Schlagwort: Komplikation

Kinderkrankheit Masern

Erinnern Sie sich noch an den Bereicht im praxisblättle über Masern in Madagaskar? Ende Januar waren dort 39 366 Kinder und Jugendliche an dieser Kinderkrankheit erkrankt, wovon 266 nach offiziellen Angaben verstorben sind. Oder anders. Von 148 Masern-Erkrankten starb eine/r. Im Lotto ist die Wahrscheinlichkeit einen Dreier zu bekommen (1:57) nur unwesentlich geringer. Inzwischen ist die Zahl der Masernerkrankungen sogar auf 79.274 Fälle (Stand 01. März 2019) angestiegen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Konstanz am Bodensee. Mit nunmehr 581 Todesfällen liegt die Sterblichkeit mit jetzt 0.8% riesig hoch. Masern sind eine enorme Gefahr für Kinder, aber nicht nur in fernen Ländern.

Es gab sicher viele Gründe für die hohe Tödlichkeit auf Madagaskar, aber die nicht ausreichende Durchimpfung (Armut – diese Impfung muss in aller Regel von den Eltern bezahlt werden) war wohl der wichtigste. Die hohe Todesrate ist aber auch auf die chronische Unterernährung von 80% der Kinder und Jugendlichen in Madagaskar zurückzuführen. Bei mangelnder Ernährung leidet nicht nur die Körpergröße und das Körpergewicht, sondern auch das Immunsystem.

Kinderkrankheit hat immer das Flair von „Klein-Kinderkram“. Das Wort löst oft das Gefühl aus, als ob es sich nur um eine kleine Krankheit handele. Dabei drückt das Wort nur aus, dass die Krankheit allermeist im Kindesalter auftritt. Das wiederum kommt daher, dass Kinderkrankheiten sich dadurch auszeichnen, dass sie hoch ansteckend sind und daher schnell übertragen werden. Die meisten treten auch nur einmal im Leben auf (leider mit vielen Ausnahmen !). Deswegen denken viele, dass sie mit dem Erwerb des Führerscheins auch das Risiko an Kinderkrankheiten zu erkranken, verlieren würden. Dem ist nicht so.

Ursache der Erkrankung ist das Masernvirus. Dieses wird durch direkten Kontakt oder Tröpfcheninfektion übertragen und durchläuft danach einen typischen Weg:

  • Inkubationszeit von 8 – 10 Tagen.
  • Es folgt das Prodromalstadium von 3 – 7 Tagen mit Entzündung der Schleimhäute der Atemwege, wobei eine Bronchitis und eine deutliche Bindehautentzündung besonders auffallen. Fieber über 40 Grad ist häufig, Halsweh, deutliche Kopfschmerzen, schweres Krankheitsgefühl.
  • Am 12. oder 13. Tag nach Ansteckung tritt der typische Ausschlag im Mund (Enanthem) zusammen mit den Koplik’schen Flecken auf.
  • Am 14. oder 15. Tag folgt der typische Ausschlag am Körper (Masernexanthem).  Damit verbunden ist ein zweiter Fieberanstieg (typisch: 2-gipfliges Fieber)Damit ist die Diagnose klar. Der Ausschlag beginnt hinter den Ohren und steigt langsam ab. Der Ausschlag verbreitet sich in etwa 3 Tagen auf dem gesamten Körper aus.
  • Etwa einen Tag nach vollständigem Ausschlag sinkt auch das Fieber wieder, der Ausschlag wird blasser und die Erholung setzt langsam ein.

Das ist der normale, für jeden Betroffenen mühsame und leidensvolle Weg der Masern. Zu diesem treten bei fast jedem 5. Kind noch Komplikationen hinzu, die das grösste Problem bei dieser Kinderkrankheit darstellen.

