mehr ist als eine Erkrankung des Darmes; auch andere Organe sind betroffen. Als auslösende Getreide gelten: Gerste, Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Grünkern. Unproblematisch sind Reis, Mais, Hirse, Teff (Grundlage für Injera, ein äthiopisches Fladenbrot). Buchweizen und Quinoa (das Grundnahrungsmittel in der Andenregion) werden ebenfalls gut vertragen, sind auch biologisch betrachte keine Getreide.

Die Häufigkeit der Erkrankung hat über die letzten Jahrzehnte zugenommen. Zugenommen hat infolge deutlich verbesserter Diagnostik auch die Zahl der aufgedeckten Erkrankungen. Neben den typischen Krankheitsbildern (siehe unten) gibt es Verlaufsformen mit geringen oder auch fehlenden Symptomen. Die Zöliakie beginnt häufig im Kinderalter und betrifft mehr Mädchen als Jungen. Je nach Region liegt die Häufigkeit bei 1-3% in Europa. Bei einigen Grundkrankheiten ist das Risiko eine Zöliakie zu entwickeln um bis zu 5-10% erhöht: Diabetes mellitus, Autoimmunthyreoiditis, Trisomie 21, Turner-Syndrom, Williams-Beuren-Syndrom, selektivem IgA-Mangel und Autoimmunhepatitis. Es besteht ein erhöhtes familiäres Risiko.

Neben der Zöliakie gibt es auch eine Weizenallergie, die recht häufig ist. Hierbei besteht eine Allergie gegen Gluten + Weizenproteine. Als dritte Variante gibt es auch eine  Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität, die wissenschaftlich noch umstritten ist. Welche dieser Erkrankungen vorliegt kann der spezialisierte Arzt mit verschiedenen diagnostischen Tests herausfiltern.

Symptome

Bei klassischen Verläufen stehen im Kindesalter die Gedeihstörungen nach Einführung getreidehaltiger Nahrungsmittel am Anfang. Meist kommt es parallel zu Durchfällen (Verstopfung ist aber auch möglich!). Die große Stuhlmenge passt nicht zu der Menge an Nahrung, die das Kind aufnimmt. Die Stühle sind fettig. Viele Eltern berichten, dass ihr Kind zunehmend lustlos und missmutig wurde. Die Lebenslust und Vitalität geht zurück. Beim Zahnarzt fallen manchmal typische Zahnschmelzdefekte auf.

Diese Symptome treten beim Jugendlichen meist deutlich abgeschwächt auf, zumal in diesem Alter Stimmungsschwankungen auch hormonell erklärbar sind.

Diagnosestellung

Typische Darmschleimhaut bei Zöliakie. Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Celiac_disease_-_high_mag.jpg

In den letzten Jahrzehnten war die Diagnose nur mit Hilfe einer Biopsie (Entnahme eines kleinen Stückes Dünndarm) möglich. Diese wurde im Stadium der Erkrankung sowie nach Besserung unter Diät ein zweites Mal durchgeführt. Das Bild der Darmschleimhaut ist typisch und zeigt einen hohen Anteil an Entzündungszellen (T-Lymphozyten).

Inzwischen können verschiedene Laborwerte aus dem Blut – inklusive von genetischen Merkmalen (HLA-DQ2/DQ8) – die Diagnose einer Zöliakie in vielen Fällen bestätigen, so dass die eingreifende Untersuchung der Darmschleimhaut nur noch selten erforderlich ist.

Therapie

Die gute Nachricht ist, dass die Zöliakie mit einer glutenfreien Diät sicher behandelbar ist. Die schlechte Nachricht: dieses Diät ist nicht ganz einfach und verlangt im Alltag von den Betroffenen sehr viel ab. Das beginnt bei der Kennzeichnung der Nahrungsmittel (ist wirklich kein Gluten enthalten?) und reicht bis zum sozialen Druck, der sich beim „gemütlichen Bier“ am Abend bei Jugendlichen ergeben kann.

