Schlagwort: Arztbesuch

Zweiklassenmedizin – Version 3.0

Seit den letzten Bundestagswahlen steht das Thema „Zweiklassenmedizin“ wieder im medialen Fokus. Und es ist üblich, dass Politiker schnell Position beziehen. Hört sich auch gut an, wenn man gegen Zweiklassenmedizin ist. Wer würde schon dafür plädieren?

Zwei Klassen gibt es bei der Bundesbahn. Bei der Lufthansa sind es bereits vier. Und in der Medizin? Streng genommen haben wir wesentlich mehr Klassen, nur dass die Grenzen sehr unscharf sind. Zunächst einmal sind 86.2% der Bevölkerung in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert, hingegen sind 10.6% Privatversicherte. Die weiteren 3.2% sind entweder nicht versichert oder gehören zu eine speziellen Minderheit, die anderweitig versichert ist.

Wenn wir die zwei führenden Versicherungsgruppen (gesetzliche Krankenkasse (GKV) und Privatversicherung (PV)) betrachten, zeigen sich viele Unterschiede. Bei Privatpatienten wird jede einzelne Leistung beim Arztbesuch vergütet. Bei den gesetzlich Versicherten (AOK, Techniker u.a.) hat der EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab – kurz: die Gebührenordnung für Kassenpatienten) vereinfacht dargestellt eine Flat-Rate geschaffen. Mit dem ersten Arztbesuch im Quartal ist die meiste Vergütung dem Arzt bereits zugeflossen. In der Summe stellt sich ein Arzt bei Privatpatienten somit besser, weil jeder Arztbesuch mit einer Vergütung verbunden ist. Für den Privatpatienten kann in einzelnen Fällen aus dem gleichen Grund auch ein Zuviel an Diagnostik/ Therapie erfolgen – das ist die Kehrseite.

Das macht die Mehrheit der Ärzte nicht. Ihnen ist Geld – wie allen Berufsgruppen – auch wichtig. Aber vor allem die Gesundheit ihrer Patienten, die sich ihnen anvertraut haben. Vertrauen ist in der Medizin die zentrale Kategorie.

Schwieriger wird es bei reinen Privatärzten. Viele von ihnen sind als Ärzte gestartet, die Patienten aller Kassen behandelten. Nachdem sich ein gewisser Erfolg einstellte, haben sie die Türen für die „Kassenpatienten“ geschlossen. Das hinterlässt dann sehr Wohl ein „G’schmäckle“, wie man in unserem Ländle sagt.

Es kann letztlich auch nicht angehen, dass die Gemeinschaft aller Menschen in Deutschland für das Medizinstudium finanziell aufkommt, um dann eine grössere Zahl an Ärzten – die Privatärzte – nicht aufsuchen zu dürfen. Das geht gar nicht, würden Jugendliche heute sagen. Es wäre konsequent, von Ärzten mit Privatpraxis einen Großteil der Kosten des Studium (das sind insgesamt ca. 200.000 € pro Student) zurückzuverlangen, denn sie stehen der Allgemeinheit ja nicht zur Verfügung.

Es gibt aber noch weitere Aspekte. Alle Kassenpatienten zahlen abhängig vom Einkommen ihre Beträge. Dennoch haben Patienten in der Stadt oftmals 50% mehr Ärzte zur Verfügung als auf dem Lande (Stadt-Land-Gefälle). In Berlin gibt es massive Unterschiede innerhalb der Stadt. Wer prima versorgt werden möchte muss nach Zehlendorf, wer in Neukölln lebt muss sich bescheiden. Dort gibt es für zum Beispiel Patienten weniger als halb so viele Orthopäden (Reich-Arm-Gefälle). Bei den Kinderärzten sieht es ähnlich aus.

