Schlagwort: Umweltnoxen

Aktuell: Kongressbericht der Kinderpneumologen in Wien

In Wien fand letzte Woche die Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) statt. Die GPP vertritt alle Spezialisten für Lungenerkrankungen im Kindesalter (Kinderpneumologen) aus Österreich, der Schweiz und Deutschland. Das Motto in diesem Jahr:  „Grenzen der Evidenz-basierten Medizin„.

Die Evidenzbasierte Medizin (EbM) versucht „… individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten“ (Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.). Damit hat sie die Bedeutung von persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen („Eminenz“) zugunsten wissenschaftlich belegter Daten verschoben.

Der Begriff personalisierte Medizin steht jedoch nicht im Gegensatz dazu. Dieser suggeriert zwar auf den ersten Blick eine Rückkehr zu den individuellen Besonderheiten eines Patienten. Damit sind jedoch nicht psychische und soziale Besonderheiten gemeint, sondern biochemische Marker im Besonderen. Diese sollen dabei helfen, dem Patienten eine maßgeschneiderte Therapie zukommen zu lassen. Der Begriff bezieht sich häufig auf genetische Informationen.

Ein Beispiel aus der Kinderpneumologie kann das Thema erhellen: Die Stärke der bronchialen Entzündung lässt sich mittels Fractional exhaled Nitric Oxide (FeNO) bestimmen. Der Wert dieses Gases ist bei unbehandeltem allergischem Asthma aufgrund der starken Entzündung der Bronchien besonders hoch. Findet nun eine Therapie mit Fluticason (inhalierbares Cortison) statt, so geht der Wert wieder in den Normalbereich zurück. Untersucht man hingegen Kinder, bei denen das Asthma vorwiegend durch Virusinfektionen ausgelöst wird, so ist sowohl der FeNO-Wert niedrig also auch Wirkung von Fluticason auf die virusgesteuerte Entzündung der Bronchien. Mit gewissen Einschränkungen kann also durch die Bestimmung von FeNO gezeigt werden, ob eine Therapie mit Fluticason wirksam ist. Das bedeutet in der Praxis, dass man zunächst nur bei Patienten diese Therapie einsetzt, bei denen FeNO hoch ist. Nur bei diesen besteht auch eine hohe Chance, mit dieser Cortisontherapie Nutzen zu stiften. Mithin werden also Erkenntnisse aus der Evidenz-basierten Medizin durch diesen FeNO-Parameter personalisiert.

Der Kongress behandelte viele aktuelle Themen, die ebenfalls Grenzen der EbM aufzeigen. Wenngleich andere. Zum Beispiel die Schadstoffbelastungen. Dabei zeigt sich, dass manche Erkenntnisse unbestritten sind. Andere Bereiche sind bislang nicht erforscht.

Prof. Dr. Neuberger (Wien) zeigte nochmals die Bedeutung des Nikotins auf. Obwohl die Tabakindustrie immer wieder Wege sucht, ihre Kunden beim Glimmstängel zu halten sei weder die E-Zigarette noch die Shisha (Wasserpfeife) eine echte Alternative. Beide erhalten durch ihren Gehalt an Nikotin die Sucht. Letztere führe auch zu deutlicher Inhalation von Teer und Schwermetallen. Krebserregende Substanzen sind bei allen vorhanden. Oder wie es Prof. Dr. Keilholz ( Kommissarischer Direktor des Charité Comprehensive Cancer Centers in Berlin) formulierte: „Wenn niemand rauchen würde, wäre die Hälfte der Krebserkrankungen weg“.

Abbildung 1. Wie viele Menschen sterben an Folgen der Umweltbelastungen weltweit? Es sind vorwiegend Menschen in den Tropen (dunkelrot gefärbte Regionen). Foto: CNN

Die Umweltbedingungen im Alltag und ihre Auswirkungen auf die kindliche Lunge wurden von Prof. Dr. Frischer (Wien) beleuchtet. Dabei fällt auf, dass wir in Europa – global gesehen (siehe Abbildung 1) – in einer Oase leben. Die Belastung mit Luftschadstoffen durch Industrie, Verkehr und Haushalte wirken sich dennoch auf die Gesundheit aus.

In Europa kommen neben den Stickoxiden (NOx) immer mehr die kleinen Partikel in den Fokus. Gerade die PM10 (alle Partikel mit einem Durchmesser von 10 µm oder kleiner) bis hin zu den Nanopartikeln stellen ein besonders hohes Risiko dar, da sie bis in die tiefen

Abbildung 2. Das Leben an einer verkehrsreichen Strasse entspricht dem Risiko 10 Zigaretten pro Tag zu inhalieren. Dieses Risiko geht zurück je weiter wir von einer Strasse entfernt wohnen oder arbeiten. Foto: WHO, van der Zee et al.

Atemwege vordringen können. In diesem Zusammenhang ist die Gefährlichkeit der Nanopartikel noch unklar, die von den Lungenbläschen ausgehend weiter ins Gewebe eindringen können. So hat es in Europa wie in den USA eine Relevanz, wie nahe wir an dieser Belastung dran sind (Abbildung 2). Auch das Wachstum der kindlichen Lunge bleibt unter diesen schlechten Bedingungen zurück. Aber: Wenn die Luftqualität wieder besser wird, erholt es sich wieder. Ein gutes Argument, die Umweltbedingungen hier und in der Welt schnell zu verbessern.

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Abbildung 3. Inzidenz der Tuberkulose getrennt nach Kindern und Erwachsenen in den Jahren 2002–2016. Foto: Robert-Koch-Institut, Berlin

In der Kinderpneumologie sind Infektionen ein zentrales Thema. Prof. Dr. Riedler (Schwarzach) stellte die neuen Leitlinien in der Diagnose und Therapie der Lungenentzündungen vor, die im Alltag (also nicht in der Klinik – sog. community-acquired pneumonia CAP) erworben wurden. Hier hat sich inzwischen durchgesetzt, dass der Einsatz von Antibiotika seltener notwendig ist.

Die Vorträge von Prof. Dr. Kampmann (London) und PD Dr. Barker (Berlin) zum Thema Tuberkulose haben ebenfalls einige Mythen beendet. Sie zeigten, dass die Neuerkrankungen von Kindern an Tuberkulose in Deutschland noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau liegen. Die Migration der letzten Jahre hat bei den Kindern lediglich einem geringen Anstieg ausgelöst (Abbildung 3). Wichtige Aspekte der Therapie wurden diskutiert, besonders auch die Behandlung der multiresistenten Erreger.

Wieder einmal ein erhellender Kongress der Kinderpneumologen. Die Bandbreite der Vorträge und Seminare war riesig. Auch politisch heikle Themen wie die Dieselaffäre wurden diskutiert, aber auf wissenschaftlicher Grundlage, was der Sache angemessen ist. Politisch bleiben noch viele Wünsche offen. Einer der wichtigsten ist wohl der, wie der massiven Luftverschmutzung und deren Folgen in Asien und Afrika zu begegnen sein wird. In Deutschland, Österreich und der Schweiz – wo genügende gesellschaftliche Strukturen vorhanden sind – sollten wir bald anfangen.