Eine konsequente Therapie ist von entscheidender Bedeutung. Dadurch kann in erster Linie komplette Beschwerdefreiheit erzielt werden. Bei nicht konsequenter Diät bleibt die Entzündung im Darm in einem gewissen Maße bestehen. Dies kann vielfältige Folgen haben:

  • Die Aufnahme von Nährstoffen ist eingeschränkt. Wenn zu wenig Eisen aufgenommen wird, kommt es über kurz oder lang zu einer Blutarmut (Eisenmangelanämie). In Bezug auf die verminderte Aufnahme von Calcium kann eine Osteoporose die Folge sein.
  • Über Jahrzehnte steigt bei bestehender chronischer Entzündung das Risiko für die Entwicklung eines Darmkrebses.
  • So wie einige Autoimmunerkrankungen (siehe oben; z.B. Diabetes mellitus) das Risiko für die Entwicklung einer Zöliakie steigern, so kann die nicht ausreichend therapierte Zöliakie auch das Risiko für die Entwicklung einer Autoimmunerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus; Hashimoto-Thyreoiditis) darstellen.
  • Bei nicht ausreichend konsequenter Diät ist auch das Risiko für eine Verminderung der Fruchtbarkeit (Fertilitätsstörung) erhöht. So soll bei unklarer Unfruchtbarkeit die Ursache in 8% eine unbekannte oder nicht ausreichend behandelte Zöliakie sein.

Die Zöliakie ist eine lebensverändernde Krankheit. Ihre Behandlung besteht in einer lebenslangen gluten-freien Diät, die hohe Anforderungen im Alltag stellt. Dadurch können aber schwere Folgeerkrankungen verhindert werden.

Die Diagnose der Zöliakie wird in aller Regel durch den Kinder- und Jugendarzt in Kooperation mit Kinder-Gastroenterologen gestellt. Ist die Diagnose klar, steht die Ernährungsberatung an, die durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte erfolgt. Für den Alltag ist die Unterstützung durch andere betroffene Familien ganz entscheidend. Hierfür ist die Kontaktaufnahme mit der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. ein wichtiger Türöffner.

👓 plupp 02: Allergie

Anteil der Kinder in Deutschland, die von Asthma betroffen sind, in Prozent 1………………… 6,3%
Anteil der Kinder in Australien, die von einem Asthma betroffen sind, in Prozent 2…………….. 20,8%
Anteil der Kinder in Deutschland, die von Heuschnupfen betroffen sind, in Prozent…………. 10,7%
Anteil der Kinder in Australien, die von Heuschnupfen betroffen sind, in Prozent 3……………. 47,7%
Anteil der Kinder in Deutschland, die von Neurodermitis betroffen sind, in Prozent ………….. 13.2%
Anteil der Kinder in Australien, die von Neurodermitis betroffen sind, in Prozent 3…………….. 22,5%
Anzahl der Kinder, die an allergischem Schnupfen leiden (Prävalenz), in Deutschland.. 1.000.000
Direkte Kosten (Medikamente, Arzt u.a.) pro Kind in Deutschland, pro Jahr 600 €
Indirekte Kosten (Arbeitsausfall Eltern u.a.) pro Kind in Deutschland pro Jahr 800 €
Anzahl der Kinder, die an Asthma bronchiale leiden (Prävalenz), in Deutschland. 500.000
Direkte Kosten (Medikamente, Arzt u.a.) pro Kind in Deutschland im Jahr 2000 4 1089 €
Direkte Kosten (Medikamente, Arzt u.a.) pro Kind in den USA pro Jahr (2008-2013) 5 1537 €
Anzahl der Kinder, die an Neurodermitis leiden (Prävalenz), in Deutschland. 2.000.000
Direkte Kosten (Medikamente, Arzt u.a.) pro Kind in Deutschland, pro Jahr 2.200 €
Indirekte Kosten (Arbeitsausfall Eltern u.a.) pro Kind in Deutschland pro Jahr 1.200 €
In einer Praxis niedergelassene Kinder- und Jugendärzte in Deutschland im Jahr 2017 7357
In einer Praxis allergologisch tätige Kinderärzte in Deutschland im Jahre 2017 500
In einer Praxis allergologisch tätige Kinder-Lungenärzte in Deutschland im Jahre 2017 33

