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Schlafstörungen im Kindesalter

Viele Menschen klagen über einen schlechten Schlaf, wenn man sie morgens direkt danach fragt. Dass auch Kinder und Jugendliche davon betroffen sein können, ist deutlich weniger bekannt. Kinder mögen sich manchmal schlecht fühlen, sie jammern oder zicken herum. Warum sie das machen, bleibt ihnen selbst und der Umgebung aber oft unklar. Gerade kleine Kinder nehmen den schlechten Schlaf nicht so deutlich wahr, weil sie meist keine Vergleichsmöglichkeit haben und auch sprachlich oft nicht in der Lage sind, ihr Empfinden zu beschreiben. Dazu braucht es häufig den Kinder- und Jugendarzt, der einen ersten Verdacht hat und Experten zu Rate ziehen kann.

Abbildung 1. Schlafdauer in Abhängigkeit vom Alter (nach Iglowstein, 2003). Foto: Schlarb, Universität Bielefeld

Zunächst stellt sich die Frage: Wie lange schläft ein Kind? Das ist altersabhängig und recht gut erforscht. Wie die nebenstehende Graphik (Abbildung 1) zeigt, gibt es gerade bei Säuglingen und Kleinkindern sehr große Unterschiede in Bezug auf die Schlafdauer. Im Alter von 6 Lebensmonaten ist beispielsweise eine Schlafdauer von 8.8 Stunden am Tag ebenso noch normal, wie eine von 13.2 Stunden.

Abbildung 2. Einschlaf- und Durchschlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Abhängigkeit vom Alter. Foto: Schlarb, Universität Bielefeld

Schlafstörungen können sich als Einschlaf- und/oder Durchschlafstörungen zeigen. Diese sind im Kindesalter nicht so selten, wie man zunächst vermuten würde (siehe Abbildung 2). Säuglinge sind besonders betroffen und Jugendliche auch, wie Frau Prof. Dr. Schlarb aus Bielefeld beim Kongress der deutschen Kinderärzte (DGKJ) in Leipzig betonte.

Hinweise auf Schlafstörungen können gerade bei grösseren Kindern und Jugendlichen vom Patienten selbst kommen. Ansonsten können Tagesmüdigkeit, Lustlosigkeit, aber auch Unruhe und Konzentrationsstörungen auf die Diagnose hinweisen. Sogar aggressives Verhalten kann ein Hinweis auf chronischen Schlafmangel sein. Ein Schlafprotokoll, die eingehende Untersuchung durch den Kinder- und Jugendarzt sowie in Einzelfällen spezielle Untersuchungen wie die Polysomnographie sind in der Lage, die zugrunde liegende Problematik zu klären. Dabei kommen als Ursache psychische Belastungen häufig vor, aber auch obstruktive Störungen der Atmung mit und ohne Schnarchen (Schlafapnoe-Syndrom) und Stoffwechselerkrankungen (Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel u.a.).

Eine zentrale Ursache für Schlafstörungen unter Jugendlichen stellt das Smartphone dar. So zeigte eine Studie von A. Schweizer und Kollegen aus Lausanne (Schweiz) im letzten Jahr, dass Kinder, die ein Smartphone erhalten in der Folge weniger schlafen und mehr Schlafprobleme haben. Klar ist, Jugendliche müssen heute nahezu ein Smartphone haben, um in der Peer-Group dazu zu gehören (über die verschiedenen „sozialen“ Medien). Aber es ist für sie auch wichtig, den Umgang mit diesem Gerät zu lernen und dabei auf die Hilfe der Eltern setzen zu können. Auch wenn dann der Satz fällt „Mama/ Papa du nervst“. Gelegentlich ist das eben ein Teil elterlicher Fürsorge.

Manchmal sind es gut bekannte Faktoren, die zu Schlafstörungen führen. Diese sollten soweit möglich vermieden werden:

  • Elektronischer Medienkonsum (TV, Smartphone, Internet, Spielekonsolen), besonders in den Stunden vor dem Zubettgehen. Dabei ist auch das Blaulicht ein weiterer störender Faktor, der soweit möglich ausgeschaltet werden sollte.
  • Anregende Getränke / Genussmittel: Kaffee, Schwarztee, Energy-Drinks, Alkohol, schwarze Schokolade
  • Umgebungsfaktoren: Hitze, Kälte, Lärm, Nässe
  • Stress, Hektik, Streit, Schlaf erzwingen wollen, Prüfungen
  • zu hohe Anspannung vor dem Schlaf (Sport, Krimi u.ä.)
  • zu langer Tagesschlaf

Günstig hingegen sind folgende Maßnahmen:

  • keine technischen Medien im Schlafzimmer
  • ab 15 Uhr keine anregenden Getränke oder Genussmittel
  • Dunkler, gut temperierter (um die 16 Grad) und ruhiger Schlafraum
  • ruhige Tätigkeiten in den letzten 2 Stunden vor dem Zu-Bett-Gehen
  • Nap (oft „powernap“ genannt) tagsüber, aber unter 20 Minuten Dauer

Migräne – eine neuer Trend für Kinder und Jugendliche?

