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Armut und mehr

Während in den USA ein Präsident lautstark twittert und Menschen verunglimpft, findet dort statt, was Fachleute „The Great Decoupling“ nennen: Breite Bevölkerungsgruppen werden vom Vermögenszuwachs des Landes abgekoppelt. Dazu gibt es prägnante Daten über die Trends der letzten drei Jahrzehnte:

  • Der Reichtum des obersten Prozents der US-Bevölkerung stieg um 21 Billionen Dollar
  • Das „Vermögen“ der ärmeren Hälfte der US-Bevölkerung ging um 900 Milliarden zurück

In den USA haben Milliardäre inzwischen wie George Soros und die Wald-Disney-Erben den Staat aufgefordert: Besteuert uns stärker!

Auch in Deutschland gibt es Armut. Von Armut spricht man hier, wenn ein Haushalt weniger als 60% des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Ein Beispiel: Wenn in einem deutschen Haushalt von zwei Erwachsenen und zwei Kindern netto weniger als 1926 Euro zur Verfügung stehen, sind diese beiden Kinder von Kinderarmut betroffen. In Deutschland gehören 19% aller Kinder in diese Gruppe. Nein, sie müssen nicht wie in vielen tropischen Ländern im Müll nach Essensresten suchen. Hunger ist bei uns nicht das Problem. Aber ihre Teilhabe im Alltag ist bedroht. Ausgaben für zu enge Turnschuhe oder ein Klassenausflug lassen sich nicht so einfach umsetzen, wie bei den anderen. Und der Druck, immer Klamotten einer angesagten Marke zu tragen ist enorm. Dem können Kinder in Armut nicht nachkommen. Sie sind bedroht, von der Gruppe ausgeschlossen zu werden, weil sie mit diesen Atributen nicht mithalten können.

Oft kommen mehrere Ursachen zusammen, die am Schluss in Armut münden. Und ist eine Familie dort angekommen, wird es schwer, diese Zone wieder zu verlassen. Viele der von Kinderarmut Betroffenen sind Kinder von Alleinerziehenden, meist Mütter. Deren Spagat, den Alltag zwischen finanzieller Sicherung der Kleinfamilie und dem Wohl des Kindes zu schaffen, ist eine maximale Herausforderung, der nicht alle Mütter oder Väter gewachsen sind.

Neben den sozialen Folgen hat die Kinderarmut auch klare Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Und auch da greifen viele ursächliche Umstände ineinander, angefangen von der häufig unausgewogenen Ernährung bis hin zu den schlechten Wohnverhältnissen.

Die Unterschiede zwischen arm und reich nehmen seit Jahren in fast allen Ländern zu. Das zeigt der Gini-Index auf, der die Daten für 157 Länder zusammenfasst: Je höher der Index (0 = keine Ungleichheit, 100 = maximale Ungleichheit) , umso ungünstiger ist die Verteilung des Reichtums. In den Tabellen ist in diesem Fall ein hinterer Platz günstig. So liegen die USA auf Platz 39, die Schweiz auf Platz 136, Deutschland auf dem günstigen Platz 144. Besser machen es noch Schweden (152) und am besten die Faröer Inseln (157).

Obwohl Deutschland eigentlich nicht schlecht dasteht, so sind es immerhin 2.5 Millionen Kinder, die hier von Sozialleistungen leben müssen. Das hat häufig Auswirkungen auf die Ernährung, wodurch Übergewicht besonders häufig vorkommt. Der soziale Druck führt auch häufiger zu Auffälligkeiten des ADHS und motorischer Defizite. Sogar die Zahl tödlicher Unfälle ist bei Kindern, die in Armut aufwachsen grösser.

Wir als Gesellschaft haben also eine ständige Aufgabe zu lösen, die teilweise durch Zuwendung von Geld stattfinden kann. Ebenso wichtig ist aber, dass wir im Alltag dazu beitragen, die oft ausgegrenzten Kinder wieder einzubeziehen. Das findet in kleinsten Handlungen und Gesten statt – oder halt nicht, wenn wir in diesen Situationen nicht sensibel sind.

MMR-Impfung – gegen Masern, Mumps und Röteln

Diese Impfung wird im Praxisalltag häufig kontrovers diskutiert. Solange, bis die ersten Kinder regional an Masern erkranken. Dann ist der Impfstoff plötzlich schnell gefragt. Das ist ein menschliches Phänomen, dem wir oft unterliegen. Wie im Autoverkehr, wenn Lastwagen an Kreuzungen häufig Fahrradfahrer oder Fußgänger überfahren, wie schon mehrfach in diesem Jahr in Berlin. Erst wenn etwas passiert ist, reagieren wir.

Besser ist natürlich, sich in Ruhe zu informieren, bevor unter einem äußeren Druck entschieden werden muss. Dazu einige Anmerkungen:

Masern sind doch nur eine Kinderkrankheit – ?