1  Lebenszeitprävalenz; Daten der KIGG-Studie des Robert-Koch-Instituts

2 e National Health Survey (NHS) 2004–05

3 International Study of Asthma and Allergies in Childhood: Alter 13-14 Jahre, Kategorie „ever“

4 Ältere Studiendaten, die zwischen 1999 und 2000 erhoben wurden: Schramm B, Ehlken B, Smala A, Quednau K, Berger K, Nowak D.: Cost of illness of atopic asthma and seasonal allergic rhinitis in Germany: 1-yr retrospective study., ERJ, 2003

, and : The Economic Burden of Asthma in the United States, 2008–2013,Annals of the American Thoracic Society, 2017

}

Abbildung 1. Drei-geteiltes Europa der Allergie-Experten. In den meisten Ländern ist der Allergologe als vollwertiger Facharzt anerkannt (grün), in anderen wie in Deutschland teilweise als „Subspezialist“ (gelb). Es gibt aber auch Länder, die keine Allergie-Spezialsten vorweisen können (rot). Foto: aus Publikation von N. Fyhrquist, T. Werfel, […], and R. Gerth van Wijk, 2019

Was geht rum? 20. April 2019

Der Frühling ist da. Angenehme Temperaturen, zwitschernde Vögel, bunte Vielfalt an Blumen. Aber nicht nur die Blumen blühen, sondern auch Allergie auslösende Gräser, Büsche und Bäume. Und nicht zu vergessen die Zecken. Sie kommen zu voller Aktivität. In dieser Hinsicht haben sich seit letzter Woche keine grundlegenden Änderungen ergeben. Nur sind Pollen und Zecken noch aktiver als zuvor.

Abbildung 1. Flug der Birkenpollen im März und April 2019 (schwarze Balken) gegenüber dem langjährigen Durchschnitt (graue Fläche). Foto: pollenundallergie.ch

Was beim Ganzen oft in den Hintergrund gerät: die Sonne. Sie wärmt so herrlich und tut der Seele so gut. Aber, sie hat schon jetzt eine enorme Kraft. Für uns und unsere Kinder müssen wir also auch an den Sonnenschutz denken. Immerhin ist die Sonne heute so stark wie am 20. August, also mitten in den Sommerferien. Jetzt sind die Temperaturen halt angenehmer. Wie Sonnenschutz gut umsetzbar ist, finden Sie hier.

Abbildung 2: Praxisindex für Atemwegserkrankungen. Die rote Kurve (Saison 2018/2019) hat wie in den Vorjahren fast das Normalniveau wieder unterschritten. Die Infektwelle ist vorbei. Foto: AG Influenza

So bunt wie die Natur im April ist auch das Spektrum an Infektionskrankheiten. Die Grippe (Influenza) hat sich nahezu verabschiedet. Mit Ihr auch die anderen Infekte, wie die Abbildung 2 zeigt, ging der Praxisindex – er vermittelt die Veränderung bei den Atemwegserkrankungen – deutlich unter das Normalniveau zurück. Die Infektwelle ist zu Ende.

Die Zahl der Rotavirusinfektionen nimmt ebenfalls wieder ab. Weiterhin treten jedoch die einfachen Luftwegsinfekte auf, die selten von Mittelohrentzündungen oder Lungenentzündungen begleitet sind. Streptokokkeninfektionen sowie vereinzelt Scharlach sind noch immer zu beobachten.