Kopfschmerzen kommen bei Kindern mit zunehmendem Alter häufiger vor. Sie können verschiedene Ursachen haben. Deswegen steht an erster Stelle eine Vorstellung beim Kinderarzt, der mit Erfragung der Symptome und einer körperlichen Untersuchung die Krankheitsbilder eingrenzen kann.

Es ist inzwischen  unstrittig, dass der Alltag heute durch Internet und Smartphone aktiver geworden ist. Für viele Kinder und Jugendliche ist es mit Stress verbunden, den Ansprüchen von Schule, Eltern, Freunden und weiterer Umgebung gerecht zu werden. Phasen von Langeweile gibt es kaum noch, sie müssen immer präsent sein. Angespannt. Spannungskopfschmerzen sind dadurch sehr häufig und ein Signal des Körpers, dass eine Überforderung – welcher Art auch immer – vorliegt. Diese Erfahrung machen weit mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Migräne ist aber etwas anderes. Die Migräne gehört zu den chronischen Schmerzerkrankungen mit deutlichem genetischen Einfluss. Das zeigen Zwillingsstudien ebenso, wie das Gespräch mit den betroffenen Familien. Welche Symptome treten bei der kindlichen Migräne auf?

  • Starke, oft pulsierende Kopfschmerzen, die rasch zunehmen und das Kind und den Jugendlichen so beeinträchtigen, dass Spiel oder Arbeit meist unterbrochen werden.
  • Einseitige Schmerzen sind typisch, beidseitige Schmerzen sind jedoch auch nicht selten.
  • Begleiterscheinungen wie Erbrechen und Übelkeit sind bei Kindern häufig.
  • Bei Jugendlichen tritt die Lärm- und Lichtempfindlichkeit wie bei Erwachsenen häufiger auf.
  • Manche Kinder erleben – ebenso wie Erwachsene – eine Aura. Diese Vorboten treten in aller Regel vor den Schmerz auf und zeigen sich als Flimmersehen oder auch plötzlicher Sehverlust (meist einseitig), aber auch als Gefühlsstörungen in den Armen oder phantastischen Bildern. 
  • Nach Abschirmung schlafen viele Kinder und Jugendliche ein und erwachen danach meist schmerzfrei.
  • Die Dauer der Attacken liegt bei ein bis drei Stunden, kann aber auch deutlich länger anhalten.

Je nach Häufigkeit – die sehr unterschiedlich ist – ist die Migräne nicht nur wegen der schrecklichen Schmerzen ein Problem. Sie kann auch das soziale Leben einschränken, wenn die Häufigkeit der Migräne zu zunehmenden Schulfehltagen führt.

Abbildung 1. Zunahme der Migräne auf der Grundlage der Daten der KIGG-Studie. Foto: Robert Schlacks, BVKJ Berlin, 2017

In der KIGG-Studie – die beispielsweise auch zu Fragen von Süßgetränken aktuelle Informationen für Deutschland präsentierte – wurde auch die Frage chronischer Schmerzen untersucht. Dabei zeigte sich, dass der bekannte Trend zur Zunahme der Migräne weiter anhält. Wie Abbildung 1 verdeutlicht, zeigt sich im Zeitraum von nur 6 Jahren ein deutlicher Anstieg der Migräne über alle Altersgruppen, massiv vermehrt aber unter Jugendlichen. Der Autor der Graphik hat die sich ergebenden Fragen gleich formuliert: Schlafdauer? Medienkonsum? Sitzende Tätigkeiten?

Alle Kinder und Jugendlichen, die unter immer wiederkehrenden Kopfschmerzen leiden, sollten ihren Kinder- und Jugendarzt aufsuchen, um Klarheit über die Bedeutung der Schmerzen zu bekommen. Bis dahin gelten folgende Grundsätze:

  • Schmerzmittel sind in aller Regel keine Lösung und sollten nicht eingesetzt werden – also keine Selbstbehandlung 
  • Ein regelmäßiger Lebensrhythmus mit ausreichendem Schlaf ist günstig.
  • Die Nutzung von Medien (Internet, Spielekonsolen, Smartphone) sollte vom betroffenen Kind und Jugendlichen selbst beschränkt werden. Flimmernde Bilder und auch das Blaulicht strengen das Gehirn zusätzlich an. 

