Schlagwort: PM2.5

Es liegt was in der Luft …. Feinstaub trifft alle, besonders die Kinder!

Luft wird nur durch Belastungen wie etwa Rauch oder Sand sichtbar. Aber schon die unsichtbare Luft enthält oft Stoffe, die die Gesundheit aller Menschen massiv belasten können. Die Affäre um Dieselautos hat dies nochmals gezeigt. Obwohl es hierbei mehr um den vertuschten Betrug als um die Belastung für die Gesundheit ging.

Es gibt zunehmende Belastungen für die Gesundheit aller Menschen. Sie treffen ganz besonders die jungen Menschen. Die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) hat für das Jahr 2015 berechnet, dass weltweit eine Million Kinder im Alter unter 5 Jahren an einer Infektion der unteren Atemwege (LRI) verstorben sind. Zu diesen Infektionen gehören neben der Lungenentzündung auch die Verengungen der kleinsten Atemwege (Bronchiolitis) und Asthma bronchiale.

Abbildung 1. Sterblichkeit durch die Umwelt-Luft-Belastungen weltweit. Je dunkler eine Region gezeichnet ist, umso höher (jeweils bezogen auf 1000 qkm Fläche) ist die Zahl der Todesfälle, die über weltweiten den Durchschnitt hinausgehen. Foto: The Lancet

In einem Atmosphärenchemiemodell haben kürzlich die drei Forscher Jos Lelieveld, Andy Haines und Andrea Pozzer aus Mainz und London nun berechnet, welchen Einfluss die Umweltbelastungen auf die Gesundheit weltweit haben. Ihre Ergebnisse haben sie kürzlich in der angesehenen medizinischen Zeitschrift The Lancet veröffentlicht. Die wesentlichen Bedrohungen für Erkrankung und Tod gehen vom Ozon und ganz besonders vom Feinstaub aus. Bei letzterem sind vorwiegend die Teilchen bedeutsam, die extrem klein sind (Durchmesser bis maximal 2.5 µm – PM2.5) und die somit bis in die tiefen Atemwege gelangen können. Dort, im empfindlichsten Teil der Lunge, können sie bedeutsame Schäden anrichten.

Sie fanden heraus, dass im Jahre 2015 weltweit 237.000 Kinder im Alter unter fünf Jahren an den Folgen der Feinstaubbelastung mit nachfolgenden unteren Atemwegsinfektionen (LRI) verstarben. Davon 107.000 im dicht besiedelten Asien und 128.000 in Afrika. Diese Todesfälle durch Feinstaubbelastung für die Atemwege sind weltweit für 18% des Verlusts an Lebenserwartung verantwortlich.

Sind unsere Kinder nun diesen Gefahren immer schutzlos ausgesetzt? Die Autoren betonen in diesem Zusammenhang, dass sehr wohl Besserung möglich ist. In Bezug auf die besonders Armen aber nur durch eine Mischung von drei Maßnahmen:

  1. massive Reduktion der Feinstaubbelastung
  2. Bekämpfung des Hungers, der die Abwehr des Körpers gegen vielfältige Belastungen – auch Infektionen –  herabsetze
  3. gezielte Behandlung umweltbezogener Gesundheitsstörungen

Dass dieses Ziel noch in weiter Ferne liegt, zeigt die momentane Belastung mit Feinstaub. Weltweit stieg die Belastung mit PM2.5 von 40.5 µg/m3 seit dem Jahr 2010 auf 44.0 µg/m3 im Jahre 2015 – also in nur fünf Jahren. Auf welch dramatischem Niveau wir uns bereits bewegen zeigt die Einschätzung der WHO. Sie sieht alle Werte über 10 µg/m3 als kritisch an, der unbedenkliche Schwellenwert liegt bei 2.4 µg/m3. Weltweit liegt der Feinstaubwert momentan also beim 18-fachen des Unbedenklichen.

Abbildung 2. Quellen der Umweltbelastungen für Todesfälle. Die Prozentzahlen geben den Anteil des Umweltschädigers an den Todesfällen an Foto: The Lancet

Die Luftbelastungen sind je nach Land sehr unterschiedlich, wie die nebenstehende Abbildung für die USA und Indien zeigt. So ist die Hauptquelle für die Umweltbelastung in Indien der Energieaufwand im Wohnbereich (Kochen und Heizen), der in den USA relativ deutlich geringer ist. Umgekehrt wirken sich in den USA Landwirtschaft und Verkehr stärker aus.