Was geht in der Welt rum? Mit Frankreich verbindet uns Deutsche ja eine enge Kooperation und Freundschaft. Leider sind wir auch bei den Masern auf einer Linie. In diesem Jahr sind in Frankreich bereits 573 Menschen daran erkrankt. Ganz besonders viele im Wintersportort Val Thorens (Region Auvergne-Rhône-Alpes) mit 53 Erkrankungen. Dort leben nur 800 Einwohner – aber übers Jahr kommen 300.000 Touristen. Die sollten sich vorher über den Stand ihrer Impfungen gute Gedanken machen.

Ich wünsche Ihnen frohe Osterfeiertage.

Eine App für Pollen-Allergiker

Mit dem Frühlingsbeginn in dieser Woche werden in Baden-Württemberg täglich mehr Menschen von Pollenallergie geplagt. Je nach Höhenlage sind entweder die Birkenpollen (eher in mittlerern Lagen) oder gar schon die Gräserpollen (Oberrhein) bedeutsam vertreten.

Vor ziemlich genau 20 Jahren wurde in Zusammenarbeit mit der WHO die ARIA-Initiative von Experten ins Leben gerufen: Allergic Rhinitis and Its Impact on Asthma (ARIA) befasst sich seither wissenschaftlich mit dem allergischen Schnupfen und seinen Auswirkungen auf das Asthma. Die internationalen Experten von ARIA haben über die letzten Jahrzehnte viele Schritte in der weltweiten Harmonisierung von Diagnostik und Therapie von Allergien in die Wege geleitet.

Rechtzeitig sind nun im März 2019 im Journal of Allergy and Clinical Immunology (JACI) die neuen Schritte der ARIA  (Phase 4) veröffentlicht worden. Darin wird auch eine neue App vorgestellt, die über die letzten Jahre entwickelt in in einem Pilotversuch getestet wurde.

Wo gibt es mehr Informationen über die App? Allergy Diary

Abbildung 1: Allergy Diary App. Foto: allergydiary.com

Die anonymisierte App kann momentan in 23 Ländern (16 EU-Länder, Schweiz, Türkei, Argentinien, Australien, Brasilien, Kanada, Mexiko) in 17 Sprachen genutzt werden. Bislang sind Informationen zum Asthma noch nicht implementiert. Dies ist aber geplant. Ein wichtiges Tool für alle Allergiker – gerade auch für Jugendliche, die mit dieser App mehr Informationen über ihre Allergie sammeln können. Damit kann der Allergologe später eine gezieltere Therapie ansetzen.

Was geht rum? 13. April 2019

Eine unspektakuläre Woche geht zu Ende. Die Pollen hatten trotz kühler Temperaturen immer wieder Chancen ihre Power auszuspielen. Die Birkenpollen haben bereits die höheren Lagen erreicht, während am Oberrhein leicht geringere Werte als in der Vorwoche gemessen wurden. Inzwischen sind auch die ersten Gräserpollen – in geringem Umfang – in den Lüften  unterwegs.

Abbildung 1. Meldezahlen für Rotavirusinfektionen beim RKI für die Jahre 2010 bis 2015. Foto: Docplayer

Nach den vielen Atemwegserkrankungen des Winters haben jetzt die Magen-Darm-Infektionen an Bedeutung gewonnen. Die Rotavirus-Infektionen haben landesweit in der ersten Aprilwoche um 101 Neuerkrankungen auf zuletzt 656 Infektionen im laufenden Jahr (Vorjahr: 383) zugenommen. Das erstaunt nicht, da im jährlichen Rhythmus um diese Jahreszeit die Zahl der Rotavirus-Infektionen ihren Höhepunkt erreicht (siehe Abbildung 1). Die Rotaviren sind weltweit die häufigsten Erreger einer Darminfektion bei Säuglingen und Kleinkindern.

Trotz allem gibt es noch Luftwegsinfekte, ganz vereinzelt kommt sogar Influenza bei Kindern und Jugendlichen vor. Daneben Streptokokkeninfektionen und weiterhin einzelne Erkrankungen an Drei-Tage-Fieber. Insgesamt also ein bunter Reigen von Krankheiten, bei jedoch niedrigen Erkrankungszahlen.