Smartphone oder Schlamm?

Das Internet hat die Welt in zwei Jahrzehnten umgekrempelt. Das bestreitet kaum einer. Ob dies aber gut sei oder eher negative Folgen hat ist wird eifrig diskutiert. Der Facebook-Skandal im letzten Monat hat allem eine neue Dimension gegeben. Aber das soll hier erstmal kein Thema sein.

Die Vorteile der engeren Vernetzung von Menschen über Computer oder Mobiltelephon bringen es mit sich, dass wir auch leichter und leiser – unbemerkt – überwacht und kontrolliert werden können. Wer ist dieser big brother, der uns steuern will? Selbst große Unternehmen und Regierungen werden durch Cyberattacken erfolgreich angegriffen. Aber auch wir alle sind für die ungebetenen Gäste interessant. Wir werden ausspioniert, unser Kaufverhalten wird untersucht und die Daten an Firmen verkauft, die uns dann spezifischer locken kann. Das ist nun mal das Geschäft vieler, ob sie nun Facebook heißen oder Payback.

Als ich mir vor knapp 30 Jahren meinen ersten Computer zulegte, lachten alle meine Freunde, weil ich mir eine riesige Festplatte mit 64 kB leistete. Ja, 64 kB – nichts für heutige Begriffe –  schien damals Speicherplatz für die Ewigkeit zu bieten. Ein EDV-Betreuer in der Praxis meinte 10 Jahre später, das Internet sei etwas für Spezialisten und nichts für unsereins. Zwei Jahre danach im Jahre 1998 hatte ich mit Hilfe meines Sohnes die Homepage www.kids-doxx.de (inzwischen im Ruhemodus) hochgeladen. So schnell kann man sich irren.

Was auffällt: diese elektronische Veränderung ist längst im Säuglingszimmer angekommen. Wurde früher dem schreienden Säugling schon mal der Hausschlüssel hingehalten, ist es heute das Smartphone. Kleinkinder werden mit dem ipad schon mal ruhig gehalten wenn Besuch kommt. Aber ist das gut? Internet eröffnet Möglichkeiten und Chancen. Eltern wird nahegelegt ihr Kind möglichst frühzeitig mit diesen Medien vertraut zu machen. „Man kann nicht früh genug anfangen, die Technik verstehen zu lernen“ ist zu hören. Ich widerspreche.

Eines ist sicher. Unsere Kinder werden schon in der Schule und bald danach im Arbeitsleben sehr viel mit elektronischen Medien zu tun haben – ob sie wollen oder nicht. Das sollte zur Folge haben, dass wir ihnen in den ersten Jahren ihres Lebens diese Geräte eben nicht anbieten. So können sie Erfahrungen über Sehen/ Hören/ Riechen/ Fühlen und andere Sinne machen, die im späteren Leben nicht mehr nachgeholt werden können. Auch nicht mit einem „Ergo-Rezept“.

Schlamm und Matsch ist so eine Ur-Erfahrung. Vor unserer Haustüre im Pfrunger Ried geht das sehr leicht. Kinder können über matschige Wege hüpfen, Wasser kanalisieren oder morsche Bäume verschieben, die in torfiger Erde verschwinden. Erinnern Sie sich noch, wie gerne Sie im Dreck gespielt haben? Ich schon. Und auch, dass es danach gerne mal Ärger zuhause gab. Und am nächsten Tag haben wir uns wieder schmutzig gemacht, im Dreck gewühlt, Würmer gesucht und auch mit Schlamm aufeinander geworfen. Das mögen Kinder heute ebenso. Sie müssen nur die Chance dazu geboten bekommen. Auch beim Backen im zähen Teig mantschen ….. wie herrlich. Eine wunderbar sinnliche und beim Naschen schmackhafte Erfahrung, die es locker mit den Reizen eines Smartphones aufnimmt.

In unserer ländlichen Region fehlt manchem vielleicht ein Opernhaus (mir nicht!). Aber unsere Kinder haben ein Paradies vor der Haustüre. Gönnen wir es ihnen! Lassen wir sie bei Wind und Wetter spielen und sinnliche Erfahrungen sammeln die heute Spaß machen und später kaum nachgeholt werden können. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen entwickeln sich Kreativität und Wissen. Und lernen wir aus den Erfahrungen in Korea, wo die digitale Technik (Samsung!) Kindern schon lange zugänglich ist. Dort beobachtet man zunehmend Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Ebenso auch emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung. Man nennt das dort schon digitale Demenz.

Das ist übrigens auch für Eltern eine einmalige Chance mitzumachen. Genießen Sie die sinnliche Erfahrung.