Arztdichte in OECD-Ländern im Jahre 2000 und 2015. Der Durchschnitt liegt in der OECD bei 6.9 Arztbesuchen pro Jahr. Das Maximum (links) in Südkorea bei 16.0, die Schweiz liegt bei 3.9. Foto: OECD

Immer wieder kommt im Zusammenhang mit dem Thema „Zweiklassenmedizin“ auf, dass ein Termin beim Arzt so schwer zu bekommen sei. An diesem Punkt verlässt viele Politiker – so sie wiedergewählt werden wollen – der Mut, auch den Patienten mal auf den Zahn zu fühlen. Wie oft geht ein Deutscher im Durchschnitt pro Jahr zum Arzt? Laut OECD war jeder Deutsche im Jahr 2015 10 Mal beim Arzt (andere Statistiken sagen sogar 18 Mal, wobei hier auch Rezeptausgaben und Telefonate als „Besuch“ gewertet werden). Wie die nebenstehende Graphik der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) zeigt, sind es in den nordischen Ländern nur 3 bis 4 Arztkontakte pro Jahr. In diesen Ländern ist die Lebenserwartung jedoch deutlich höher als in unserem Lande. Behandeln die Ärzte langfristig günstiger? Haben die Menschen bessere Lebensbedingungen? Sicher ist eines: Gezielte Arztbesuche führen zu besserer medizinischer Qualität. Davon profitieren chronisch Kranke, die auf den Arzt angewiesen sind und bei Verschlechterungen nicht wochenlang warten können. Kleinigkeiten können wir auch der Natur überlassen.

Vermutlich bleibt das Thema „Zweiklassenmedizin“ uns erhalten. Leider in einer Kurzform, die dem Problem nicht gerecht wird. So wie es jetzt behandelt wird, geht es eher darum Neid zu pflegen. Sinnvoller wäre, die genannten Aspekte zu diskutieren um das Gesundheitssystem in Deutschland effektiver zu gestalten. Es sind einfach mehr als 2 Klassen betroffen. Nennen wir es besser Mehrklassenmedizin über die wir diskutieren sollten.

Gesundheit

Fassade in Wien

Gesundheit. Dieses Wort benutzen wir im Alltag sehr häufig und spüren sehr schnell, dass fast jeder etwas anderes darunter versteht.

Oft wird Gesundheit zu einem nach oben offenen Idealzustand gemacht: Ich bin gesund, fühle mich bestens, ich kann alles, bin leicht und glücklich. Das hat man früher als Paradies bezeichnet. Und das wünschen wir uns natürlich alle. Im Urlaub erleben wir ein bisschen davon: wir dürfen am Strand liegen und bekommen beste Cocktails serviert, oder wir wandern in überwältigender Natur, Kühe auf saftigen Wiesen neben uns und vor uns der Blick auf die imposante Eiger Nordwand. Wenn wir aber abends in die Berghütte zurückkommen, haben wir einen Sonnenbrand – weil der Alkohol bei der Jause uns unvorsichtig machte – und schmerzende Kniegelenke vom Abstieg. Die Gefühle von Gesundheit erleben wir wohl nur in kürzesten Momenten.

Am 22. Juli 1946 formulierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Das reicht doch wieder sehr nah ans Paradies. Vollständig. Schon mal erlebt?

Die Medizin als Wissenschaft sieht Gesundheit eher als einen Minimalstandard. Gesund ist, wer nicht krank ist. Aber wer ist denn krank?

Der Begriff Krankheit ist ähnlich schwammig. Ist ein Mensch, der ein körperliches Gebrechen hat, krank? Macht mich eine kleine Schnittverletzung am Finger zum Kranken? Ist ein Mensch im Rollstuhl krank? Laut der WHO-Definition ja. Aber er fühlt sich in seiner Haut wohl, kann fast alles machen und vermisst nichts. Sein Wohlbefinden ist nicht eingeschränkt. Gesundheit hat viel mit dem Wohlbefinden zu tun. Das ist wiederum sehr subjektiv und hat auch mit Toleranz zu tun. Hart arbeitende Menschen aus der Landwirtschaft verschwenden wohl kaum einen Gedanken an eine Schnittwunde. Allenfalls tragen sie ein Pflaster auf. Andere Menschen tragen den Verband wie eine Monstranz vor sich her. Während der eine sich mit der gleichen Verletzung rundum wohl fühlt, tut es der andere nicht mehr.