  • Mittelohrentzündungen
  • Lungenentzündungen. Hiervon können verschiedene Formen auftreten. Dabei ist die primäre Masernpneumonie sehr gefürchtet. Hierbei greifen die Masernviren direkt das Atemwegssystem an. In der Folge können schwere Schäden wie Bronchiektasen (erweiterte Bronchien mit Eiterbildung) zurückbleiben. Damit verbunden sind ein lebenslang deutlich erhöhtes Infektionsrisiko und ein „Raucherhusten“ ohne Rauchen.
  • Meningoenzephalitis. Diese Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute tritt bei etwa jeder 1000. Erkrankung auf. Sie ist sehr schwerwiegend und oft tödlich.
  • In Deutschland muss auf etwa 1000 Masernerkrankungen mit einem Todesfall gerechnet werden (RKI – Daten für die Jahre 2000-2012). Dieser geht oft auf die Meningoenzephalitis zurück.
  • Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Hierbei kommt es zu einer schleichenden Entzündung des Gehirns, die innerhalb von 10 Jahren (!) spürbar wird und in 95% tödlich endet. Die Häufigkeit wird mit etwa 1:5000 Erkrankungen angenommen. 
  • Das Immunsystem wird bei der Masernerkrankung herunterreguliert. Dadurch sind betroffene Erkrankte anfälliger für jede andere virale und bakterielle Entzündungen. 

Eine spezifische Therapie um die Masern zu stoppen gibt es nicht. Lediglich bei manchen Komplikationen wie der Mittelohrentzündung sind Antibiotika hilfreich.

Abbildung 1. Häufigkeit der Masern und der Todesfälle an Masern in den USA. Foto: Von Dietzel65Eigenes Werk. Data source: „Reported Cases and Deaths from Vaccine Preventable Diseases, United States“ by the Centers of Disease Control. pdf file on this web site., CC0, Link

Die Masernimpfung stellt eine gute Vorbeugung dar. Während die Tödlichkeit im Nachkriegsdeutschland auch durch die schlechte Ernährung und Immunschwäche der chronisch unterernährten Kinder noch höher war, ist die Infektion und die Zahl der Todesfälle in den USA gezielt durch die Impfung massiv zurückgegangen. Vor Einführung der Impfung gab es etwa 500.000 Erkrankungen pro Jahr. Im Jahre 2007 waren es in den gesamten USA noch 43. Eine zweimalige Impfung erzeugt einen sehr guten Impfschutz.

Kinderkrankheit Windpocken – es juckt so schrecklich

Was früher den Alltag von Eltern schmerzlich mühsam machte, ist fast aus dem Blick geraten:
Kinderkrankheiten. Als solche bezeichnet man Krankheiten, die einmal im Leben durchgemacht werden und dann nicht mehr auftauchen. Und da die Menschen früher sehr eng zusammenlebten, steckten sie sich schnell an. Diese Infektionskrankheiten traten somit sehr früh – also im Kinderalter – auf.

Das stimmt heute so nicht mehr. Wir leben heute meist nicht mehr eng aufeinander. Dadurch hat sich das Infektionsrisiko vermindert. Zum anderen gibt es Impfungen, die viele Kinderkrankheiten in Deutschland zu seltenen Ereignissen gemacht haben. Aber: da wir deutlich länger leben, können die angeblichen Kinderkrankheiten im Alter erneut auftauchen. Der Schutz reicht häufig eben nicht für 95 Jahre.

Die Windpocken sind ein gutes Beispiel für eine hoch ansteckende Viruserkrankung. Der Erreger ist das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das auch für die Gürtelrose verantwortlich ist. Vor der Impf-Ära erkrankten in Deutschland etwa 750.000 Menschen pro Jahr mit diesem Virus. Die Zahl ging bis zum Jahr 2015 auf 23.130 Fälle (gemeldete Erkrankungen beim Robert-
Koch-Institut) deutlich zurück. Seit 2009 werden zwei Impfungen empfohlen. Damit konnte die Rate der Erkrankungen nochmals deutlich gesenkt werden. Die Windpocken sind in aller Regel sehr lästig, aber in der Nachschau eher harmlos.