Masern werden manchmal im Internet eher harmlos dargestellt. Als Krankheit sind sie brutal. Zum Glück treten sie in Deutschland nur sporadisch auf, weil die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Im Jahre 2016 hatten immerhin 92.2% der Kinder bundesweit zwei  Masernimpfungen erhalten. Damit waren sie vollständig geimpft. Die geringste Quote wurde übrigens – wie schon früher – im Ländle registriert. In Baden-Württemberg lag sie mit 89.5% am niedrigsten.

Die Bezeichnung Kinderkrankheit kommt daher, dass in der Zeit vor den Impfungen weitgehend alle Kinder daran erkrankten, weil diese Erkrankungen eine enorme Ansteckungsfähigkeit (Kontagionsindex) haben. Das bedeutet, schon bei einem flüchtigen Kontakt erkranken fast 100% aller Menschen, die der Krankheit noch nie begegnet sind. Der Begriff sagt aber nichts über die Schwere der Erkrankung aus.

Abbildung 1. Impfquoten verschiedener Infektionserkrankungen im Vergleich über die Jahre 2006, 2011 und 2017 (Stand April 2018) Foto: RKI

Die Impfung ist gefährlich?

Eltern überzeugen sich vor jeder Impfung, dass der Nutzen der Impfung bedeutend höher liegt als die mit der Impfung verbundenen Risiken. Das machen sie aus Verantwortung für ihre Kinder, für die sie das beste wollen. Dennoch ist über Impfungen teilweise ein Streit entstanden, bei dem der Austauch von Argumenten mit den Fanatikern nicht mehr gelingt. So kam auch vor 20 Jahren der Verdacht auf, die Impfung würde Autismus hervorrufen. Der Brite Andrew Wakefield hatte dies in einer 1998 erschienen Arbeit behauptet. Nur, Veröffentlichung war in  wesentlichen Teilen manipuliert und später wurde deswegen später zurückgezogen. Die Gegenüberstellung von Risiken der Erkrankung Masern gegenüber der MMR-Impfung haben C. Meyer und S. Reiter vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gut zusammengefasst (die Tabelle ist dieser Publikation entnommen)

Abbildung 2. Gegenüberstellung von Komplikationen der Masern (als Erkrankungen) und der MMR-Impfung. Foto. Bundesgesundheitsblatt, 2004

Warum soll zweimal geimpft werden?

Jede Impfung versucht dem Immunsystem vorzutäuschen, ein echter Krankheitserreger wäre in den Körper eingedrungen. Der Masern-Impfstamm ist den Masern sehr ähnlich. Die krankmachende Wirkung ist aber deutlich abgeschwächt. Dennoch kommt es vereinzelt zu unerwünschten Wirkungen (siehe Abbildung 2), die aber deutlich seltener und schwächer als bei der Krankheit Masern auftreten.

Ebenso lässt sich das Immunsystem durch diesen abgeschwächten Keim nicht zu 100% täuschen. Die Impfung ist also nicht zu 100% wirksam. Die Studien zeigen, dass erst durch die zweite Impfung ein Schutz von 93% – 99% erreicht werden kann. Die erfolgreich Geimpften sind nach bisheriger Studienlage vollständig geschützt. Und wenn genug Menschen vollständig geschützt sind (um die 95%), dann sind auch die übrigen – rein statistisch – geschützt. Sollte von denen einmal einer erkranken, wird sich die Krankheit nicht im Schneeballsystem ausbreiten.  Somit können indirekt auch Menschen geschützt werden, die einen Immundefekt haben und für die eine MMR-Impfung sogar gefährlich sein kann. Wer sich zweimal mit MMR impft, schützt also sich selbst und auch seine Umgebung. Das ist die soziale Komponente.

Wann erfolgen die Impfungen?

Ideal ist, nicht zu früh zu impfen. Nahezu alle Neugeborenen haben einen Schutz gegen die Masern, der sicher 6 Monate anhält. Danach schwindet er langsam. Ab dem 11. Monat kann davon ausgegangen werden, dass der übrig gebliebene Schutz des Babies den Impfstoff nicht mehr angreifen kann. Erst ab diesem Alter ist sicher, dass der Säugling einen eigenen Impfschutz mit dem MMR-Impfstoff aufbauen kann. Die Empfehlung für die Impfung laut RKI ist:

  • 1. MMR-Impfung im Alter von 11-14 Monaten 
  • 2. MMR-Impfung im 2. Lebensjahr im Alter von 15-23 Monaten durchführen zu lassen

Die vielen Masernausbrüche in der Welt bestätigen es immer wieder. Dort, wo Masern aus Armut nur unzureichend geimpft sind (Beispiel Madagaskar) erkranken innerhalb weniger Monate um die 100.000 Menschen, von denen etwa 1000 – ja, die Nullen sind richtig gesetzt – sterben. Dort, wo ein neuer Impfstoff zu früh eingesetzt wird und neue Nebenwirkungen die Menschen verunsichern und zur Ablehnung aller Impfungen führen (Beispiel Philippinen nach der Dengue-Impfung), passiert das gleiche. Bei uns in Europa führt der Wohlstand manchmal zur Überheblichkeit. Da jedoch (siehe oben oder in diesem herrlichen Video von der technischen Universität in Wien) die meisten Menschen geimpft sind, schützen diese die Verweigerer.