Abbildung 3. Erhöhung der Sterberate bezogen auf 1000 Kinder unter dem Alter von 5 Jahren pro Jahr. Foto: The Lancet

Aus den spezifischen Belastungen einzelner Länder folgen auch unterschiedliche Risiken für die Kinder. Weltweit sterben auf 1000 Kinder pro Jahr 0.37 Kinder unter 5 Jahren. Die Graphik rechts – entnommen der zitierten Studie – zeigt, welche Sterblichkeit durch die Luftbelastung in den verschiedenen Ländern für Kinder im Alter unter 5 Jahren hinzukommt. Die ersten acht Plätze belegen Länder aus Afrika unter all den armen Ländern. Wer unter 5 Jahre alt ist und arm, leidet unter der Umweltbelastung am meisten.

Die Umweltbelastung mit Feinstaub hat auch erhebliche Folgen für Erwachsene: Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenkrebs sind die wichtigsten. Durch die Erwachsenen erhöht sich die Zahl der Opfer von Feinstaub um nochmals mehr als 4 Millionen Menschen jährlich.

Wir leben alle auf dem gleichen Planeten. Und, wie die Untersuchung zeigt, hat unser Verhalten in vieler Hinsicht Folgen für Menschen, die wir nicht kennen und die weit weg von uns leben. Grund genug, im Kleinen zu beginnen, die Umweltbelastung zu begrenzen. Ein Fahrrad kann beispielsweise auch ohne Sonnenschein benutzt werden.

Dicke Luft

Der Dieselskandal ist seit einem Jahr ein Top-Thema. Der eigentliche Skandal ist aber, dass Dieselfahrzeuge über die letzten Jahrzehnte steuerlich gefördert wurden. Dabei war längst bekannt was der Dieselmotor anrichten kann.

Zum Beispiel Pollenallergie in Japan. Dort wurde bereits 1986 die erste wissenschaftliche Arbeit von M. Muranaka und Kollegen zum Thema Dieselpartikel und Allergie im angesehenen Journal of Allergy and Clinical Immunology (JACI) veröffentlicht. Diese bezog sich auf Untersuchungen an Mäusen. Eine zweite Publikation ein Jahr später von der gleichen Forschergruppe erhärtete nochmals im Tierversuch das Risiko. Sie folgerten, dass diese Daten wohl auch für Menschen bedeutsam seien.

Abbildung 1. Darstellung der IgE-Produktion von reinen B-Zellen in Anwesenheit von IL-4 plus CD40-Zellen Bezug auf Umgebungsbedingungen mit oder ohne PAH-DEP (DEP: Diesel exhaust particle). Foto: JACI, 1995

Takenaka und Mitarbeiter veröffentlichten schließlich 1995 die im Experiment nachgewiesenen Effekte am Menschen. Diese betreffen Dieselpartikel bzw. polyaromatische Hydrocarbone (PAHs = PAK: polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) aus den Dieselabgasen im Bereich der menschlichen Atemwege (siehe Abbildung 1).

Namhafte Allergologen und Immunologen haben also schon vor 23 Jahren schlüssig belegt, dass Dieselabgase negative Auswirkungen auf die Atemwege des Menschen haben. Über diese 23 Jahre lief die steuerliche Förderung der Dieselfahrzeuge in Deutschland munter weiter. Es bleibt der Eindruck, dass nichts unternommen wurde, um die Situation in über 2 Jahrzehnten zu verbessern.

Der Dieselmotor bleibt trotz allem eine gute Erfindung. Ein Vierteljahrhundert jedoch ungenutzt verstreichen zu lassen und nichts zu unternehmen, um den Abgasausstoß zu verringern ist erschreckend. Da beruhigt es auch nicht, dass heute alle alles besser wissen.

Abbildung 2. Luftqualität in Baden-Württemberg. Im Kästchen oben die aktuellen Daten von Reutlingen. Die weiteren Messstellen sind markiert, wobei die Farbe grün gute Werte anzeigt. Um Sigmaringen gibt es über weite Gebiete keine Messdaten. Foto: aqicn.org/map/stuttgart/de/

Immerhin. Die Gesellschaft ist etwas lernfähig. In Berlin gibt es eine Informationsseite, die den Menschen in der Hauptstadt zeigt, was so in der Luft liegt. Für Baden-Württemberg gibt es ebenfalls Daten (siehe Abbildung 2), die kontinuierlich gemessen und im Internet abrufbar sind. Ein erster  Anfang zur Transparenz ist also gemacht.