Nach einigen kalten Tagen werden die Temperaturen ab Montag wieder anziehen. Das wird die Zecken flügge machen. In den kommenden Wochen ist es ratsam, Kinder abends auf diese Tiere zu untersuchen. Zecken verkriechen sich oft in kuschelige Ecken. Also unbedingt in den Nabel schauen, hinter die Ohren, in Gelenkbeugen (Ellenbeuge, Kniekehle, Achsel) und auch im Genitalbereich. Für Erwachsene gilt natürlich das gleiche.

Was geht in der Welt rum? Das Dengue-Fieber hat weitere Urlaubsziele erreicht. Auf den Malediven wurden seit Jahresbeginn 1300 Infektionen registriert, auch in Singapur sind in diesem Jahr 2332 Menschen neu erkrankt. Und das, obwohl der Stadtstaat so viel Wert auf Sauberkeit legt. Die übertragenden Mücken hält es nicht davon ab, Menschen tagsüber zu stechen. Also auch hier: Mückenschutz ist immer auch tagsüber ratsam!

Allergiker in der Familie: Welche Pflanzen im Garten sind erlaubt?

Die Pollenzeit hat auch in diesem Jahr bereits im Januar begonnen. Inzwischen haben sich zu den Haselpollen vielerorts auch die Birkenpollen gesellt. Damit ist die Gruppe der betroffenen Allergiker nun viel größer. Denn die Birke zählt neben den Gräsern zu den bedeutendsten Allergenen in Baden-Württemberg.

In den Praxen kommt damit öfter die Frage auf: „Welche Pflanzen dürfen wir eigentlich im Garten haben, ohne unserem allergischen Kind zu schaden?“. Hierbei sollten einige Umweltfaktoren bedacht werden.

Pollen sind je nach Pflanzenart unterschiedlich aufgebaut. Dementsprechend ändert sich auch deren Flugverhalten. So können viele Pollenarten wie die Birkenpollen bei günstigen Winden über Strecken von über 500 Kilometer fliegen. Andere Pollen – besonders die vieler Nadelbäume oder auch Raps – sind so schwer, dass sie nur in einem eng umgrenzten Raum von wenigen Metern für den Menschen bedeutsam sind.

Fazit: Einzelne Pollen können extrem weit fliegen. Diesen kann man sich nicht entziehen, wohl aber die Belastung verringern, wenn sie nicht im eigenen Garten wachsen. Andere Pollen fliegen schlecht. So zum Beispiel die Pollen der Kiefer, die 56-84 µm groß (Birke: 16-31 µm) und somit auch schwer sind. Die Pollen des Raps werden meist von den Bienen mit Honig benetzt und verkleben, so dass sie allenfalls 10 Meter weit fliegen.

Der Klimawandel hat sich in den letzten Jahrzehnten auf den Pollenflug ausgewirkt. Die Gräserpollen fliegen 11 Tage, die Haselpollen gar 21 Tage früher im Jahr als noch im Jahre 1980. Dies ist durch die veränderten Temperaturen bedingt.

Fazit: Die Pollenflugzeiten beginnen Mitte Januar und reichen (am Oberrhein) bis in den Dezember. Pollenallergien werden unsere Kinder bald ganzjährig begleiten.

Aber auch das Kohlenstoffdioxid (CO2) wirkt sich aus. Kohlenstoffdioxid regt das Wachstum von Pflanzen an. So wurde zuletzt in den USA durch Jennifer Albertine und Mitarbeiter von der Harvard University nachgewiesen, dass hierdurch die Konzentration der Gräserpollen um etwa 50% in den letzten Jahren angestiegen ist. Dieser Anstieg wird durch Ozon, das eher wachstumshemmend wirkt, kaum negativ beeinflusst.

Fazit: Wir müssen damit rechnen, dass der fortschreitende Klimawandel über Kohlenstoffdioxid das Wachstum der Pflanzen und mithin auch der Pollenkonzentrationen beschleunigt.