Platon sagte schon: „Die ständige Sorge um Gesundheit ist auch eine Krankheit.“

Gesundheit gilt als das höchste Gut in unserem Kulturkreis. Eines ist es ganz sicher: ein enormer Wirtschaftsfaktor. Fast 7 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Gesundheitssektor und erwirtschaften hierbei 12% des Bruttoinlandsprodukts der Bundesrepublik Deutschland.

Die Kosten des Gesundheitssystems müssen bei den enormen medizinischen Fortschritten immer wieder diskutiert werden. Stoffwechselerkrankungen, wie beispielsweise die Tyrosinämie Typ I waren bis vor 20 Jahren ein Todesurteil. Heute sind sie behandelbar, ohne dass die Betroffenen erkennbar körperliche Probleme hätten. Die Kassen haben jedoch Kosten im Bereich von weit mehr als 100.000 € pro Jahr zu planen. Auf der anderen Seite möchten Patienten, dass Ihnen die die Kosten von Fieberzäpfchen in Höhe von 1,19 € erstattet werden. Wie lässt sich dieser Spagat auf Dauer lösen?

Deutsche gehen deutlich häufiger zum Arzt als Ihre Nachbarn in Österreich und der Schweiz. Sie lassen sich auch öfter operieren. Und sie sind offen für Behandlungen, deren Nutzen nicht gesichert ist und deren Kosten sie selbst übernehmen müssen. Dabei ist weniger oft mehr.

Rückenschmerzen sind ein solches Beispiel. Hier ist – da sind sich viele Experten und das Robert-Koch-Institut einig – frühe körperliche Bewegung das Beste. Ärzte haben aber lange Zeit Bettruhe verordnet. Heute schreiben sie Massagen und Medikamente aufs Rezept. Das, obwohl die aktuell gültigen Leitlinien das ganz anders sehen. Alle diese Maßnahmen tragen wiederum zum Bruttosozialprodukt bei und erschweren den Patienten die Möglichkeit, einen eigenen Lebensrhythmus zu finden, der die Schmerzen nimmt.

An diesem Beispiel erweist sich, dass zum einen der ideale Gesundheitsbegriff bemüht wird und die kleinen Abweichungen nach unten bereits als Krankheitsphänomen empfunden werden. Krankheit ist aber in der Zuständigkeit der Medizin, das Nachschlagewerk „Mutter als Hausarzt“ (ein Buch aus den 1920gern mit teils fragwürdigen Hinweisen) gibt es schon ewig nicht mehr. Und schon findet sich ein Mensch mit leichten Rückenbeschwerden beim Arzt. Welcher Ursache diese sind, spielt oft keine Rolle. Damit werden oft menschliche Lebensprobleme – die sich als Rückenschmerzen äußern können – von der Medizin vereinnahmt: Medikalisierung. Das kann – hier im Beispiel der Rückenschmerzen – meistens nicht gut gehen.

Gesundheit das höchste Gut? Das mögen Philosophen mit uns diskutieren. Wenn dieser Begriff im Alltag benutzt wird, sind aus meiner Erfahrung eher ökonomische Interessen dahinter. Das höchste Gut? „Da darf Dir kein Geld der Welt zu teuer sein“ etwas zu unternehmen. Ist Wohlbefinden vielleicht doch mehr als Gesundheit? Oder Glück? Aber was ist das denn nun? In jedem Fall sind Zweifel angebracht, wenn hohe Werte mit hohen finanziellen Wertstellungen verbunden ist. Geld hilft, aber glücklich macht es nicht. Das weiß schon der Volksmund.