Schlagwort: Autoimmunerkrankung

Vitamin D ersetzt die Sonne nicht!

Die Rolle und Bedeutung des Vitamin D ist seit vielen Jahren eines der Top-Themen in der medizinischen Wissenschaft. Dabei kommt es aber in den Medien häufig zu Vereinfachungen. Engagierte Laien und Mediziner bringen manche Krankheiten mit zu niedrigen Vitamin-D-Blutspiegeln in Beziehung und schlagen dann vor: Nehmt Vitamin D. Aber ist das gerechtfertigt oder gar sinnvoll?

Vitamin D wurde lange Zeit nur als bedeutsames Hormon im Zusammenhang mit dem Knochenstoffwechsel gesehen. Inzwischen ist klar, dass seine Rolle ungleich umfangreicher ist. Diese umfasst auch Krebserkrankungen (relativ gute Daten zum Dickdarm-Krebs), Diabetes mellitus und die Schwangerschaft. Ganz besonders diskutiert wird aber der Zusammenhang von niedrigem Vitamin-D-Spiegeln mit Autoimmunerkrankungen und Infektionen. Die Studienlage ist jedoch so uneinheitlich, dass sich bislang in dieser Frage kein anerkannter Wissenschaftler für die generelle Einnahme von Vitamin D ausspricht.

Eine australische Studie hat sich kürzlich der Überlegung gewidmet, ob Vitamin-D-Gabe oder Sonnenlicht günstig sei, um Neurodermitis (atopisches Ekzem) im Säuglingsalter zu verhindern. Dazu wurden von den Wissenschaftlern um Kristina Rueter und Mitarbeitern aus Australien insgesamt 195 Kinder ab Geburt für 6 Monate untersucht. Dabei erhielt die Hälfte der Kinder 400 µg Vitamin D täglich (ähnlich wie bei uns in Deutschland), die andere Hälfte bekam ein Placebo. Darüber hinaus wurde bei einigen Kindern mit einem UV-Dosimeter die tägliche Dosis an UV-Licht der Sonne gemessen.

Im Ergebnis zeigte sich, dass bei Kindern mit Neurodermitis die UV-Dosis im Mittel von 555 J/m2 deutlich geringer war als bei Kindern, die während der Studie keine Neurodermitis entwickelt hatten (998 J/m2). Fast noch interessanter ist, dass die Vitamin-D-Spiegel erwartungsgemäß in der Placebo-Gruppe niedrig und in der anderen hoch waren. Dies hatte aber keinerlei Einfluss auf die Neurodermitis.

Abbildung 1. Was spricht für, was spricht gegen Sonnenlicht als therapeutischer Faktor. Foto: JACI, Yoshiaki Matsushima et al.

In ihrem Editorial kamen die Autoren um Yoshiaki Matsushima aus Japan zum Schluss: Vitamin D kann die Sonne nicht ersetzen. Dabei bleiben auch viele Fragen offen. Diese haben sie in einer Graphik (siehe Abbildung 1, in Englisch) dargestellt.

Die Vitamin-D-Geschichte geht also weiter. Und es bleibt dabei: Außer für Säuglinge bis zum 2. Geburtstag gibt es nur in Ausnahmefällen Gründe, zusätzliches Vitamin D einzunehmen.

Es gibt nun aber einen ersten wissenschaftlicher Hinweis, dass Spaziergänge mit dem Säugling günstig sein könnten bei der Vermeidung von Neurodermitis. Und vermutlich nicht nur das.