Die Pollenbelastung in Europa ist in den verschiedenen Ländern und Regionen Europas unterschiedlich. In Baden-Württemberg sind die Gräserpollen und die Birkenpollen die Hauptverursacher von Allergien. Weitere bedeutsame Pollen kommen von Eschen-, Hasel-, Erlen- und Beifuß. Pollen vom Traubenkraut  (Ambrosia) sind wegen ihrer Aggressivität besonders gefürchtet, spielen bislang zahlenmäßig aber noch eine untergeordnete Rolle.

Fazit: Schwerpunkt bei der Prävention von Pollenbelastungen sollte darauf liegen, die besonders relevanten Allergene im engeren Umfeld zu vermeiden:

  • keine Birken im eigenen Garten
  • der Rasen sollte immer recht kurz gehalten werden
  • eine natürlich Magerwiese ist im heimischen Garten nicht günstig

Es gibt keine Pflanzen, die rundum problemlos wären. Rosen können über die Stacheln verletzten, Goldregen ist hochgiftig. In Bezug auf die Pollenbelastung sollten im eigenen Garten idealerweise keine Haselsträucher und Birken stehen. Der Rasen sollte häufig gemäht werden, damit keine bedeutsame Gräserblüte entsteht.

Wenn’s juckt und man kratzen muss – Urtikaria

Einen Nesselausschlag hat wohl jeder schon erlebt, so er nicht ein Stubenhocker ist. Beim Spielen in der Natur streift man schnell mal eine Brennnessel und hat Quaddeln auf der Haut. In der Medizin nennen wir das eine Urtikaria.

Die Nesselsucht kommt zustande, wenn Histamin und andere Botenstoffe von den sog. Mastzellen freigesetzt werden. Histamin führt in der Haut zu einer Gefäßerweiterung und gesteigerter Gefäßdurchlässigkeit, so dass in der Folge eine Schwellung, also die Quaddel, entsteht, häufig umgeben von eine Rötung (Erythem).

Wann tritt eine Urtikaria auf?

Die Urtikaria kann akut auftreten. Tritt sie über einen Zeitraum von mehr als 6 Wochen auf spricht man in der Medizin von einer chronischen Urtikaria. Auslöser im Kindesalter können sein:

akut

  • im Rahmen von Infekten. Der Mechanismus ist bislang nicht sicher geklärt.
  • Medikamentenallergie: sehr selten
  • Nahrungsmittelallergie: eher selten, manchmal erstes Zeichen einer Milcheiweißallergie beim Säugling 

chronisch

  • chronisch spontane Urtikaria unklarer Ursache
  • physikalische Urtikaria durch Kratzen/ Reiben (Urticaria factitia), Kälte, Wärme, Licht
  • durch körperliche Anstrengung
  • durch erhöhte Körpertemperatur (bei Anstrengung/ Sauna/ Duschen) 
  • durch Kontakt mit Wasser 
  • Sonnenlicht

Wie sieht die Therapie aus?

Vor der Therapie steht immer eine exakte Diagnose. Das gilt auch für die Urtikaria. Leider gelingt es aber bei der chronischen Urtikaria in nahezu der Hälfte der Fälle nicht, den genauen Auslöser festzumachen.

Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung, hat die Urtikaria nur selten etwas mit Allergien zu tun. Kinder- und Jugendärzte mit dem Schwerpunkt Allergologie sind dennoch die besten Ansprechpartner, wenn es darum geht Zusammenhänge aufzudecken. Dabei können folgende sog. Triggerfaktoren die Nesselsucht auslösen und/oder am Laufen halten:

  • Autoimmunerkrankungen (insbesondere der Schilddrüse)
  • Einnahme von NSAID (Schmerzmedikamente wie Ibuprofen)
  • Infektionen: Mykoplasmen, Helicobacter pylori, Würmer
  • versteckte Allergene

Können solche Faktoren ausgemacht werden, besteht der erste Schritt darin, diese auszuschalten. Meist kommt es dadurch zum Abklingen der Nesselsucht.