Dennoch können Komplikationen (siehe weiter unten) und Todesfälle (in 2015: 3) auftreten.
Die Windpocken haben das Wort „Wind“ in ihrem Namen, weil sich die Erreger nicht nur per Tröpfcheninfektion (also aus der Nähe) übertragen, sondern teilweise mit dem „Wind“ über weitere Strecken. Auf diese Art sind Ansteckungen in grösseren Räumen (z.B. Einkaufsmärkten, U-Bahnen und Bussen) möglich.

Nach einer Inkubationszeit von meist 14 Tagen (frühstens nach 10 Tagen, spätestens nach 21 Tagen) tritt zunächst ein leichter Schnupfen und etwas Fieber (um 38-39 Grad) auf. Kurz danach beginnt der Ausschlag im Kopfbereich (auch im Bereich der Haare!) und wandert von dort nach
unten (siehe Bild rechts mit dem typischen „Sternhimmelmuster“). Wenn die ersten Bläschen an den Beinen ankommen, sind die Flecken im Gesicht bereits verschorft und damit nahezu frei
von Ansteckung. Diese beginnt bereits 1-2 Tage vor Ausbruch des Ausschlages und hält an bis das letzte Bläschen abgetrocknet und verschorft ist. Das dauert meist eine Woche (bis zu 10 Tagen).

Windpocken können in einzelnen Fällen auch zu Komplikationen führen. Bei Kindern sind das vorwiegend Mittelohrentzündungen und sehr selten auch Lungenentzündungen. Auch eine Entzündung des Gehirns (Encephalitis) ist möglich, aber selten. In der Regel wird das Krankheitsbild durch den massiven Juckreiz geprägt. Gebessert wird dieser durch die lokale
Therapie mit adstringierenden Mitteln (z.B. Tannosynth© Lotio), die auf pflanzlicher Basis zum schnelleren Abtrocknen der Bläschen beitragen. Daneben werden zur Nacht auch innerliche Medikamente (Cetirizin; Fenistil©-Tropfen) angewandt, um den Juckreiz weiter zu senken.

Wegen der hohen Ansteckung ist es wichtig, andere Menschen nicht in Gefahr zu bringen, die eine Immunschwäche haben. Für diese kann die Windpockenerkrankung lebensgefährlich sein. Aus Fairness sollten also folgende Regeln für die Zeit der Ansteckung gelten:

  • Kein Kontakt zu Schwangeren. Das betrifft ganz besonders Schwangere, die kurz vor der Geburt stehen und keinen Schutz gegen Windpocken aufweisen. Das Risiko für das Neugeborene an der Infektion zu sterben ist enorm.
  • Immungeschwächte wie Menschen unter Chemotherapie oder mit schweren Immundefekten
  • Alle Krankenhauspatienten. An Windpocken Erkrankte sollten niemals ein Krankenhaus aufsuchen, sofern dies nicht aus medizinischen Gründen notwendig ist und das Krankenhaus über die Erkrankung informiert ist. 
  • Alle Orte, an denen sich Risikopersonen (wie Immungeschwächte) aufhalten könnten (z.B. öffentliche Verkehrsmittel, Versammlungen)

Gesunde Kinder nach dem ersten Lebensjahr müssen nicht geschützt zu werden. Für sie ist es günstig, früh einen Schutz zu bekommen. Entweder durch die Impfung (zweimalig) oder – wenn diese nicht gewünscht ist – durch den direkten Kontakt. Im letzteren Falle macht es durchaus Sinn, sich die Ansteckung gezielt bei einem betroffenen Patienten abzuholen. Je
jünger die Kinder erkranken (nach dem ersten Geburtstag) umso besser. Ab der Pubertät sind Windpocken sehr unangenehm und auch gefährlicher.

Die Impfung gegen Windpocken wird von den Kinder- und Jugendärzten in der Regel angeboten. Empfohlen ist sie mit Beginn des 12. Lebensmonates (unter spezifischen Bedingungen bereits ab dem 9. Monat). Die erste Impfung hinterlässt einen Schutz von
etwa 65%, nach der zweiten liegt er dann über 90%.