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Schrei-Baby: Wenn mein Baby mich zum Verweifeln bringt

Mit der Geburt eines Kindes ändert sich die Lebenssituation der grösser gewordenen Familie enorm. Informationen aus Büchern und Ratschläge der Umgebung werden oftmals wertlos. Schnell zeigt sich die eigene Persönlichkeit des neu geborenen Babys. Die gilt es anzunehmen und in die Familie zu integrieren.

Bei Kindern, die ruhig schlafen und problemlos trinken geht das recht leicht. Manche Kinder können aber durchaus eine Herausforderung sein: Schrei-Babies. Wenn zarte Babies anhaltend schreien bedeutet das für gutmütige und verständnisvolle Eltern eine extreme Belastung. Sie sind wie vor den Kopf gestoßen – was sie als liebevolle Eltern aushalten – und verzweifelt, weil sie ihr Kind nicht „erreichen“ und kaum beruhigen können, wenn es schreit.

Was sind denn Schrei-Babies? In den 1950er Jahren hat Morris A. Wessel zusammen mit Mitarbeitern in einer Studie versucht, die Besonderheiten des exzessiven Schreiens von Babies zu erklären. Damals kam der Begriff der „Kolik“ auf, der heute als überholt gilt. Heute sprechen wir Kinder- und Jugendärzte von Regulationsstörungen. Mit Bezug auf die Arbeit von Wessel wird noch heute exzessives Schreien diagnostiziert, wenn Babies 3 Stunden am Tag, mindestens 3 mal die Woche während mindestens 3 Wochen schreien – „Rule of the Threes“.

Abbildung 1. Häufigkeit von exzessivem Schreien in Minuten in Bezug auf das Lebensalter in Wochen. Foto: Wolke et al, 2017

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahre 2017 hat die aktuellen Bedeutung der Schrei-Babies beleuchtet. In der Übersichtsarbeit, die 33 Studien aus verschiedenen Ländern umfasst, haben Dieter Wolke und Mitarbeiter von der Universität in Warwick (Großbritannien) gezeigt, dass das Problem in allen Ländern vorkommt. Das Schreien beginnt in aller Regel im Alter von 1 bis 2 Wochen und erreicht im Alter von etwa 6 Wochen seinen Höhepunkt, um danach wieder abzuklingen. In der Abbildung 1 links stellt die untere Kurve die sog. 50. Perzentile dar. Das bedeutet, dass die Hälfte aller untersuchten Babies im Alter von 5-6 Wochen mindestens 120 Minuten pro Tag schrien. Die obere Kurve ist die 95.Perzentile. Sie zeigt, dass zum gleichen Zeitpunkt 5% aller Kinder bis über 4 Stunden (250 Minuten) am Tag schrien.

Die Arbeit konnte folgende Ergebnisse darstellen:

  • Schrei-Babies mit Koliken gibt es in allen untersuchten Ländern mit geringen Unterscheiden.
  • Die Koliken starten im Alter von 1-2 Wochen, haben ihren Höhepunkt mit 5-6 Wochen und verschwinden nahezu bis zum Alter von 10-12 Wochen
  • In allen Ländern ist jedes fünfte Kind ein Schrei-Baby (17% – 25%). In Japan und Dänemark ist die Rate geringer, in Großbritannien höher
  • Gestillte Kinder schreien etwas häufiger.

Diese Studie zeigt nochmals, das Schrei-Babies in allen Kulturen vorkommen. So schlimm das für die betroffenen Eltern auch ist, scheint das exzessive Schreien eine „normale“ Variante zu sein, die ursächlich schwer zu erklären ist. Das exzessive Schreien endet nach drei Monaten spontan.

Was können Eltern tun, wenn sie ihr Baby anhaltend schreit?

  • Kinder- und Jugendarzt aufsuchen. Durch die Schilderung der Schreiattacken und die körperliche Untersuchung werden andere mögliche Ursachen ausgeschlossen, die dem Baby Probleme bereiten könnten, z.B. Nahrungsmittelallergien
  • Reizabschirmung (kein Besuch großer Feste, bei denen der neue Erdenbürger „herumgereicht“ wird u.a.) ist häufig günstig. 
  • Keine Medien. Fernseher sollten ausgeschaltet sein, die flimmernden Bilder (auch indirekt) sind irritierend. 
  • Rituale sind günstig. Das Einschlafritual sollte immer gleich ablaufen. Das gibt dem Kind Sicherheit
  • Ruhe bewahren – so gut es geht und so schwierig es ist. Die eigene Unruhe und Sorge verstärkt das Schreien eher. 
  • Zusammenarbeit der Partner (und Großeltern). Im Regelfall betreut nur eine Person das Kind, die andere versucht die Pause zur Erholung zu nutzen.

Wenn Sie als Eltern spüren, dass sie zunehmend überfordert sind, wenden Sie sich an den Kinder- und Jugendarzt. Sie/ er wird ihr Kind nochmals untersuchen und mit ihnen Wege aus dem Stress finden. Sie müssen nicht alles ertragen können. Suchen Sie also bitte Hilfe!