Erst wenn diese Schritte durchlaufen wurden, macht eine medikamentöse Therapie Sinn. Details sind hier beschrieben (in Englisch).

  • Antihistaminika der 2. Generation: Cetirizin, Loratadin und andere.
  • Omalizumab (monoklonaler Antikörper; zugelassen ab 12 Jahren)

Die Urtikaria ist somit eine Diagnose, die sehr individuell („ganzheitlich“) aufgearbeitet werden muss. Die kurzfristige Einnahme von Arzneien (wie Antihistaminika) kann bei starkem Juckreiz sinnvoll sein. Mittelfristig sollte aber versucht werden, die Auslöser und Triggerfaktoren zu verstehen. Nur dann kann langfristig der Gesundheit gedient werden.

Erfolgreiche Immuntherapie bei Hausstaubmilbenallergie von Schulkindern nun auch mit Tropfen (SLIT)

Allergien sind seit Jahrzehnten eine wichtige Ursache chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Davon betroffen ist mehr als jedes 10. Kind. Unter den ganzjährig wirksamen Allergenen ist die Hausstaubmilbe führend.

Dieses kleinste Spinnen-Tierchen findet sich zu vielen Tausenden in jedem Bett eines Deutschen und löst an den Schleimhäuten von Nase und Bronchien eine dauerhafte Entzündung aus. Auch bei Kindern mit atopischem Ekzem vermag es die gestörte Hautbarriere zu durchdringen und zur allergischen Entzündung der Haut mit Juckreiz beizutragen.

Bisher ist die „Milbensanierung“ der wesentliche Grundstein, der Belastung mit den kleinen Biestern vorzubeugen. Damit kann allen Betroffenen – etwas – geholfen werden. Für die leichten Allergiker ist das oft ausreichend, für schwer Erkrankte leider nicht. Für sie gibt es als gut wirksame Therapie die spezifische Immuntherapie (SIT), die jedoch als Injektion in der ärztlichen Praxis erfolgen muss und von daher wegen des Zeitaufwandes und des Picks nicht unbedingt beliebt ist. Diese von vielen als Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung bezeichnete Therapie ist jedoch in allen Gruppen nachweislich wirksam.

Über die letzten 30 Jahre wurde versucht, von der Spritze (SIT) zu den Tropfen zu kommen. Das bedeutet, die Patienten nehmen das Allergen zur Immuntherapie in Tropfenform zu Hause zu sich. Der Weg zum Arzt und der Schmerz der Spritze fallen also weg. Diese sog. sublinguale Immuntherapie (SLIT) hat sich bei Erwachsene und Jugendlichen als affektiv und gut verträglich erwiesen, wenn sie denn regelmäßig genommen wird. Das funktioniert im Alltag leider nicht immer so gut.

Abbildung 1. Effekt der SLIT gegen Hausstaubmilbe in der Studie von K. Masuyama und Mitarbeitern, 2018. Foto: Allergy

Nach langen Jahren liegt nun endlich eine Studie vor, die belegt, dass diese SLIT bei Allergie gegen Hausstaubmilben auch bei Schulkindern (5-12 Jahre) wirksam ist. Keisuke Masuyama und Mitarbeiter untersuchten in ihrer Studie mit 458 Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren, welche Wirkung eine einjährige SLIT – also Immuntherapie mit Tropfen – gegen Hausstaubmilbe hatte. Und selbst in diesem sehr kurzen Zeitraum fanden sie sehr gute Resultate, wie die nebenstehende Graphik zeigt. Dementsprechend gingen in der Kindergruppe (5-12 Jahre) die Schnupfensymptome um 21% zurück, bei den Jugendlichen (12-17 Jahre) sogar um 26%.

Ein sehr ermutigendes Ergebnis. Wie in der Wissenschaft üblich werden weitere Studien in den kommenden Jahren versuchen, diese Ergebnisse nachzuvollziehen.